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Potenziale des kanadischen "Musterländles"

Provinz erinnert an provinziell. Ontario ist ein gutes Gegenbeispiel. Mit einem Anteil von 42 Prozent am kanadischen Bruttoinlandsprodukt ist der Standort unter den zehn Provinzen der Wirtschaftsmotor Kanadas. Neben der Automobilbranche hat sich in den vergangenen Jahren der Life-Sciences-Sektor zu einer tragenden Säule entwickelt. Dr. Morris Milner, Vorsitzender der B2B Life-Sciences-Plattform www.htx.ca in Toronto, erläutert die Gründe für den anhaltenden Aufschwung in Kanadas „Musterländle“.

Dr. Milner, die Wirtschaftsflaute Amerikas ist sicherlich auch in Kanada spürbar. Da ist es doch verwunderlich, dass tragende Säulen der Volkswirtschaft wie beispielsweise die Life Sciences auf der Erfolgsspur zu sein scheinen.

Life Sciences leben von mutigen Investitionen – gerade in schwierigen Zeiten. Wenn man weiß, dass Kanada unter den führenden Wirtschaftsnationen weltweit der kostengünstigste Investitionsstandort ist, kann man das Potenzial des Landes erahnen. In die aktuelle Berechnung von KPMG International sind neben den Lohnkosten Steuern, Grundstückspreise, Mieten sowie Aufwendungen für Elektrizität, Wasser und Gas eingeflossen. Am teuersten ist übrigens Deutschland. Im Vergleich zu Kanada summiert sich der Kostennachteil auf 17,4 Prozent.

Dennoch ist auch in Kanada nicht alles Gold, was glänzt?

Dr. Morris Milner (Foto: Communication Consultants)
Der stark gestiegene kanadische Dollar bereitet auch uns Kummer. Dadurch haben wir knapp 15 Prozent unseres Kostenvorsprungs im Vergleich zu 2002 eingebüßt. Weil die Körperschaftssteuer für 2008 auf 19,5 Prozent gesenkt wurde und bis 2012 auf einen weltweit unerreichten Wert von 15 Prozent fallen wird, hält sich der Einbruch jedoch in Grenzen. Zudem werden die Arbeitskräfte bei uns vor Ort immer besser ausgebildet. Gerade das Bildungsniveau, insbesondere in den naturwissenschaftlichen Disziplinen an High Schools, ist laut aktueller Pisa-Studie herausragend.

Wie erklären Sie sich dieses beachtliche Niveau?

Der Staat räumt der Bildung höchste Priorität ein. Aktuell werden von der Bundesregierung elf Elitezentren mit insgesamt 103 Millionen Euro (163 Mio. kan. Dollar) gefördert. Diese so genannten Centres of Excellence setzen alles daran, Forschungsergebnisse so schnell wie möglich zu marktreifen Produkten zu entwickeln. Auch die Provinzregierung ist sich der Bedeutung kontinuierlicher Standortförderung bewusst. Sie stellt in den kommenden fünf Jahren 735 Millionen Euro (1,15 Milliarden kan. Dollar) für Unternehmen zur Verfügung, die hochqualifizierte Jobs in innovativen Branchen schaffen und sichern. Ab sofort können Investoren Geldmittel aus dem „Next Generation of Jobs Fund“ beantragen. Die Regierung prüft Förderanträge besonders schnell und unbürokratisch: Nach spätestens 45 Tagen erhalten die Unternehmen grünes Licht. Zu den geförderten Wirtschaftszweigen gehören die Automobilindustrie, Biochemie, Biomasseverarbeitung, der medizinisch-pharmazeutische Sektor und der IT-Bereich. Mit dem „Biopharmaceutical Investment Program“ (BIP) fördert die Provinz Forschung, Entwicklung und Produktion moderner biomedizinischer Projekte. Das „Strategic Opportunities Program“ (SOP) dient dazu, die Erkenntnisse aus Forschung und Entwicklung in konkrete Produkte umzusetzen und die industrielle Infrastruktur für deren Herstellung aufzubauen. Ein bedeutender Teil dieser Gelder kommt auch der späteren Vermarktung der Produkte zugute.

Warum spielen Life Sciences gerade in Ontario eine wichtige Rolle?

Das hängt vor allem mit dem heimischen Bedarf zusammen. Ontario finanziert ein sehr modernes Gesundheitssystem aus öffentlichen Mitteln. Dabei haben alle Bürger Anspruch auf alle verfügbaren Leistungen. Die Provinz erreicht das unter anderem mit der Einführung von Fallpauschalen für viele klinische Standardbehandlungen – wobei auf höchste Qualität geachtet wird.

Neue Produkte und Behandlungsmethoden bekommen dadurch eine reelle Chance. Dazu kooperiert Ontario mit vielen renommierten Forschungseinrichtungen, Wissenschaftlern und Technikern. Mit der Zeit hat sich daraus eine lebhafte Unterstützung des Life-Sciences-Sektors entwickelt. Vor Ort zeigt sich, dass Erfolg entsteht, wenn Forschung, Wirtschaft und Regierung an einem Strang ziehen. Ein ganz typisches Beispiel dafür ist das Innovationszentrum MaRS in Toronto, wo sich auf einem 140.000 Quadratmeter großen Gelände bislang 60 Forschungsinstitute, Start-ups und Finanzdienstleister vernetzen. Marktfähige Produkte werden so deutlich schneller entwickelt. Hinzu kommen zahlreiche Finanzierungsprogramme für eine bessere Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie erhebliche Steuererleichterungen – ein großer Vorteil gegenüber den USA.

Die Plattform www.htx.ca ist eine von Ontarios Schlüsselinitiativen für Innovation und Vermarktung. Worin ist ihre Leistung für den Fortschritt der Life Sciences begründet?

The Health Technology Exchange - www.htx.vca - konzentriert sich auf einen klar definierten Teilbereich der Life Sciences: Medizintechnik und Hilfsmittel für Reha-Maßnahmen. Unsere Aufgabe besteht darin, Unternehmen der Branche umfassend zu beraten. Dazu veranstalten wir zum Beispiel Seminare zu neuen gesetzlichen Vorschriften, bringen Unternehmen mit den richtigen Ansprechpartnern zusammen, helfen aber auch der Regierung bei Ausschreibungen für Forschungsprogramme. Dabei fiel uns auf, dass die Firmen zunehmend das wissenschaftliche Know-how öffentlicher Forschungseinrichtungen für ihre Produktentwicklung nachfragen. Auch hier vermitteln wir dann zwischen den einzelnen Akteuren. HTX ist es auch gelungen, Kontakte zwischen einheimischen und ausländischen Unternehmen zu knüpfen. Unser Ziel ist es, die Kontakte mit deutschen Unternehmen auf diesem Weg auszuweiten.

Hat HTX schon konkrete Projekte mit baden-württembergischer Beteiligung gefördert?

Aktuell unterstützen wir die Biocomfort GmbH aus Esslingen. Das Gesundheitsunternehmen produziert seit zirka 50 Jahren Produkte mit therapeutischem und diagnostischem Nutzen. Das Geschäftsfeld Biocomfort Vital umfasst die Massage-Therapie, die Hydro-Therapie sowie eine Pflege- und Badeserie. Seit Anfang 2006 wird das Geschäftsfeld Biocomfort Diagnostics aufgebaut. Weitere Geschäftsfelder sind in der Entwicklung. Der Spezialist baut seit Jahresanfang 2008 in Ontario ein Standbein auf, um von hier aus das Geschäft in Kanada und USA zu entwickeln.

Funktioniert das Förderprinzip auch umgekehrt für den Export kanadischer Innovationen nach Deutschland?

Gemeinsam mit der in Berlin-Neukölln ansässigen Firma SunPark passen wir ein elektronisches Unterstützungssystem für Senioren an die deutsche Infrastruktur und die lokalen kulturellen Besonderheiten an. In Kanada läuft Mon AmisTM, das in Ontario von der Firma Tertec Enterprises Inc. entwickelt wurde, schon sehr erfolgreich. Es hilft vielen Senioren in ihrem Alltag: Mon AmisTM liest zum Beispiel die Zeitung vor, erinnert daran, wichtige Medikamente einzunehmen oder verbindet unkompliziert über das Internet mit Freunden und Verwandten, ohne dass dafür ein Computer benutzt werden muss. Diese Innovation soll baldmöglichst auch in Deutschland marktreif werden. Projekte wie dieses zeigen, wie auch ausländische Unternehmen von der Clusterbildung in Ontario profitieren können.

Quelle: Communication Consultants – 10.04.08
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/potenziale-des-kanadischen-musterlaendles