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PID: Wunsch nach gesunden Kindern beschäftigt jetzt Parlament

Verbieten oder freigeben? Neues liefert der Deutsche Ethikrat in seiner aktuellen Stellungnahme zur umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht. Für die Parlamentsdebatte am 17. März kommt der Bericht dennoch aus zwei Gründen gelegen.

Drei Gesetzentwürfe zur PID beraten die Parlamentarier. © Dt. Bundestag/Simone M. Neumann

Im Sommer will das Parlament frei von Fraktionszwängen entschieden haben, ob der Gentest an künstlich erzeugten Embryonen in Grenzen erlaubt wird oder verboten bleibt. Den Anstoß gab ein Urteil des Bundesgerichthofes im Juli 2010, das die PID in zwei konkreten Fällen für straffrei erklärte. Obwohl der Richterspruch nicht bindend ist, will der Bundestag mit einer Entscheidung zur PID Rechtssicherheit schaffen.

So gespalten wie die Parlamentarier nach Lage der Dinge in ihrer Haltung zur PID sind, so ist es auch das Bioethik-Gremium. 13 Mitglieder sprechen sich für eine begrenzte Zulassung der PID, elf dagegen aus, eines gab ein Sondervotum ab.

Ist die PID das Einfallstor immer potenterer Gendiagnostik?

Auch wenn die Parlamentarier über in Entwicklung befindliche Gentest-Verfahren nicht entscheiden – den Hinweis des Gremiums auf den rasanten technologischen Fortschritt sollte der Gesetzgeber im Hinterkopf behalten, weil er möglicherweise bald weitere ethisch brisante Fragen aufwirft. Konkret geht es um die vergleichende Genom‐Hybridisierung (CGH), DNA‐Chips und verfeinerte morphologische Analysemethoden.

CGH vergleicht das Chromosomenmuster einer Zelle mit dem einer ‚gesunden’ Zelle, womit sich Abweichungen in der Anzahl der Chromosomen feststellen lassen. DNA‐Chips untersuchen bestimmte Chromosomenabschnitte mit hoher Auflösung und identifizieren dabei Varianten. Sie haben nach Ansicht der Fachleute nicht nur das „Potenzial, ein gesamtes Genom auf Veränderungen zu untersuchen“, sie lassen sich auch „gezielt für den Nachweis einzelner genetischer Veränderungen designen“.

PID kommt nur für wenige Paare in Betracht

PID kommt in Deutschland nur für etwa 200 genetisch vorbelastete Paare (Memorandum der Bundesärztekammer zur PID, 17.02.2011) in Frage, die sich ihren Kinderwunsch nur mit künstlicher Befruchtung erfüllen können. Aus den deutschen Zahlen für 2009 geht hervor, dass sich eine Frau bis zu fünf Mal einer strapaziösen reproduktionsmedizinischen Behandlung unterziehen muss, ehe es zur Geburt kommt. Eine wiederholte Behandlung sei dennoch keine Kindergarantie.

Die Schwangerschaftsrate pro Embryonentransfer wird von der PID nicht beeinflusst. Internationale Statistiken lesen sich so: Aus 9,6 befruchteten Eizellen entstehen 6,9 entwicklungsfähige Embryonen. 6,6 Embryonen werden Zellen für eine PID entnommen, bei 4,9 Embryonen lässt sich eine verwertbare Diagnose erstellen, von denen sich 1,7 für eine Verpflanzung in die Frau eignen. Das Embryonenschutzgesetz erlaubt höchstens drei Embryonen - ein Widerspruch, den das Gremium zumindest benennt.

Das Verfahren der PID erhöht das Risiko für danach geborene Kinder nicht. Auf diesen bislang kaum berücksichtigten Aspekt weist die Stellungnahme hin. Bei beiden Gruppen (mit und ohne PID) treten „offensichtlich im gleichen Maße Fehlbildungen auf“, heißt es in der Stellungnahme.

Verfassungsrechtliche Grauzone: Embryo vor Einnistung

Umstritten ist nach wie vor der verfassungsrechtliche Status des Embryos vor der Einnistung in der Gebärmutter (Nidation), dies gilt für den künstlich wie natürlich gezeugten Embryo. Das entsprechende Schutzgesetz hilft nicht weiter. Erschwerend hinzu kommen die Widersprüche bestehender Gesetze wie die Fristenlösung bei Schwangerschaftsabbruch („Schwangerschaft auf Probe“) oder die medizinische Praxis der vorgeburtlichen Diagnostik. Zur Unübersichtlichkeit trägt weiterhin bei, dass das Gendiagnostikgesetz von 2010 künstlich gezeugte Embryonen ausdrücklich ausnimmt.

Das positive Votum: Ja, aber

Für PID, aber mit Einschränkungen, die Kölner Medizinethikerin Prof. Christiane Woopen. © Dt. Ethikrat

Unter bestimmten Einschränkungen hält eine knappe Mehrheit von 13 Mitgliedern eine PID für ethisch gerechtfertigt. Und zwar in zwei Fällen: wenn sie erstens einen legalen, weil medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik vermeidet und sie zweitens genetisch vorbelasteten kinderwilligen Paaren  wiederholte Fehl- oder Totgeburten ersparen könnte. Die Befürworter begründen ihr Votum mit dem Schutz der Gesundheit der betroffenen Frau, deren Perspektive sich die Befürworter mehr zu eigen machen als die PID-Gegner, die vor allem auf den Schutz des In-vitro-Embryos abheben.

Eine PID verbieten wollen die Befürworter hingegen, wenn sie nur zur Bestimmung des Geschlechts dienen soll, außer wenn sie eine folgenschwere, geschlechtsgebundene genetische Anomalie vermeidet. Weiterhin auf dem Index bleiben soll die Auswahl von Spender-Embryos, beispielsweise für kranke Geschwister. Auch eine Untersuchung wegen des altersbedingten Risikos der Frau soll ebenso unterbleiben wie zur Feststellung später Krankheiten wie beispielsweise Huntington.

Der Gesetzgeber sollte Kriterien für die begrenzte Zulassung der PID festlegen, auf den Katalog einzelner Krankheiten oder Behinderungen, bei denen eine PID infrage kommt, aber verzichten. Außerdem sollten für Deutschland einheitliche und strenge Regeln für die Durchführung einer PID gelten.

Das negative Votum: Nein, ohne Wenn und Aber

Gegen PID, Prof. Wolfgang Huber. © Dt. Ethikrat

Weil ethisch nicht gerechtfertigt, spricht sich eine Gruppe von elf Mitgliedern des Ethikrats für ein Verbot der PID aus. Gerade der künstlich gezeugte Embryo unterliege einer besonderen Verantwortung, „die es verbietet, ihn zu erzeugen, um ihn im Falle unerwünschter Eigenschaften zu verwerfen". Der selektive Blick der PID auf In-vitro-Embryonen unterscheide sich im Grundsatz vom medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbruch nach vorausgegangener Pränataldiagnostik.

Mit der PID, so ein weiteres Argument ihrer Gegner, werde die embryopathische Indikation wieder eingeführt, die aus der Schwangerschaftskonfliktregelung ausdrücklich gestrichen wurde. Das negative Votum sieht auch den Embryonenschutz durch die hohe Anzahl „überzähliger" Embryonen bedroht, deren Verwendung unklar sei. Außerdem lässt sich die PID nicht auf wenige Fallgruppen oder schwere Erkrankungen begrenzen. Wie bereits in anderen Staaten würden Indikationen und Anlässe für eine PID ausgeweitet.

Verweis auf Pränataldiagnostik: PID nicht eingrenzbar

In der Stellungnahme führen die Gegner eine Tabelle der Eskalationsstufen auf, die bei Tests auf tödliche Aneuploidien (Aneuploidie: Anomalie der Chromosomenzahl, z.B. Trisomie 21, Anm. d. Red.) beginnt und bei wünschbaren Eigenschaften des zukünftigen Kindes endet. Verboten werden sollte die PID auch, weil die Genchips „einen breiteren Einsatz der PID für die gleichzeitige Diagnostik einer Vielzahl von genetischen Abweichungen oder Krankheitsveranlagungen in absehbarer Zeit wahrscheinlich macht“. Die PID bedroht die gesellschaftliche Integration von Behinderten, gerade von solchen mit genetisch bedingten Einschränkungen, desgleichen setzt sie genetisch belastete Eltern unter Druck, die sich keiner PID unterziehen wollen, wenden die Gegner der PID ein.

Das Recht auf ein gesundes Kind gibt es nicht, so könnte der Umkehrschluss des negativen Votums lauten. Zwar müsse man die Sorgen und Wünsche genetisch belasteter Paaren ernst nehmen, eine PID rechtfertigten sie aber nicht. Stattdessen müssten diese Paare besser beraten und unterstützt werden.

In einem Sondervotum des Ethikrats spricht sich ein Ratsmitglied dafür aus, die PID zur Identifikation von entwicklungsfähigen Embryonen zu erlauben und dafür eine verbindliche Indikationsliste zu erstellen.

Quellen:
Stellungnahme Deutscher Ethikrat zur Präimplantationsdiagnostik, 8. März 2011
Memorandum der Bundesärztekammer zur Präimplantationsdiagnostik, 17. Februar 2011

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/pid-wunsch-nach-gesunden-kindern-beschaeftigt-jetzt-parlament