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Leben aus dem Baukasten?

In einem öffentlichen Forum informierte der Deutsche Ethikrat über die Grundlagen der Synthetischen Biologie und mögliche ethische Probleme und Konsequenzen, die sich aus den Fortschritten dieses neuen Forschungsfeldes für unser Lebens- und Menschenbild ergeben könnten.

Am 24. Februar 2010 führte der Deutsche Ethikrat eine öffentliche Abendveranstaltung in seiner Reihe „Forum Bioethik" zum Thema „Synthetische Biologie - Leben aus dem Baukasten?" in Berlin durch. Das Interesse an diesem Thema war so groß, dass der Leibnizsaal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit seinen 320 Sitzplätzen nicht alle Teilnehmer der Veranstaltung fassen konnte.

Von Genbausteinen zur Synthese von Minimalorganismen

In ihrem Einführungsvortrag erklärte Prof. Dr. Bärbel Friedrich (Institut für Biologie/Mikrobiologie der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald) Zielsetzungen und Technologien der Synthetischen Biologie. Dieser junge Forschungszweig kann als Fortentwicklung der Gentechnik angesehen werden, bei dem nicht einzelne Gene, sondern ganze Genkaskaden und Genome mit Hilfe standardisierter Bausteine manipuliert oder neu entworfen werden, um neue, bisher nicht existierende biologische Systeme zu schaffen. Meilensteine in der Entwicklung der Synthetischen Biologie waren z.B. 2002 die Synthese der Poliovirus-cDNA (7.500 Basenpaare) aus Oligonukleotiden durch Eckard Wimmer und Mitarbeiter sowie 2008 der Zusammenbau des gesamten Genoms von Mycoplasma genitalium (580 kb = 580.000 Basenpaare) aus vorgefertigten Bausteinen durch Craig Venter. Friedrich hob hervor, dass die Fortschritte der Gensequenzierungstechniken zwar schon heute erlauben, das menschliche Genom innerhalb etwa zehn Stunden zum Preis von 5-10.000 $ vollständig zu sequenzieren, dass aber eine rein chemische Synthese ganzer Genome mit heutigen Techniken nicht sinnvoll ist. Für ein hypothetisches Minimalgenom von 110 kb würde etwa ein Jahr benötigt. Die vollständig künstliche Herstellung ganzer vermehrungsfähiger „Protozellen“ liegt jenseits heutiger Möglichkeiten. Nutzanwendungen der künstlichen DNA-Synthesen bestehen unter anderem in der Herstellung spezifischer Nukleinsäuren für Vakzine und für die somatische Gentherapie. Die besonders von Venter vorangetriebene Erzeugung einer Minimalzelle soll als „Chassis“ für Biosyntheseleistungen dienen, zum Beispiel zur Produktion von Biotreibstoffen. Von Bedeutung sind auch maßgeschneiderte Stoffwechselwege durch sogenanntes „pathway engineering“, das besonders zur Herstellung komplexer Wirkstoffe dienen kann, die erst durch das Zusammenspiel vieler Gene gebildet werden - wie etwa Hydrocortison, Taxol oder das Anti-Malariamittel Artemisinsäure.

Friedrich ist der Überzeugung, dass die mit den Techniken verbundenen Sicherheitsrisiken durch das geltende Gentechnikgesetz abgedeckt werden; für die Pharmaka gilt selbstverständlich auch die Arzneimittelgesetzgebung. Künstliche Minimalorganismen können sich schon per definitionem nicht in freier Wildbahn vermehren, da sie über keine Anpassungen verfügen; außerdem lassen sich, wie schon bei dem „künstlichen“ Mycoplasma genitalium geschehen, Sicherheitsmechanismen einbauen.

Verantwortung und Menschenwürde

Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär a.D. und Ethikratsmitglied © Deutscher Ethikrat

Die anschließende Podiumsdiskussion konzentrierte sich, wie Wolf-Michael Catenhusen als Moderator darlegte, auf die ethischen und anthropologischen Aspekte der Synthetischen Biologie und die Verantwortung der Wissenschaftler. Er fühle sich bei dem Thema an vergangene Schlachten über Akzeptanz und Risiken der Gentechnik erinnert, an denen er beteiligt gewesen war.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren die Philosophen Prof. Dr. Volker Gerhardt (Humboldt-Universität zu Berlin, Ethikratsmitglied) und Prof. Dr. Andreas Brenner (Universität Basel, Schweiz) sowie der Katholische Theologe Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff (Universität Freiburg, Ethikratsmitglied) und der Evangelische Theologe Prof. Dr. Peter Dabrock (Universität Marburg).

Für Andreas Brenner bedeuten die Potenziale der Synthetischen Biologie ein Problem der Risikoabschätzung und die Gefahr, dass die globale Ungerechtigkeit verstärkt würde, da nur die reichen Länder darauf zugreifen könnten. Für ihn stellt sich auch die Frage des Verständnisses von „Leben" selbst: Wenn Leben nicht mehr das Gewordene, Geschöpfte, sondern das Gemachte sein kann, sei die Würde der Natur betroffen.

Volker Gerhardt sieht die Synthetische Biologie als eine Konsequenz des kausal-analytischen Forschungsansatzes in Chemie, Physik und Biologie. Auch in der Philosophie führt die Einheitlichkeit der Natur zu einheitlichen Untersuchungsverfahren. Wenn wir aber nun durch die Kausalanalyse in der Synthetischen Biologie lebendige Systeme erklären können, so bedeutet das einen tiefen Eingriff in die Selbststeuerungsprozesse des Lebens und eine Herausforderung für die menschliche Würde. Dafür tragen der Mensch (der Wissenschaftler) und die Gesellschaft Verantwortung.

Bei Peter Dabrock steht der Aspekt, dass der Mensch mit seinen Eingriffen in die Baupläne des Lebens ethische Grenzen überschreiten könnte und „Gott spielt“ im Vordergrund. Er verweist darauf, dass für viele Menschen dieses Verschwimmen der Grenze von Leben und Nicht-Leben unheimlich und nicht akzeptabel ist. Die Diskussion mit der Öffentlichkeit sei hier dringend notwendig.

Dagegen hält Schockenhoff, dass die Metapher „Playing God“ für ihn als Theologen nicht relevant sei. Die Entwicklung der Synthetischen Biologie gehöre zu dieser späten Phase in der Evolution des Menschen. Allerdings erreicht sie in der Synthetischen Biologie eine neue Dimension, und die Wissenschaft entlastet uns nicht von der Verantwortung für das, was wir tun. Wir könnten die Weltprobleme wie Hunger und Armut nicht durch Synthetische Biologie lösen, und „lebendige Artefakte“ als Verfügungsmasse für unsere Bedürfnisse zu schaffen, sei eine Verarmung unseres Naturbildes.

Der Deutsche Ethikrat ist ein in seiner Tätigkeit unabhängiges Gremium aus 26 Mitgliedern, die naturwissenschaftliche, medizinische, theologische, philosophische, ethische, soziale, ökonomische und rechtliche Belange in besonderer Weise repräsentieren. Der Ethikrat erarbeitet Stellungnahmen auf der Grundlage eigenen Entschlusses, kann aber auch vom Deutschen Bundestag oder der Bundesregierung damit beauftragt werden. Seine Mitglieder, die ihr Amt persönlich und unabhängig ausüben und nur an den durch das Ethikratgesetz begründeten Auftrag gebunden sind, werden vom Präsidenten des Deutschen Bundestages je zur Hälfte auf Vorschlag des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung für die Dauer von vier Jahren berufen, sie dürfen aber weder einer gesetzgebenden Körperschaft des Bundes oder eines Landes noch der Bundesregierung oder einer Landesregierung angehören. Eine Wiederberufung ist einmal möglich.

Keine Dramatisierung der Lage

Die Debatte wirkte auf mich und andere Zuhörer, wie aus Stellungnahmen aus dem Publikum deutlich wurde, seltsam abgehoben von dem Gegenstand, in den Bärbel Friedrich (die am Schluss recht verloren neben den anderen Rednern auf dem Podium saß) eingeführt hatte. Es schien, als wäre man sich eigentlich einig, dass man die Lage nicht dramatisieren solle und die Synthetische Biologie gegenwärtig keinen dringenden Handlungsbedarf bedingte: Vielleicht muss man das Gentechnikgesetz ergänzen. Auf das Argument, dass der menschliche Organismus mit seinen Abwehrkräften völlig neuartig geschaffenen Biosystemen nicht gewachsen sein könnte, folgte der Verweis auf die nahezu unbegrenzte Vielfalt von Antigenstrukturen, die das Immunsystem erkennen kann. Dass die Möglichkeiten der Synthetischen Biologie zur Herstellung von Organismen oder Toxinen für die biologische Kriegsführung und den Bioterrorismus missbraucht werden, stellt eine Gefahr dar, zumal die relevanten Datenbanken meist öffentlich zugänglich sind. Gegenüber den Missbrauchsgefahren durch bereits etablierte Techniken liefert die Synthetische Biologie keine zusätzliche Sicherheitsproblematik.

Prof. Dr. Jochen Taupitz, Institut für Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik, Universität Mannheim, Ethikratsmitglied © Deutscher Ethikrat

Man war aber offenkundig bemüht, dem Thema Gewicht zu verleihen. Und so wurden fundamentale Fragen aufgeworfen und große Namen zitiert. Eberhard Schockenhoff sieht den Menschen bei der Schaffung synthetischer Biosysteme als „homo creator" im Einklang mit den theologischen Evolutionsvorstellungen von Teilhard de Chardin und benennt zudem Franz von Assisi als Mahner für die Erhaltung der Schönheit der Schöpfung. Darauf antwortet Peter Dabrock mit Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben" und zitiert Karl Barths Begriff der Sünde, wenn der Mensch versucht, die Schöpfung nachzuspielen. Für Volker Gerhardt bietet Kant die Orientierung für die gestiegene Verantwortung des Menschen infolge des Machtzuwachses durch die neuen Technologien.

Viel war von Menschenwürde die Rede, die durch ein verändertes Verständnis, was Leben sei, betroffen ist. Es war erfrischend, als in einem Diskussionsbeitrag aus dem Publikum Jochen Taupitz klarstellte, dass er seine Menschenwürde nicht durch synthetische Bakterien beeinträchtigt sehe. Im Übrigen entstünde durch neu geschaffene Organismen kein neues juristisches Problem, da die Juristen nicht-menschliche Lebewesen als Sachen ansehen.

Schon am 23. April 2009 hatte sich der Deutsche Ethikrat mit dem Thema befasst und war zu dem Ergebnis gekommen, dass vorerst keine Veranlassung bestehe, das Thema weiter zu bearbeiten. Die Diskussion dieses Abends legt die Annahme nahe, dass man es bis auf Weiteres dabei belassen wird. 

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