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Michael Bach – Der Zweifel macht den Wissenschaftler aus

Als eines seiner Hobbys bezeichnet Prof. Dr. Michael Bach von der Freiburger Universitäts-Augenklinik die Skepsis. Die schulte der gelernte Physiker in den 70ern und 80ern durch den Kontakt zu Forschern des damaligen Freiburger Instituts für Parapsychologie. Heute begleitet sie seine Arbeit in der funktionellen Sehforschung genauso wie seine Herangehensweise an alltägliche Phänomene. „Als guter Wissenschaftler muss man alles anzweifeln, auch manchmal die eigene Wahrnehmung“, sagt er.

Prof. Dr. Michael Bach (Foto: privat)
Nicht alles, was wir sehen, ist wirklich da. Diese Erkenntnis offenbart sich sehr anschaulich bei optischen Täuschungen, von denen die Wissenschaft heute sehr viele kennt. Da gibt es scheinbare Rotationen von Kreisen, die eigentlich still stehen. Da gibt es ausschreitende Silhouetten von Menschen, wo sich eigentlich nur einzelne Punkte gleichzeitig bewegen. Das Gehirn konstruiert aus objektiven Tatsachen subjektive Realitäten – man muss schon genau aufpassen, wenn man wissen will, was wirklich ist und was nicht. Heute gehören optische Täuschungen zu den Forschungsgebieten von Prof. Dr. Michael Bach von der Universitäts-Augenklinik in Freiburg. Sie verraten ihm, wie das Sehen funktioniert. Und vielleicht erinnern sie ihn ja auch immer wieder daran, dass der Zweifel an der eigenen Wahrnehmung immer zur Wissenschaft dazu gehört.


Der Blick hinter das „Übersinnliche“

Der 1950 in Berlin geborene Bach interessierte sich schon immer für die Naturwissenschaft. Wie viele andere spätere Naturwissenschaftler hatte auch er als Jugendlicher ein Chemielabor im Keller und bastelte elektronische Geräte. Allerdings hinterließ die frühe Begeisterung bei ihm mehr als nur ideelle Spuren: „Weil die Apparatur, mit der ich Tränengas produziert habe, leckte, bin ich heute gegen dieses Gas immun“, behauptet Bach. Zweifel an seiner Berufswahl hatte er nie. „Keine Frage, ich wollte Physiker werden“, erinnert er sich. 1970 begann er das Physikstudium in Bochum, das er 1977 mit einem Diplom abschloss. Als Physiker standen ihm nun die Wege in so gut wie jede Naturwissenschaft offen. 1978 siedelte er nach Freiburg um und promovierte in der Gehirnforschung und der Sinnesphysiologie.
Einer der Gründe, warum Bach überhaupt nach Freiburg kam, war das damalige Institut für Parapsychologie (das heutige Institut für Grenzgebiete der Psychologie und psychische Hygiene IGPP), an dem „übersinnliche“ Phänomene untersucht wurden. „Natürlich gibt es keine Geister und auch keine Telekinese“, sagt der 58-Jährige. „Für jedes scheinbar übernatürliche Phänomen suche ich zuerst einmal eine rationale Erklärung, und das taten die Parapsychologen in Freiburg damals auch.“ Sein besonderer Hang zur Skepsis fand dort also einen Nährboden und wuchs von da an weiter. In dieser Zeit entstand auch sein Interesse für optische Täuschungen. Ein Projekt, das auch heute noch seine wissenschaftliche Aufmerksamkeit beansprucht, gebar sich bei der Zusammenarbeit mit einem Doktoranden des Instituts für Parapsychologie. Es geht dabei um den so genannten Necker-Würfel, einen aus Konturen zusammengesetzten 3D-Quader, der in regelmäßigen Abständen seine Tiefen-Ausrichtung zu wechseln scheint. „Wir untersuchten damals mit elektrophysiologischen Methoden, was während des Wahrnehmungswechsels eigentlich im Gehirn eines Probanden passiert“, sagt Bach. Inzwischen konnten er und seine Mitarbeiter zeigen, dass bei dieser Wahrnehmung nicht nur die höheren Ebenen des Gehirns beteiligt sind, wie bisher angenommen, sondern auch Prozesse auf den frühen Stufen der sensorischen Verarbeitung.
Abbildung von drei dreidimensionalen Würfeln, von denen nur die Konturen zu sehen sind. Der erste Würfel erscheint neutral, während der zweite und dritte gegeneinander gekippt zu stehen scheinen.
Der Necker-Würfel scheint in kurzen Abständen seine Tiefenausrichtung zu wechseln. (Abbildungen: Prof. Dr. Michael Bach)

Fruchtbare Selbstzweifel

Weil der Berliner schon immer ein starkes Interesse an der interdisziplinären Arbeit hatte, nahm er nach seiner Promotion 1981 eine Stelle in der Augenheilkunde der Universitäts-Augenklinik an, ab 1983 leitete er den Bereich Elektrophysiologie. Er wollte nicht dem Forscher-Trend folgen und eine Postdoc-Stelle in Amerika antreten. „Ich dachte damals, dass ich ohnehin nicht so klug bin wie die anderen Wissenschaftler“, kommentiert er seine Entscheidung. Ein gegen sich selbst gerichteter Zweifel? Diese Einstellung begleitete Bach anfangs auch auf Kongressen, wo er immer den Eindruck hatte, die anderen Forschungsgruppen seien besser. Dann verstand er, dass es eben dieser methodische Zweifel an der eigenen Arbeit ist, der die experimentellen Ergebnisse mit der Zeit wasserdicht macht. „Genau deshalb wird ein Wissenschaftler gut“, sagt er. „Weil er immer wieder an seinen Resultaten zweifelt und weitere Experimente macht, bis die Ergebnisse gegen jeden Zweifel gefeit sind.“
Seit 1993 ist Bach Professor und Leiter der Sektion funktionelle Sehforschung und Elektrophysiologie in der Augenklinik. Heute weiß er, dass Wissenschaft auch durch Misserfolge geprägt ist. Weil seine frühen Arbeiten über den Necker-Würfel lange Zeit von psychologischen Fachzeitschriften abgelehnt wurden, sicherte er seine Experimente durch Kontrollen immer besser ab. Die geradlinigen Erfolgsgeschichten vieler Wissenschaftler glaubt er nicht immer. Und er misstraut auch dem wissenschaftlichen Betrieb, der Gelder nur an Projekte mit kurzfristigen Erfolgsaussichten vergibt. „Jemand, der acht Jahre lang an einer Methode feilt, bis sie überhaupt funktioniert, hat es heute schwer“, sagt er. „Aber manche Dinge brauchen eben so lange.“

Gegen die Selbsttäuschung des Gehirns

Prof. Dr. Michael Bach zeigt bei einem Workshop, wie man die durch visuelle Reize bedingte Aktivität im optischen Areal des Gehirns messen kann. (Foto: privat)
Mit eigenen Erfolgen hat Bach inzwischen keine Probleme, seine Publikationsliste von mehr als 170 Artikeln und etwa 20 Kapiteln in Fachbüchern ist durchaus beachtlich, auch ist er seit fünf Jahren Präsident der „International Society for Clinical Electrophysiology of Vision“. Zu den ganz Großen zählt er sich trotzdem nicht. „Ich bin der Meinung, dass es durchaus Leute über mir gibt“, sagt er, auch hier um Objektivität bemüht. „Ich liefere aber solide Wissenschaft ab.“ Seit mehr als 20 Jahren erforscht er neben optischen Täuschungen auch pathologische Störungen der visuellen Wahrnehmung. In diesem Zusammenhang arbeitet er zum Beispiel an der Entwicklung eines elektrophysiologischen Verfahrens, mit dem Ärzte die frühen Anfänge des Grünen Stars nachweisen können. Diese Erblindungskrankheit, bei der auf Grund eines zu hohen Augen-Innendrucks allmählich die Nervenzellen im Auge absterben, wird durch Betroffene oft erst erkannt, wenn es schon zu spät ist. Das liegt auch an einer optischen Täuschung: Wenn bestimmte Bereiche des visuellen Feldes ausfallen, füllt das Gehirn einfach Wahrnehmungen ein und erzeugt so den subjektiven Eindruck, man würde noch ganz normal sehen.
Auch hier ist also ein gewisser Zweifel angebracht. Bach und seine Mitarbeiter messen daher die elektrische Aktivität der Nervenzellen und bestimmen so, ob diese noch intakt sind. „Das ist eine rein objektive Methode“, sagt Bach. Mit diesem Verfahren können Ärzte in Zukunft vielleicht die in die Blindheit führende Selbsttäuschung des Gehirns früher entlarven.

mn – 28.07.08
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
Weitere Informationen zum Beitrag:
Prof. Dr. Michael Bach
Universitäts-Augenklinik
Universität Freiburg
Killianstr. 5
79106 Freiburg
Tel.: +49 (761)/270-4061
E-Mail: michael.bach@uni-freiburg.de
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/michael-bach-der-zweifel-macht-den-wissenschaftler-aus