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Nachlese: Evolutionstag in Hohenheim

Am 24. September 2010 fand an der Universität Hohenheim zum dritten Mal der „Tag der Evolution“ statt, eine Initiative der Fachschaft Biologie. Wie in den beiden Jahren zuvor organisierten die Studierenden ein spannendes Programm mit Vorträgen und Praktika in den Laboren der Universität. Die Gäste informierten sich allgemein über evolutionäre Vorgänge und über die Rolle von Mutation und Selektion dabei.

Den Stein des Anstoßes erregte vor rund drei Jahren ein Vortrag, den ein Mikrobiologe und Kreationist auf Einladung einer christlichen Hochschulgruppe an der Uni Hohenheim hielt. Er erläuterte die Sichtweise der Kreationisten, die der darwinistischen Evolutionslehre entgegen treten und sich auf eine wörtliche Interpretation der biblischen Schöpfungsgeschichte berufen. „Das wollten wir so nicht stehen lassen und entwickelten deshalb die Idee, einen Evolutionstag zu organisieren“, sagt Melike Ömerogullari von der Hohenheimer Fachschaft Biologie. Der Evolutionstag wendet sich allgemein an die interessierte Öffentlichkeit und an Schüler der Oberstufe. „Der Presse ist immer wieder zu entnehmen, dass Kreationisten ihren Stoff auch in die Schulen bringen wollen, deshalb war es uns besonders wichtig, auch Schüler anzusprechen“, so Ömerogullari.

Spielerisch lernen, was Evolution bedeutet: Fachschaftsmitglied Eddie Griese beim Evolutionsspiel, das Teil der Praktikumsblöcke ist. © Alexandra Knörzer

Das Fachschafts-Team hatte bereits zum ersten Evolutionstag landesweit Gymnasien angeschrieben und Schüler eingeladen – mit Erfolg: 2008 meldeten sich über 300 Schüler zur Pilot-Veranstaltung in Hohenheim an. Auch bei den Mitarbeitern und Dozenten der Universität fand die Initiative auf Anhieb viel Zuspruch, was dem Evolutionstag insgesamt zu einem hervorragenden Start verhalf. „Wir erhielten schon beim ersten Mal eine große Unterstützung von den Dozenten und die Institute waren begeistert“, bestätigt Ömerogullari und ihr Kommilitone Marcus Peter ergänzt: „Die Veranstaltung stößt auf beidseitiges Interesse, Gäste und Gastgeber inspirieren sich gegenseitig, es entsteht ein reger Meinungsaustausch, der auch die Mitarbeiter motiviert.“ Deren Engagement ist nicht selbstverständlich und wird von den Studenten deshalb auch hoch geschätzt. Schließlich unterstützen alle „Helfer“ vom Professor bis zum wissenschaftlichen Mitarbeiter unentgeltlich in ihrer Freizeit die Vorbereitungen und die Durchführung.

Gelungene Mischung aus Vorträgen und Mitmach-Aktionen

Das ambitionierte Programm wird von Jahr zu Jahr etwas variiert, vor allem, was die Vorträge betrifft. Start ist jeweils am frühen Nachmittag mit einem Eröffnungsvortrag. In diesem Jahr sprach Prof. Dr. Steidle vom Fachgebiet Tierökologie der Universität Hohenheim über „Evolution in der Speisekammer“. In diesem Biotop konkurrieren die Arten um „natürliche“ Ressourcen wie Nudeln und Mehl. Steidle gab Einblicke in die Überlebenskämpfe von Motten, Käfern, Kakerlaken und Co. Anschließend gab es zwei aufeinanderfolgende identische Praktikumsblöcke, bei denen die Besucher jeweils zwischen sieben Themen wählen konnten. Durch die Dopplung hatten die Gäste die Möglichkeit, in zwei Themen tiefer einzutauchen. Teil der Veranstaltungsblöcke war auch eine Führung durch den Botanischen Garten der Universität, bei der Fachleute in die Evolution der Pflanzen einführten. Ansonsten standen unter anderem ein mikrobiologisches Praktikum zur Evolution von Photosynthesesystemen und ein parasitologisches Praktikum zur Koevolution von Parasit und Wirt auf dem Programm. Die Evolution des Geruchssinnes wurde ebenso thematisiert wie die der Augen – hier konnten die Gäste bei der Präparation von Insektenaugen der Fruchtfliege mitwirken.

„Wir sind auf sehr viel Enthusiasmus bei den Schülern gestoßen. Sie fanden es durchgehend interessant, auch wenn die Themen über das Schulniveau hinausgingen. Positiv fanden wir auch, dass alle Schüler auf Nachfrage vehement verneinten, von ihrer Schule abgeordnet worden zu sein“, so Peter. Was den Kreationismus angeht, wurde er bei den theoretischen Einführungen jeweils kurz angesprochen, wobei Peter sagt: „Unser Eindruck ist, dass Kreationismus zumindest bei unseren Gästen auf keinen fruchtbaren Boden trifft. Es ist wohl hauptsächlich ein US-amerikanisches Phänomen, das in Europa – bisher zumindest – nur wenig Verbreitung findet.“

Weiterführung erwünscht, aber ungewiss

Auch beim Praktikum Mikrobiologie ist die aktive Mitarbeit der Besucher gefragt. © Alexandra Knörzer

In diesem Jahr sollte eine Podiumsdiskussion den Evolutionstag beschließen. Geplant war eine Diskussion über grüne Gentechnik, zu der die Studierenden Vertreter aus der Politik, dem Hochschulbereich und einen Mitarbeiter der Monsanto Agrar Deutschland GmbH eingeladen hatten. „Von ihm bekamen wir leider sehr kurzfristig eine Absage. Da wir eine einseitige Podiumsdiskussion für wenig sinnvoll hielten, haben wir gemeinsam mit dem Moderator, einem Wissenschaftler der Uni Hohenheim, beschlossen, die Diskussion abzusagen“, sagt Eddie Griese vom Fachschaftsteam.

Dieser Wermutstropfen hält das Team jedoch nicht davon ab, sich für eine Weiterführung des Evolutionstages einzusetzen. Wobei es momentan aus Personalgründen noch fraglich ist, ob es auch 2011 einen Evolutionstag geben wird. Die Fachschaft leidet aktuell an Nachwuchsmangel. „In diesem Jahr waren wir mit einem Organisationsteam aus fünf Leuten am Limit. Wenn im nächsten Jahr einige von uns ihr Studium beendet haben und von den neuen Semestern niemand nachkommt, können wir das kaum bewältigen“, sagt Ömerogullari. Auf die Frage, warum es an Engagement mangelt, antwortet Griese, der nach seinem Bachelor jetzt im ersten Master-Semester Biologie studiert: „Es liegt wohl schon an der Umstellung auf das Bachelor-/Master-System. Das Bachelor-Studium ist schon relativ anstrengend, aber die Studierenden haben darüber hinaus auch einfach den Eindruck, stets zu wenig zu arbeiten.“ Griese selbst ist das beste Beispiel dafür, dass es trotz der hohen Anforderungen im Studium noch möglich ist, in der Fachschaft mitzuarbeiten und sich für studentische Belange zu engagieren.

An Unterstützung von Hochschulseite fehlt es jedenfalls nicht: Der Universitätsbund Hohenheim e.V. unterstützt die Studierendeninitiative zum Evolutionstag finanziell. Die Fakultät Naturwissenschaften hatte beim vorigen Evolutionstag Gelder beigesteuert, damit die Studierenden die Unkosten der Gastredner übernehmen konnten. Falls die Fachschaft die nächste Veranstaltung nicht aus eigener Kraft stemmen kann, bleibt höchstens die Alternative, den Evolutionstag ins Studium zu integrieren. „Einer unserer Dozenten hat bereits angeregt, die Veranstaltung im Rahmen eines Soft-Skill-Moduls durchzuführen. Dann müssten die Studierenden allerdings auch die Praktika selbst organisieren und betreuen. Dafür könnten sie Leistungspunkte für ihr Studium erhalten“, erklärt Ömerogullari.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/nachlese-evolutionstag-in-hohenheim