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Perikles Simon – Viel mehr als nur ein Doping-Jäger

Egal ob Olympische Spiele, Weltmeisterschaften oder die Tour de France - sobald ein sportliches Großereignis ansteht, ist Dr. Dr. Perikles Simon vom Universitätsklinikum Tübingen für die Medien ein begehrter Gesprächspartner. Der Sportmediziner gehört nämlich zu jenen Wissenschaftlern, die sich konsequent dem Anti-Doping-Kampf verschrieben haben. Mit Hilfe eines von Simon entwickelten Tests soll jetzt auch die neueste Form der verbotenen Leistungssteigerung nachweisbar werden – das sogenannte Gendoping. Der vielseitige Forscher hat aber nicht nur die Hochleistungssportler im Visier.

Seit ein paar Monaten gehört der Tübinger Sportmediziner und Molekularbiologe Dr. med. Dr. rer.nat. Perikles Simon der siebenköpfige Expertengruppe „Gendoping“ der World Anti-Doping Agency (WADA) an. Vor Kurzem war seine Meinung auch beim Sportausschuss des Deutschen Bundestages gefragt. Dass der Wissenschaftler in diese illustren Gremien berufen wurde, kommt nicht von ungefähr.

Dr. Dr. Perikles Simon © privat

Simon hat nämlich ein Nachweisverfahren entwickelt, mit dem sich bereits geringste Mengen transgener DNA im Menschen nachweisen lassen - also fremder Erbsubstanz, die mittels gentechnischer Methoden in die Körperzellen eingeschleust wurde, um die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern. Bevor der Test bei Sportlern eingesetzt werden kann, muss er noch ein wenig verfeinert werden, doch Simon ist überzeugt, dass sich damit schon bald die ersten Betrüger überführen lassen.

In seiner Rolle als Doping-Jäger fühlt sich der 36-jährige Forscher inzwischen durchaus wohl - geplant war dieser Karriereweg in die Welt des Sports allerdings nicht. Zwar war der mit einem Gardemaß von fast zwei Metern ausgestattete Simon in seiner Jugend selbst ein talentierter Leichtathlet, doch während seines Medizinstudiums an der Universität Tübingen interessierte sich der gebürtige Freiburger eher für neurowissenschaftliche Fragestellungen. Die Initialzündung hierfür gab ein einjähriger Forschungsaufenthalt an der University of Pennsylvania in Philadelphia, wo Simon erstmals mit den neuesten Methoden der Gentherapie in Berührung kam. „In dieser Zeit wurde mein Interesse an den biologischen Grundlagen geweckt", erinnert sich der Wissenschaftler.

Erste Frustrationen

Zurück in Deutschland ließ Simon dem medizinischen Staatsexamen ein molekularbiologisch ausgerichtetes Aufbaustudium an der Tübinger Graduate School of Neural & Behavioural Sciences folgen. „Dort musste ich zum Glück nicht mehr bei den Käfern und Pflanzen anfangen, sondern konnte mich gleich in Richtung Neurobiologie spezialisieren“, berichtet der Forscher schmunzelnd. Simon arbeitete anschließend als Post-Doc am Institut für Hirnforschung der Universität Tübingen und veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Beiträge. Der berufliche Werdegang des erfolgreichen Nachwuchswissenschaftlers war vorgezeichnet – sollte man meinen. Stattdessen aber stellte sich so etwas wie Ernüchterung ein.

„Ich merkte mit der Zeit, wie klein die realisierbaren Ziele auf dem Gebiet der Neuroregeneration tatsächlich sind“, berichtet Simon. Ein Schlüsselerlebnis war, als sich mit einem Vektor, der als Negativ-Kontrolle eingesetzt wurde und keinen Effekt zeigen sollte, bei einem gentherapeutischen Experiment die größte Wirkung erzielen ließ. Nicht die mühsam eingeschleusten Gene waren also für die festgestellte neuroprotektive Reaktion verantwortlich, sondern der lediglich als Vehikel dienende Vektor. „Wenn man fünf Jahre auf diesem Gebiet Forschung betreibt und immer wieder solche Ergebnisse erhält, dann frustriert das schon“, gibt Simon freimütig zu. Natürlich hätte er den damals bestehenden Hype - und die damit verbundene üppige Finanzierung – rund um die Neurowissenschaften noch eine Zeitlang ausnützen können, sagt Simon, entscheidender sei allerdings gewesen, dass ihm irgendwann der Spaß an der Sache verloren ging.

Ausweg Sportmedizin

Was folgte, war ein radikaler Schnitt. „Ich war bereit, auch kleinere Brötchen zu backen“, sagt Simon rückblickend. Die Wahl für den weiteren Karriereweg fiel schließlich auf die Sportmedizin, was bei den ehemaligen Kollegen für reichlich Verwunderung sorgte. „Gibt es da überhaupt so etwas wie Forschung, war eine der am häufigsten gestellten Fragen“, lacht Simon - und ließ sich nicht beirren. „Wenn es schon so schwierig ist, den kranken Körper zu verstehen, vielleicht ist es dann an der Zeit, sich erst einmal um den gesunden zu kümmern“, lautet sein Credo. Den Fokus seiner Arbeit richtet Simon, der inzwischen das molekularbiologische Labor der Abteilung Sportmedizin leitet, deshalb vor allem auf jene Menschen, die noch gar nicht krank sein sollten – nämlich Kinder und Jugendliche.

„Gerade der Anteil der Kinder mit Übergewicht nimmt immer weiter zu“, berichtet der Forscher, der gemeinsam mit der Tübinger Kinderklinik ein entsprechendes Präventionsprojekt gestartet hat. Folgeschäden sind dann fast zwangsläufig programmiert. Aus eigener Erfahrung weiß er aber auch, dass für die primäre Prävention deutlich weniger Forschungsgelder zur Verfügung stehen als beispielsweise für die Neurowissenschaften. „Das ist nicht nachvollziehbar“, findet Simon. Vielleicht liegt es daran, dass diese Arbeiten in der Öffentlichkeit weniger Aufmerksamkeit erhalten – ganz im Gegensatz zu dem Nachweisverfahren für Gendoping, das der ehrgeizige Wissenschaftler vor zwei Jahren entwickelt hat.

Erschreckende Doping-Praktiken

„Letztlich handelt es sich aber auch beim Kampf gegen Doping um eine Art von Primär-Prävention", tröstet sich Simon, „selbst wenn es hier nur um das kleine Kollektiv der Hochleistungssportler geht." Die Erfahrung zeigt aber, dass neue leistungssteigernde Substanzen und Methoden recht schnell auch im Breitensport ihre Verwendung finden.

Doping-Missbrauch findet sich nicht nur im Hochleistungssport. © Arnold/pixelio

„Man glaubt gar nicht, wozu manche Leute, deren Training eigentlich nur auf die Verschönerung ihres Körpers ausgerichtet ist, in der Lage sind", so der Mediziner, „das ist wirklich erschreckend."

Ob Gendoping tatsächlich schon praktiziert wird? Simon weiß es nicht sicher, aber es ist fast zu befürchten. Im Tierversuch wurde die Wirksamkeit der Methode jedenfalls bereits unter Beweis gestellt. Transfiziert man die Muskulatur von Affen mit einem bestimmten Vektor, der das Gen für Erythropoetin (EPO) enthält, dann lässt sich die Erythrozyten-Konzentration im Blut darüber gezielt erhöhen. Es gibt keinen Grund, warum das nicht auch beim Menschen funktionieren sollte. „Und das ist es, was der dopende Sportler letzlich haben will", sagt Simon, „einfach ein bisschen mehr EPO oder irgendein anderes Hormon." Der entsprechende Vektor lässt sich bereits im Internet bestellen - die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken bleiben hingegen unkalkulierbar.

Vielseitige Methodik

Ein wenig ist es eine Ironie des Schicksals, dass die verschiedenen gentherapeutischen Ansätze zwar noch keine Krankheiten heilen können, dafür aber im Sport eine neue Dimension des Dopings eröffnen. „Es stellt sich durchaus die Frage, ob sich die medizinische Forschung mit solchen Auswüchsen beschäftigen muss“, sagt Simon, „andererseits ergeben sich aus solchen Arbeiten manchmal Erkenntnisse, die dann auch in anderen Bereichen sehr nützlich sein können.“ So hofft er, dass die hochsensitive Methodik, die für das Doping-Nachweisverfahren entwickelt wird, beispielsweise auch für den Einsatz in der Tumor-Diagnostik geeignet ist.

Das von Simon entwickelte Nachweisverfahren für Gendoping macht sich zu Nutzen, dass transgene DNA (tDNA) im Gegensatz zu genomischer DNA (gDNA) nur Exons (E) und keine Introns enthält.
Das von Simon entwickelte Nachweisverfahren für Gendoping macht sich zu Nutzen, dass transgene DNA (tDNA) im Gegensatz zu genomischer DNA (gDNA) nur Exons (E) und keine Introns enthält. © Simon

Für Simon persönlich hat sich der gewagte Schritt von den Neurowissenschaften in ein neues Forschungsfeld ebenfalls ausgezahlt. Im vergangenen Jahr – also gerade einmal vier Jahre nach seinem Karrierewechsel – erhielt er von der Universität Mainz einen Ruf auf den Lehrstuhl für Sportmedizin. Mit der Entscheidung hat sich Simon allerdings etwas Zeit gelassen: „Ich musste erst sicherstellen, dass ich für meine Forschung dort eine ähnlich gute Infrastruktur vorfinde wie in Tübingen.“

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