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Leena Bruckner-Tuderman – Wie die Haut funktioniert

Soeben hat sie den Eva Luise Köhler Forschungspreis für seltene Erkrankungen bekommen. Sie hat nicht nur entscheidend dazu beigetragen, die molekulare Ursache für die Hautkrankheit dystrophe Epidermolysis bullosa aufzuklären. Sie hat inzwischen auch mögliche klinische Therapien im Blick. Die Finnin Prof. Dr. Leena Bruckner-Tuderman von der Universitäts-Hautklinik Freiburg hat viele internationale Stationen hinter sich. Und auch wenn das Privatleben deshalb immer ein bisschen schwierig zu organisieren war – ihre Arbeit war es immer wert.

Prof. Dr. Leena Bruckner-Tuderman © privat

Seltene Erkrankungen – das hört sich nicht nach einem weltbewegenden Problem an. Warum also interessieren sich Ärzte dafür. Für die Inhaberin des Lehrstuhls für Dermatologie und Venerologie an der Universitäts-Hautklinik Freiburg und die Direktorin der School of Life Sciences am Freiburg Institute for Applied Studies (FRIAS) Prof. Dr. Leena Bruckner-Tuderman gibt es mehrere Gründe. Zwar leidet an solchen Erkrankungen per definitionem nur höchstens eine von zwei Tausend Personen. Aber gerade deshalb wird die Forschung in diesen Bereichen vernachlässigt. Ärzte stellen oft keine kompetente Diagnose, nur wenige Spezialisten können helfen. Patienten leiden oft unter schweren Symptomen, fühlen sich jedoch ausgegrenzt, weil sie über etwas klagen, das niemand kennt. Außerdem sind heute über Tausend seltene Erkrankungen bekannt, zusammen genommen leiden weltweit viele Millionen Menschen an ihnen, Therapien tun deshalb not. „Und dann gibt es da noch den wissenschaftlichen Aspekt“, sagt Bruckner-Tuderman. „Für viele solche Leiden ist ein einziger Gendefekt verantwortlich. Es ist daher außerordentlich interessant, die molekularen Auswirkungen dieses Gendefekts zu untersuchen und vielleicht auch etwas über die normale Funktionsweise des betroffenen Gewebes herauszufinden.“

Eine gute Entscheidung

Für die 1952 im finnischen Oulu geborene Leena Kaarina Bruckner-Tuderman ist schon immer die Kombination zwischen dem klinischen und dem wissenschaftlichen Interesse die treibende Kraft gewesen. Für die Wahl ihres Medizinstudiums war nicht nur entscheidend, dass es mit Fächern wie Pathologie, Nephrologie oder Radiologie eine große fachliche Vielfalt bot. Auch die Aussicht, gleichzeitig Ärztin und Forscherin werden zu können, zog sie an. Sie studierte zwischen 1971 und 1976 im finnischen Oulu und machte eine experimentelle Doktorarbeit in molekularer Medizin, bei der es um die Biosynthese von Bindegewebe ging. Für eine Postdoc-Stelle ging sie 1977 nach Piscataway bei New York, wo sie an der Rutgers Medical School die molekularen Ursachen von menschlichen Bindegewebserkrankungen untersuchte. In den USA lernte sie ihren Mann kennen, einen Schweizer Biochemiker. „Weil wir von nun an ein „dual career couple“ waren, war es schwer, den nächsten Schritt zu planen“, sagt Bruckner-Tuderman. „Das beste Angebot bekamen wir in der Schweiz.“ Die Finnin wechselte 1980 an das Biozentrum Basel, wo sie bis 1983 mit großer Begeisterung forschte. „Das moderne und äußerst interdisziplinäre Institut hat mir die Augen für die Möglichkeiten in der Zell- und Molekularbiologie geöffnet“, sagt Bruckner-Tuderman. „Das hat mich für meine ganze spätere Karriere beeinflusst.“

Die Symptome der dystrophen Epidermolysis bullosa: schmerzhafte Wunden und Blasen © www.netzwerk-ebs

Weil sie zunächst aber auch als Ärztin arbeiten wollte, entschloss sie sich 1987, an die Dermatologische Klinik der Universität Zürich zu wechseln und dort ihre Facharztausbildung zu machen. Das war eine gute Entscheidung, denn ihr Chefarzt Prof. Dr. Urs Schnyder interessierte sich zu dieser Zeit für die verschiedenen Formen der dystrophen Epidermolysis bullosa, einer genetisch bedingten Erkrankung der Haut, bei der Blasen und Wunden entstehen und die sehr schmerzhaft und in manchen Fällen sogar tödlich sein kann. Bruckner-Tudermans Expertise in den molekularbiologischen Methoden und ihr Wissen über die molekularen Prozesse im Bindegewebe kamen da gerade zur rechten Zeit. Zusammen wiesen die Wissenschaftler als erste Gruppe weltweit nach, dass für die seltene Hautkrankheit ein einziger molekularer Defekt verantwortlich ist. Ihre Forschung zeigte, dass bei allen Patienten das Gen für das Protein Kollagen VII entweder defekt ist oder ganz fehlt. Dieses Protein ist Bestandteil der sogenannten extrazellulären Matrix zwischen den Zellen der Ober- und Unterhaut. Diese Schicht hilft, die zwei Hautbereiche miteinander zu verbinden. Fehlt Kollagen VII, dann hat die Oberhaut keinen Halt mehr, Blasen bilden sich, Risse und Wunden treten auf.

Zwischen Grundlagenforschung und Klinischer Anwendung

1995 bekam Bruckner-Tudermans Mann einen Ruf auf einen Lehrstuhl an der Universität in Münster. Sie wechselte an die dortige Universitäts-Hautklinik. Unterstützt wurde sie durch ein SCORE-Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaften (SNF) und später durch eine Heisenberg-Professur der DFG, die ihre weitere Forschung ermöglichte. 1998 führte sie ein Forschungsaufenthalt nach Hongkong, zwischen 2000 und 2001 an die Harvard Medical School in Boston. 2003 folgte sie dann dem Ruf an die Universitäts-Hautklinik in Freiburg, auf den Lehrstuhl für Dermatologie und Venerologie, wo sie seitdem forscht und als Ärztin arbeitet. „Als Professorin mit einem Professor verheiratet zu sein, ist manchmal schwierig. Man hat nur wenig Zeit füreinander, jedes Wochenende fahre ich entweder nach Münster oder mein Mann kommt hierher“, sagt die 57-jährige. „Aber man versteht die Probleme und die Glücksmomente des anderen auch besser, man weiß, was es bedeutet, wenn eine Entdeckung gelingt, man freut sich und ist glücklich zusammen.“ Die Arbeit in Freiburg ist für die Finnin sehr erfüllend. In ihre Heimat will sie momentan nicht unbedingt zurück, auch wenn sie zweimal im Jahr ihre Familie besucht und diverse Berater- und Gremientätigkeiten an einigen finnischen Universitäten ausübt. Seit 2007 ist sie Direktorin am FRIAS. In diesem Rahmen tauscht sie sich mit exzellenten Kollegen aus und entwickelt gemeinsam mit ihnen neue Ideen. Ein weiterer Grund, vorerst in Freiburg zu bleiben.

Die Haut im Fluoreszenzmikroskop: Fehlt Kollagen VII, dann halten Ober- und Unterhaut nicht mehr zusammen (rechts). Entlang der sie verbindenden Schicht (starke grüne Linie) reißt das Gewebe und es entstehen die für die dystrophe Epidermis bullosa typischen Blasen. © www.netzwerk-ebs.de

Und ihre Forschung ist heute mehr denn je an der Schnittstelle zwischen Grundlagendisziplin und klinischer Anwendung. Noch immer untersucht sie zusammen mit ihren Mitarbeitern und internationalen Kooperationspartnern, wie die einzelnen Defekte in dem Gen für das Kollagen VII zu den verschiedenen Formen der dystrophen Epidermolysis bullosa führen. Dabei ergründen sie und ihr Team auch die molekularen Wechselwirkungen in dem Gewebe der Haut. „Inzwischen denken wir auch an molekulare Therapien“, sagt Bruckner-Tuderman.

Die Wissenschaftler haben ein Knockout-Mausmodell, in dem das Gen für Kollagen VII fehlt. Sie versuchen, den Tieren zum Beispiel gesunde Hautzellen unter die Haut zu spritzen, die das wichtige Protein produzieren können. Das könnte in Zukunft vielleicht auch dem Menschen helfen. Diverse Kontrollexperimente müssen noch durchgeführt werden. Zum Beispiel stößt der Körper fremde Zellen ab. Diese Immunreaktion müssen die Forscher irgendwie in den Griff kriegen. Bald können aber vielleicht erste klinische Tests starten. Ein anderer, ganz modernen Ansatz ist die Stammzelltherapie. Im Rahmen eines BMBF-Projekts mit den Universitäten Tübingen, Marburg und Köln werden in naher Zukunft erste Experimente anlaufen, bei denen die Forscher Stammzellen aus dem Knochenmark in die Haut der Tiere verpflanzen. Bruckner-Tuderman ist weiterhin fasziniert von ihrer Arbeit. „Ich habe mich schon immer für komplexe Probleme interessiert“, sagt sie. „Und genau das macht meinen Job immer wieder aus.“

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