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Neuer Sonderforschungsbereich für Leukämieforschung in Ulm

Die traditionell starke Ulmer Leukämieforschung hat von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) einen Sonderforschungsbereich (SFB) ab Juli 2012 genehmigt bekommen. 8,8 Millionen Euro stehen dem fächerübergreifenden Forscherverbund für die nächsten vier Jahre zur Verfügung. Der SFB 1074 trägt den Titel „Experimentelle Modelle und klinische Translation bei Leukämien“ und will grundlagenorientierte und klinische Forschung miteinander verzahnen.

Im Kern geht es darum, eine Lücke zu schließen: Zwar versteht man die Biologie bösartiger Tumoren immer besser, aber diese Erkenntnis in bessere Therapien für Leukämie-Patienten umzusetzen, fällt immer noch schwer. Diese Translationslücke zu schließen dauere wohl noch ein Jahrzehnt, sagte Klaus-Michael Debatin, stellvertretender Leitender Ärztlicher Direktor des Uniklinikums und Chef der Uni-Kinder- und Jugendklinik bei der Vorstellung des SFB. Im Blickpunkt stehen die häufigsten akuten und chronischen Leukämien aller Altersgruppen.

Heilungschancen auch vom Alter abhängig

Freuten sich im Labor über den neuen SFB, v. l. Prof. Klaus-Michael Debatin, Prof. Hartmut Döhner und Prof. Thomas Wirth. © Universitätsklinikum Ulm

Die Heilungschancen der Leukämie im Alter von Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich teilweise deutlich. Erkrankt heute ein Kind an Akuter Lymphatischer Leukämie (ALL), beträgt die Heilungsrate 80 bis 85 Prozent, sagte Debatin. Seinen Worten zufolge sei die pädiatrische Onkologie eine der wenigen „Erfolgsgeschichten in der Tumorforschung". Versteht man die molekulare Ausstattung der Tumorzelle,  könne man die Schalter wieder richtigstellen, beschrieb Debatin den Arbeitsauftrag der Forschung. Gerade die pädiatrische Tumorforschung spiele eine Vorreiterrolle, denn die Prinzipien der Leukämie-Entstehung sind nach seinen Worten mit denen anderer Tumorgenesen verwandt.

Schlechter steht es um die Heilungschancen bei erwachsenen ALL-Patienten, bei denen diese Form des Blutkrebses im Durchschnitt im Alter von 70 Jahren auftritt.  „Je älter der Patient, desto schwieriger die Behandlung", fasste es Hartmut Döhner, Sprecher des SFB und Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin III, zusammen. Auf zehn bis 15 Prozent bezifferte Döhner den Erfolg einer ALL-Therapie bei Erwachsenen; beim Erwachsenen weise die Krankheit ein anderes Spektrum als bei Kindern auf. Kinder, so Debatin, tolerierten die intensive Chemotherapie besser als Erwachsene, deren Regenerationsfähigkeit schlechter sei.

Zelluläre und molekulare Abläufe im Blick

Gesunde Blutstammzellen ähneln in vielen Bereichen leukämischen Stammzellen. © Universitätsklinikum Ulm

Der SFB 1074 gliedert sich in zwei einander ergänzende und miteinander agierende Bereiche. Der erste umfasst Untersuchungen zu zellulären und molekularen Mechanismen der Leukämieentstehung, in vitro genauso wie in vivo. Ein Vorhaben beschäftigt sich beispielsweise mit den wenig bekannten molekularen Mechanismen von DNA-Reparaturvorgängen in blutbildenden Stamm- und Vorläuferzellen. Die Forscher wollen die Hypothese überprüfen, ob eine gestörte DNA-Reparatur diese Ursprungszellen genetisch verändert und zu der therapieassoziierten Knochenmarkserkrankung myelodysplastischem Syndrom führt. Bei dieser Erkrankung können Blutzellen nicht ausreifen und ihre Funktion ausüben.
Ein weiteres grundlagenorientiertes Vorhaben will Antworten auf zentrale Fragen zur molekularen Funktion von Mll5 bei der Hämatopoese im Mausmodell finden. Das Gen Mll5 fehlt häufig bei Myeloid-Tumoren. Die Hämotopoese, ein komplexer biologischer Prozess, findet zum größten Teil im Knochenmark statt und garantiert beim Gesunden die Versorgung mit Blutzellen.

Klinische Forscher stützen sich auf große Biobank

Links: aktive Leukämiezellen im Knochenmark sind schwarz gefärbt; rechts: gesunder Mensch © Universitätsklinikum Ulm

Sieben weitere, translational geprägte Teilprojekte beschäftigen sich mit der Analyse primärer Leukämieproben von Patienten, deren Ergebnisse auch zur Entwicklung neuer Therapieansätze beitragen sollen. Die klinischen Forscher in Ulm können für den SFB hier auf eine der weltweit größten Biobanken zurückgreifen.
Ein Vorhaben hat die chronisch lymphatische Leukämie (CLL) ins Visier genommen. Bei ihr spielen genetische und epigenetische Abweichungen für Entstehung, Fortschreiten und Therapieresistenz eine entscheidende Rolle. Mit Hilfe umfangreicher genetischer Daten wollen die Ulmer Forscher weitere relevante Kandidatengene identifizieren und letzten Endes neue therapeutisch nutzbare Substanzen identifizieren.

In einem weiteren Projekt sollen die molekularen Grundlagen eines Subtyps der akuten myeloischen Leukämie (AML) unter Einsatz von SNP-Mikroarray und Genexpressionsanalysen charakterisiert werden. Hier wie in anderen Forschungsvorhaben setzt der Ulmer Forscherverbund neue Sequenziermethoden (next generation sequencing) ein; am Zentrum für Klinische Forschung wird zusammen mit der Bioinformatik die neue Technologie etabliert. Geplant ist, neue parallele Algorithmen zur Untersuchung der wachsenden Datenflut auf die Erfordernisse des neuen SFB zu entwickeln.

Zusammenarbeit mit Pharma-Industrie wird schwieriger

Individualisierte, zielgerichtete Strategien, die sich an der molekularen Anatomie des jeweiligen Tumors orientieren, gewinnen immer mehr an Bedeutung. Deshalb - das belegen viele Projekte des Ulmer SFB - werden große Anstrengungen unternommen, die genetischen Änderungen in bösartigen Tumoren systematisch zu erfassen. Hier, so Klaus-Michael Debatin, werde aber die Zusammenarbeit von Uni-Forschern mit der pharmazeutischen Industrie zunehmend schwieriger. Immer mehr wolle industrielle Forschung die (klinische) Studienlandschaft bestimmen. Die Diversifizierung der Medikamente stellt laut Debatin die Zusammenarbeit mit der Pharma-Industrie vor eine „große Herausforderung“.

Zwölf Jahre im Höchstfall fördert die DFG ihre SFBs, die wichtigsten Forschungsverbünde der öffentlichen Hand, und will die Profilbildung der beteiligten Hochschulen stärken. Diese nachhaltige Unterstützung „stärkt unseren Standort und ist für Spitzen- und Nachwuchswissenschaftler hoch attraktiv“, stellte Thomas Wirth fest. Er ist Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm und Direktor des Instituts für Physiologische Chemie.

Manko bei künftigen Einwerbungen

Der SFB 1074 ist der einzige unter den neu geförderten, der von einer einzigen Hochschule geschultert wird. Momentan ist der neue SFB auch der einzige der Ulmer Universitätsmedizin, die viele Jahre zwei oder drei SFBs hatte. Das sei, so Debatin, Döhner und Wirth unisono, auch dem strukturellen Nachteil der Ulmer Uni geschuldet, die keine außeruniversitären Forschungsinstitute habe. Dieses Manko erschwere zunehmend die Einwerbung von SFBs, in die oft außeruniversitäre Einrichtungen eingebunden sind.
Mit dem Weggang des renommierten Forschers Lenhard Rudolph (er wechselt zum Jahresende als Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung nach Jena) wird das Forschungsprofil (molekulare Mechanismen des Alterns) nach Debatins Worten aber weiter bearbeitet. Man versuche die Rudolph-Lücke zu schließen, mit dessen Weggang die Max-Planck-Forschungsgruppe für Stammzellalterung ihre Zelte auf dem Oberen Eselsberg abbrechen dürfte.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/neuer-sonderforschungsbereich-fuer-leukaemieforschung-in-ulm