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Mit Wissen den unbekannten Killer bekämpfen

In Deutschland ist die ambulante Lungenentzündung die wichtigste Infektionskrankheit. Jährlich erkranken hierzulande 800.000 Menschen, 50.000 sterben daran und machen sie zur sechsthäufigsten Todesursache. Immer noch steigt die Zahl der Menschen, die ihretwegen im Krankenhaus behandelt werden müssen. Umso erstaunlicher mutet es an, dass Mediziner und Forscher relativ wenig über diese Volkskrankheit wissen, wenig über ihre Erreger, deren Resistenz und den Verlauf der Erkrankung. Eine neue Stiftung mit Sitz in Ulm will dazu beitragen, dass die schlimme Krankheit nicht weiter voranschreitet und die Therapie verbessert wird.

Die Datenlage und das Wissen über diese Krankheit beginnt sich seit 2002 zu verbessern, weil der Bund die Zusammenarbeit aller Fachleute im CAPNETZ mit zwölf Millionen Euro förderte. CAP ist das Kürzel für den englischen Begriff Community acquired pneumonia. Geld floss in klinische Forschungsvorhaben, mikrobiologisch-virologische Untersuchungen und krankheitsbezogene Grundlagenforschung. 6.500 Fälle hat das Netzwerk bundesweit aus zehn Regionen in einer Ulmer Datenbank zusammengetragen und wertet sie in der „weltweit größten Studie zu diesem Thema“ aus.

Pneumokokken sind wichtigster Erreger in Deutschland

Jetzt erst weiß man, dass in Deutschland der Keim Streptococcus pneumoniae, unser Bild, in jedem zweiten Fall eine ambulant erworbene Lungenentzündung auslöst. (Foto: Uniklinikum Ulm)
Jetzt erst weiß man, dass in Deutschland der Keim Streptococcus pneumoniae, unser Bild, in jedem zweiten Fall eine ambulant erworbene Lungenentzündung auslöst. (Foto: Uniklinikum Ulm)
Mit den ersten Ergebnissen sind die CAPNETZ-Experten durchaus zufrieden: Einfachere, billigere Antibiotika lassen die ambulante Lungenentzündung gut behandeln, viele Therapiefehler seien durch die Erkenntnisse des Netzwerks abgestellt worden. Festgestellt wurde auch, dass nur jede fünfte Lungenentzündung in Deutschland nach den internationalen bzw. nationalen Leitlinien behandelt werde. Diese Leitlinien wurden 2005 „unter wesentlicher Mitarbeit von CAPNETZ erstellt“ und beruhten teilweise auf darin gewonnenen Erkenntnissen.

Erstmals weiß man auch, welche Erreger in Deutschland die ambulante Lungenentzündung auslösen: In jedem zweiten Fall handelt es um den Keim Streptococcus pneumoniae. Aufschlussreich sei, dass in den USA oder Spanien andere Pneumokokken-Stämme als in Deutschland auftreten, sagte Reinhard Marre, leitender Ärztlicher Direktor des Ulmer Uniklinikums. Damit sei die Notwendigkeit deutscher klinischer Studien hinreichend erklärt.

Mit vier Fragen zu klarer Prognose des Verlaufs

Eine über Röntgenstrahlung ermittelte Lungenentzündung. (Foto: Uniklinikum Ulm)
Eine über Röntgenstrahlung ermittelte Lungenentzündung (Foto: Uniklinikum Ulm)
Eine weitere Erkenntnis: Das Bakterium Haemophilius influenzae löste in jedem fünften Fall, vorwiegend bei Rauchern, die Krankheit aus. Hingegen spielen Viren, größtenteils vom Typ Influenza, nur bei jedem zehnten Kranken eine Rolle. Bei Personen über 65 Jahren verläuft die Krankheit häufig schwer. Außerdem ermittelten die Forscher einen neuen, im Blut nachweisbaren Marker (Procalcitonin 3), der mit weiteren klinischen Werten wie Atemfrequenz, Blutdruck und Bewusstseinsstatus den Medizinern eine genaue Prognose erlaube. „Damit bekommen wir die richtigen Patienten in die Klinik“, fasste Tobias Welte (Medizinische Hochschule Hannover) zusammen.

Noch frei von Resistenz

Anders als in einigen Nachbarländern mit hoher Antibiotika-Resistenz müssen sich die Ärzte in Deutschland nicht mit resistenten Erregerstämmen herumschlagen. Über Studien wisse man, welches Antibiotikum für welche Erscheinungsformen der Lungenentzündung bei bestimmten Patientengruppen am besten wirke, sagte Norbert Suttorp von der Berliner Charité. Neu sei die Erkenntnis, dass ein beachtlicher Teil der mit Legionellen infizierten Patienten allein heile, sagte Reinhard Marre vom Ulmer Uniklinikum.

Allerdings fordern die Experten noch viel mehr Aufklärung in Fachkreisen und der Öffentlichkeit. Die Infektiologie sei in den Universitäten schlecht verankert, obwohl medizinisch bedeutsam. Suttorp verglich die Infektionskrankheit wie eine ambulante Lungenentzündung mit einem „Feuer im Keller“. Mit jeder verpassten Stunde erhöhe sich die Sterblichkeit um fünf Prozent. Zwar sei in den letzten Jahren das Bewusstsein in der Öffentlichkeit geschärft worden, viele Patienten kämen dennoch zu spät zum Arzt, weil sie die symptomatisch schwer erkennbare Lungenentzündung nicht ernst genug nähmen.

Jetzt können selbst Drittmittel beantragt werden

Auf dem Foto sind die Stiftungsräte Reinhard Marre der Uniklinik Ulm und Tobias Welte der Medizinischen Hochschule Hannover zusammen mit Guido Adler dem Vizepräsidenten der Uni Ulm und Norbert Suttorp, dem Stiftungsrat der Charité abgebildet.
Freude über die Stiftungsurkunde. Von links: Stiftungsrat Norbert Suttorp (Charité), Guido Adler, Vizepräsident der Universität Ulm, Stiftungsräte Reinhard Marre (Universitätsklinikum Ulm) und Tobias Welte (Medizinische Hochschule Hannover) (Foto: Universitätsklinikum Ulm) © Uniklinikum Ulm
Bis 2010 soll das bundesweite Netzwerk auf eigenen Füßen stehen, dann endet die bereits jetzt degressive Finanzierung des Forschungsministeriums. Schon im Mai haben die Unimedizin der Berliner Charité, die Medizinische Hochschule Hannover und die Ulmer Uniklinik aus dem öffentlich geförderten Kompetenznetzwerk CAPNETZ eine selbstständige Stiftung gemacht. Sie trägt die Infrastruktur weiter, soll Drittmittel und Zustiftungen einwerben.

Über die Höhe des Stiftungskapitals wollten die Mitglieder des Stiftungsrates keine Angaben machen. Zum alleinigen Vorstand wurde der Ulmer Mediziner Klaus Richter bestellt. Norbert Suttorp (Charité), Tobias Welter (Hannover) und Reinhard Marre (Ulm) wurden zu Stiftungsräten bestellt.

Stiftung soll Netzwerk stärken

Neben der Forschung ist die Verbindung mit den behandelnden Ärzten in Praxen und Kliniken ein wichtiger Baustein der Arbeit von CAPNETZ. Bundesweit arbeiten mehr als 500 niedergelassene und klinisch tätige Ärzte zusammen und stehen in engem Kontakt zu Forschern des Fachgebiets. Diese Infrastruktur zu erhalten und zu festigen ist für Richter die wichtigste Aufgabe der neuen Stiftung.

wp - 13.12.07
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