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Mit Vitamin D sinkt das Sterblichkeitsrisiko

Die medizinische Bedeutung von Vitamin D (Calciferol) ist wahrscheinlich noch größer, als dies Studien in jüngerer Vergangenheit nahelegen. Was Wissenschaftler in einer großen Studie jetzt herausgefunden haben, hat beträchtliches Aufsehen erregt: Die Mediziner, darunter der Ulmer Endokrinologe Bernhard Böhm, haben Grund zur Annahme, dass Vitamin-D-Mangel das Sterblichkeitsrisiko erhöht.

Böhm gibt sich zwar noch vorsichtig, hält aber angesichts der Daten einen Zufall für ausgeschlossen. Klarheit würde ein klinischer Versuch schaffen, doch dessen Finanzierung könnte nach Böhms Einschätzung aller medizinischen Bedeutung zum Trotz schwierig werden, weil sich an Vitamin D zu wenig verdienen lasse, es kein Medikament sei und seinen Patentschutz längst verloren habe. Böhm und Kollegen hoffen jetzt auf europäische Unterstützung.

Klare Assoziation zwischen Mortalität und Vitamin D

Prof. Dr. Bernhard Böhm (Foto: Pytlik)
Was die Daten bedeutsam macht, ist die Tatsache, dass zum ersten Mal ein direkter Zusammenhang zwischen einem Vitamin-D-Mangel und einem erhöhten Risiko für die Gesamtsterblichkeit wie auch für Herzkreislauf-Erkrankungen gezeigt wurde. Überraschenderweise, berichtet Böhm, zeigte die Untersuchung, dass beide Hauptformen des Vitamin D (25-Hydroxyvitamin D) und das biologisch aktive 1,25-Dihydroxyvitamin D) mit dem höheren Sterblichkeitsrisiko verbunden sind.

Die Aussagen sind belastbar, weil die Daten aus Blutproben von 3.200 Männern und Frauen aus dem LURIC-Studienkollektiv stammen und seit acht Jahren verfolgt werden. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer betrug 62 Jahre. Die Studienteilnehmer wurden zwischen 1997 und 2000 rekrutiert; mittlerweile verstarben 737 Personen.

Saisonale Schwankungen des Vitamin D-Spiegels

Den Anstoß für die Untersuchung gab die alte, wiewohl noch unbeantwortete Frage nach dem Zusammenhang von Vitamin-D-Spiegel und kardiovaskulären Erkrankungen, die laut Böhm häufiger im Winter aufträten. Die „gewagte Hypothese“ (Böhm) war, dass in den Sommermonaten der Vitamin-D-Spiegel steige und somit das Risiko für diese Erkrankungen sinke.

Die LURIC-Daten zeigten, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel mit einem erhöhten Sterberisiko einhergeht. Aus der Gruppe der Studienteilnehmer mit den niedrigsten Vitamin-D-Werten im Blut starben beinahe doppelt so viele wie aus der Gruppe mit den höchsten Werten.

Studien: Vitamin D für Gesundheit immer wichtiger

Vitamin D wird größtenteils über das Sonnenlicht durch chemische Prozesse in den unteren Hautschichten vom Körper aufgenommen. (Foto: Pixelio.de)
Vitamin D wird größtenteils über das Sonnenlicht durch chemische Prozesse in den unteren Hautschichten vom Körper aufgenommen. (Foto: Pixelio.de)
Die Bedeutung des Vitamins D für die menschliche Gesundheit haben in letzter Zeit viele Studien konkretisiert. Klar ist, dass Vitamin D zahlreiche wichtige regulatorische Funktionen im Körper übernimmt. Es regelt die Kalziumaufnahme im Darm, mit der Konsequenz verbesserter Kalziumverfügbarkeit, damit die Knochen fester werden. Vitamin D reguliert im Immunsystem auch Entzündungen herunter, was in Tierversuchen nach Böhms Worten überzeugend nachgewiesen wurde. Obwohl ein enger Zusammenhang zwischen Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen besteht, sei dieser Zusammenhang mit Vitamin D noch nicht untersucht worden.

Jetzt wird der Wirkmechanismus beschrieben

Überrascht hat Böhm, dass die Speicherform des Vitamin D (25-Hydroxyvitamin D) und nicht so sehr das in der Petrischale als hochstoffwechselwirksam bekannte 1,25 Dihydroxyvitamin D die entscheidende Rolle spielte. Der Ulmer Endokrinologe vermutet, dass die Umwandlung je nach lokalen Bedürfnissen im Körper geschieht, weil dazu zahlreiche Körperzellen in der Lage sind. Im Detail wurde aber noch nicht untersucht, wie Vitamin D Entzündungsherde eingrenzt. In einer demnächst publizierten Arbeit wird Böhm den Wirkmechanismus des Vitamin D, das eigentlich ein Steroidhormon ist, darlegen. Die noch nicht veröffentlichte Studie sei von allen Gutachtern einhellig begrüßt worden, was Böhm nach eigenen Worten noch nie passiert sei.

Überraschung mit Ansage

Warum wurden diese nicht unbedeutenden Ergebnisse erst jetzt bekannt? Böhm erklärt sich das mit dem offenbar richtigen Patienten-Kollektiv. Hinweise darauf lieferte eine mit Kollegen 2007 veröffentlichte Entdeckung zu natriuretischen Peptiden. Diese messen die Natriumlast im Körper, sorgen dafür, dass der Körper Natrium abgibt oder es im Körper behält. Diese Peptide, die auch ein Marker für Herzschwäche sind, spielen offenbar auch eine Rolle bei Störungen in der Kreislaufregulation. Vitamin D, so die überraschende Erkenntnis von Böhm und Kollegen, beeinflussen direkt das System der natriuretischen Peptide.

Bei Nierenkranken senkt Vitamin D das Risiko

Nur ein klinischer Versuch wird aus der begründeten Annahme Gewissheit machen: Lässt sich durch Gabe von Vitamin-D-Tabletten das Sterblichkeitsrisiko vermindern? Böhms Zuversicht speist sich aus einer weiteren Beobachtung an mit Vitamin D-Tabletten behandelten Nierenkranken. Deren Vitamin-Stoffwechsel ist gravierend gestört und weist deshalb zu wenig stoffwechselwirksames Vitamin D auf.

Diese Patienten, so Böhm, haben ein überproportional hohes Risiko an Herzkreislauf-Erkrankungen zu versterben, auch im Vergleich zu herzkranken Menschen. Dieses Risiko sinkt deutlich, wenn Vitamin D verabreicht wird, obwohl andere Risikofaktoren wie Blutfettgehalt oder Bluthochdruck unverändert blieben. Allein diese Tatsache, obwohl in einem ungleich kleineren Kollektiv erhoben, legt nach Böhms Worten den Einfluss von Vitamin D nahe und lasse sich auch für größere Gruppen, für Herzkreislauf-Kranke ohne Nierenstörung verallgemeinern.

Vitamin D ist eine Art chemischer Zentralschalter

Die Tragweite seiner Ergebnisse stellt Böhm in einen noch größeren Zusammenhang. Er verweist auf neue Erkenntnisse der Osteoporose-Forschung, wonach es einen auffälligen Zusammenhang zwischen der hohen Sterblichkeit bei hüftgelenksnahen Frakturen ein Jahr nach dem Eingriff und dem Ausgangs-Vitamin-D-Spiegel dieser Personen gebe.

Der Vitamin-D-Spiegel spielt auch eine Rolle („klare Assoziation“, Böhm) beim plötzlichen Herztod, sei bedeutsam für die Muskulatur (Muskelkraft) und ein „wichtiger Modulator“ bei kardiovaskulären Erkrankungen. Damit nicht genug: Es gibt nach Böhms Worten auch Hinweise darauf, dass Typ1-Diabetes direkt mit einem verminderten Vitamin-D-Spiegel korreliere. Am Tier gelinge es bereits, mit Vitamin D die Immunantwort besser zu modulieren.

Zwar ist der genaue Wirkungsmechanismus von Vitamin D noch ungeklärt, der unmittelbare Einfluss von Vitamin D auf das Sterberisiko sei jedoch augenfällig und erscheine auch biologisch plausibel.

Vitamin-D-Mangel, ein weltweites Phänomen

Vitamin D wird zu 80 bis 90 Prozent über das Sonnenlicht durch chemische Prozesse in den unteren Hautschichten vom Körper aufgenommen und nur zu zehn bis 20 Prozent über die Nahrung (z.B. fetthaltige Fische oder Eier) zugeführt. Die Hauptursache für Vitamin-D-Mangel ist ungenügende Sonnenlichtexposition: mangelnde Bewegung im Freien, dauernder Aufenthalt in geschlossenen Räumen, aber auch erhöhte Luftverschmutzung.

Jeder zweite Senior in der Ersten Welt hat zu wenig Vitamin D

Typische Risikogruppen unter Erwachsenen sind daher neben Alten- und Pflegeheimbewohnern auch Personen, die überwiegend im Nachtdienst oder tagsüber in geschlossenen Räumen arbeiten, sowie dunkelhäutige Menschen. Nach aktuellen Zahlen leiden 50 bis 60 Prozent der älteren Bevölkerung in Nordamerika und dem Rest der Welt an Vitamin-D-Mangel. Diesen Menschen fehlt nach Böhms Worten dann eine Art Fallschirm, wenn im Fall von Entzündungen beispielsweise die körpereigenen Reservemechanismen nicht eingreifen können. Aufgrund fortschreitender Urbanisierung und des davon geprägten Lebensstils sind zunehmend auch Kinder von Vitamin-D-Mangel betroffen.

Die Auswirkungen von Vitamin D auf die menschliche Physiologie lassen sich momentan noch nicht auf einen oder zwei grundlegende Mechanismen einschränken. Die Indizien häufen sich, dass für einen gut funktionierenden Stoffwechsel der menschliche Körper mit ausreichend Vitamin D versorgt sein muss. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt durchschnittlich fünf Mikrogramm Vitamin D am Tag, für Säuglinge, Kleinkinder und Senioren die doppelte Menge.

Ein halbstündiger Spaziergang am Mittag

Was rät der Mediziner gesundheitsbewussten Bürgern, die ihr Vitamin-D-Depot auffüllen wollen? Böhm empfiehlt ein kurzes heftiges Sonnenbad in der Mittagszeit. Diese Tageszeit verfüge über das beste Sonnenspektrum für die Vitamin-D-Synthese in der Haut. Und wer sich vorsichtshalber mit handelsüblichen Vitamin-D-Präparaten versorgt, kann im Grundsatz nichts falsch machen, denn das Steroidhormon ist nach Böhms Worten nicht giftig. Eine zu hohe Dosierung sei fast unmöglich, beruhigt der Fachmann. Den Optimalwert von größer als 30 Nanogramm/ml erfasst ein einfacher, billiger Routinetest über den Kalziumspiegel.

wp, 04.08.2008
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH


Literatur:
Dobnig, Harald et al.: Independant Association of Low Serum 25-Hydroxyvitamin D and 1,25-Dihydroxyvitamin D Levels With All-Cause and Cardiovascular Mortality, in. Archives of Internal Medicine Vol. 168(Nr. 12), S. 1340ff.

März, Winfried et al.: N-Terminal Pro-B-Type Natriuretic Peptide Predicts Total and Cardiovascular Mortality in Individuals with or without Stable Coronary Artery Disease: The Ludwigshafen Risk and Cardiovascular Health Study, in: Clinical Chemistry 53:6; 1075-1083, 2007.

Mayo Clinic (2008, July 15). Vitamin D: Builds Bones And Much More. Science Daily. Retrieved July 17, 2008, from: https://www.gesundheitsindustrie-bw.dewww.sciencedaily.cm/releases/2008/07/080714162515.htm

Dalhousie University (2008, February 16). A Ray Of Sunshine In the fight Against Cancer: Vitamin D May Help. Science Daily. Retrieved July 17, 2008, from: https://www.gesundheitsindustrie-bw.dewww.sciencedaily.com/releases/2008/02/080206210402.htm

Vitamin D und Krebsvorbeugung: Experte empfiehlt 30 Minuten Sonne pro Tag, in: aid-infodienst, 21/08, 21.05.2008
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/mit-vitamin-d-sinkt-das-sterblichkeitsrisiko