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Neuer Master-Studiengang an Ulmer Uni: Molecular and Translational Neuroscience

Die Universität Ulm stärkt ab dem Wintersemester 2015/2016 mit einem neuen englischsprachigen Masterstudiengang „Molecular and Translational Neuroscience“ ihr lebenswissenschaftliches Profil. Das Angebot versucht den Brückenschlag zwischen grundlagenorientierter Neurowissenschaft und angewandter, therapie- und produktorientierter Wissenschaft. Es berücksichtigt nicht nur die universitäre Forschung, sondern erweitert diese um eine industrienahe Sichtweise. Der Studiengang ist interdisziplinär angelegt und verzahnt Naturwissenschaften mit Medizin auch im Bereich der Lehre.

Nachwuchs für die eigene Forschung

Eine hippocampale Nervenzelle in Zellkultur, dargestellt mittels Immunofluoreszenz im Fluoreszenzmikroskop. Zu sehen sind der Zellkörper und die Dendriten, die Ausläufer der Nervenzelle. © Grabrucker / Uni Ulm

Die Erforschung von Erkrankungen des Zentralen Nervensystems nimmt im universitären Forschungsschwerpunkt  Entwicklung, Alterung, Degeneration und Regeneration einen breiten Raum ein. Dies gilt für die Grundlagenforschung wie die klinikbezogene Forschung. Wissenschaftler aus Ulm sorgen seit Jahren mit beachtlichen Arbeiten zu ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), Alzheimer, Parkinson, aber auch Huntington für Renommee in der Neuro-Welt. Jetzt wollen sie sich ihren eigenen Nachwuchs heranziehen, sagt Studienfachberater Andreas Grabrucker. Der Geschäftsführer des Neurozentrums ist Koordinator des neuen Studiengangs. Er ist seit 2011 wieder in Ulm. Zuvor hatte er einen Postdoc-Aufenthalt an der Stanford-Universität. Juniorprofessor Grabrucker ist als Forscher vor allem an nichtgenetischen Faktoren des Autismus interessiert.

Die Neurowissenschaften waren im bisherigen Ulmer Studienangebot nur einer von mehreren Bestandteilen. Für Naturwissenschaftler, die Biologie studieren, gab es die Neurobiologie als Nebenfach. Dasselbe galt für Mediziner, in deren Bachelor- und Master-Studiengang Molekulare Medizin die Neurobiologie zum Curriculum gehört. "Wir wollten tatsächlich etwas anbieten, was auf sich auf Neurowissenschaften spezialisiert, was über die Vermittlung von Grundlagen hinausgeht, auf translationale Forschung gerichtet ist, hin zur Entwicklung von Pharmaka oder gezielten Therapien", erläutert Studienfachberater Grabrucker.

Hoffnung auf reales Neurozentrum

Co-Kultur von Nerven- und Gliazellen. Dargestellt sind mittels Immunofluoreszenz im Fluoreszenzmikroskop in Blau die Zellkerne, in Magenta Gliazellen (Astrozyten) und in Gelb Nervenzellen. Die Nervenzellen kontaktieren sich gegenseitig über ihre Ausläufer und bilden dadurch Nervennetze. © Grabrucker / Uni Ulm

Entstanden ist die Idee zum neuen Studiengang im interdisziplinären Neurozentrum (Sprecher: Prof. Dr. Albert Ludolph). Dort sind die zahlreichen Arbeitsgruppen aus Naturwissenschaft, Medizin und Informatik, die sich mit neurowissenschaftlichen Fragen auseinandersetzen, virtuell zusammengefasst. Der neue  Masterstudiengang schließt gewissermaßen eine Lücke, denn bisher trat das Zentrum vor allem durch Forschung hervor. Um Nachwuchs in die Labors zu bekommen, war die Idee, auch die Lehre zu stärken. Die Verantwortlichen hoffen, dass sich das virtuelle Neurozentrum mittelfristig auch zu einem tatsächlichen entwickelt.

Von den Grundlagen bis zu den Patienten will der viersemestrige Studiengang das komplette neurowissenschaftliche Spektrum abdecken. Hinzu kommt als translationales Element die Kooperation der Universität mit dem benachbarten Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim im Rahmen von BIU (Boehringer Ingelheim Ulm University BioCenter) – Neurodegenerative Erkrankungen sind eines der drei Themen des seit 2011 arbeitenden Forschungsverbundes.

Bei der Konzeption des Studiengangs erhielten die Studiengang-Designer von den Industrievertretern Hinweise auf deren personellen Bedarf in dieser Indikation. Denn Absolventen dieses Studiengangs sollen nicht nur das Rüstzeug für die universitäre, sondern auch für die kommerzielle Forschung erhalten. So erhalten Studierende Einblicke in den Ablauf klinischer Versuche und deren gesetzliche Regelungen, die von einer am RKU (Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm) ansässigen Abteilung organisiert wird. Patentrecht, Bildgebung, Pharmakologie sind dort verhandelte Themen. Eine Veranstaltung („From basic research to product") wird komplett von Mitarbeitern des Pharmaherstellers bestritten. Einen Anreiz für Studierende bieten soll auch die Möglichkeit, in die Industrielabore schnuppern zu können.

Der Studiengang ist in der Naturwissenschaftlichen Fakultät angesiedelt, wird in Kooperation mit der Medizinischen Fakultät zusammen mit dem virtuellen Neurozentrum durchgeführt. Viele deutsche Universitäten bieten neurowissenschaftliche Aufbaustudiengänge an, die jeweils andere Schwerpunkte setzen, etwa Psychologie, Kognition, Neurochirurgie, Neurologie, Neuromathematik oder -informatik. An manchen Hochschulen ist das Studium auch als Weiterbildung für bereits praktizierende Ärzte und Wissenschaftler konzipiert. Eine Übersicht bietet zum Beispiel:  MASTER AND MORE.

Die Ulmer Kombination – forschungsbasierte Ausbildung in klinisch und therapeutisch orientierten Neurowissenschaften – gibt es nach deren Einschätzung nicht in Deutschland. Viele Masterstudiengänge seien grundlagenorientiert und wenig translational, sagt Andreas Grabrucker mit Blick auf neurowissenschaftliche Master-Studiengänge an anderen deutschen Hochschulen. Der Juniorprofessor am Ulmer Neurozentrum und Autismusforscher ist Studienfachberater für den neuen Studiengang und sagt: „Wir haben uns das Beste herausgepickt".

Wissen, wie kommerzielle Forschung funktioniert

Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Grabrucker im Zellkulturraum bei der Herstellung von Nervenzellkulturen. © Grabrucker / Uni Ulm

Auch vor dem Hintergrund der immer wiederkehrenden  Kritik an der Qualität klinischer Forschung an Universitäten hält es Grabrucker für notwendig, dass universitäre Forscher eng mit der industriellen Forschung zusammenarbeiten, ungeachtet der Interessenkonflikte. Damit lasse sich zielgerichtete Forschung besser verstehen und lernen. „ Wir müssen von der Industrie lernen, wie wir das richtig machen und so machen, dass es interessant und von der Industrie aufgegriffen wird".  Damit lassen sich vielleicht Berührungsängste abbauen und der Forscher spricht die Industrie an, bevor er publiziert.

Studiengang erhält neue W3-Professur

Eine W3-Professur zum Studiengang ist mittlerweile ausgeschrieben, erste Vorstellungsgespräche wurden geführt. Die Professur einschließlich Mitarbeitern soll in der Medizinischen Fakultät angesiedelt sein. Von den neuronalen Grundlagen einer Nervenzelle bis zur Produktentwicklung reicht das Spektrum der Anforderungen. Der Studiengang soll alle neurologischen inklusive psychiatrischer Erkrankungen abdecken, wiewohl am Ulmer Standort die neurodegenerativen Erkrankungen wie ALS, Parkinson und Alzheimer im Mittelpunkt stehen.

Der Studiengang ist zulassungsbeschränkt. Grundvoraussetzung ist ein erfolgreicher Bachelor-Abschluss (Durchschnittsnote 2,5 und besser) in Biologie, Biochemie, Molekularer Medizin oder Pharmazeutischer Biotechnologie (für Absolventen des gleichnamigen Studiengangs an der Hochschule Biberach) oder ähnlichen Fächern. Angeboten werden maximal 20 Studienplätze, um die sich Studierende aus dem In- und Ausland bewerben können. Neben der fachlichen Voraussetzung sind auch profunde Englisch-Kenntnisse erforderlich, die über den TOEFL-Test oder andere praktische Belege nachgewiesen werden müssen. Über die endgültige Zahl der Bewerber entscheidet der Zulassungsausschuss. Bewerbungsschluss für das erste Semester war der 15. Juli 2015. Der Studiengang ist zunächst für fünf Jahre akkreditiert.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/neuer-master-studiengang-molecular-and-translational-neuroscience-an-der-ulmer-universitaet