zum Inhalt springen
Powered by

Report zur Medizinischen Biotechnologie in Deutschland 2012

Deutschland ist für Biopharmazeutika und ihre Hersteller kein Wachstumsmarkt mehr. In Menge und Umsatz stagnieren die gentechnisch hergestellten Medikamente. Dies beklagt die Interessengemeinschaft der Biopharmazeutik-Hersteller im Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (vfa bio) in ihrem jüngsten Report zur Medizinischen Biotechnologie in Deutschland 2012. Die Pipeline der in der medizinischen Biotechnologie tätigen Unternehmen indes bleibt gut gefüllt.

Die von der Boston Consulting Group (BCG) erstellte Studie untersucht seit 2006 für Deutschland die medizinischen Biotech-Aktivitäten sowohl kleiner und mittelständischer Firmen wie auch großer Konzerne einschließlich der Tochtergesellschaften internationaler Pharma- und Biotechfirmen.

Stagnierende Umsätze, gut gefüllte Pipeline. © Takeda

2011 stagnierten (plus 0,5 Prozent) die in Deutschland erzielten Netto-Umsätze mit Biopharmazeutika bei rund 5,4 Milliarden Euro. Ihr Marktanteil am gesamten Pharma-Umsatz (28,7 Milliarden Euro) betrug 19 Prozent, ein Prozent mehr als 2010. Der gesamte Pharma-Markt schrumpfte um rund drei Prozent. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass die Vergleichszahlen für 2010 angepasst wurden, weil erstmals parenterale Zubereitungen vor allem für Krebspatienten erfasst wurden. Das hat zur Folge, dass die ursprünglichen Zahlen für 2010 von 5,2 Mrd. auf 5,4 Mrd. nach oben korrigiert wurden. Das hat auch zur Folge, dass sich das Wachstum von 2010 auf 2011 entsprechend abflacht, statt 4,5 Prozent Zuwachs auf lediglich 0,5 Prozent.

Zahl später klinischer Kandidaten steigt auf 117

Abgesehen von wiederholten und naturgemäßen Klagen über staatliche Eingriffe (AMNOG, frühe Nutzenbewertung, Vertraulichkeit der Erstattungsbeträge) und fehlende Forschungsförderung, die den Forschungsstandort Deutschland bedrohten - die Entwicklungspipeline der Produkte im fortgeschrittenen Stadium der klinischen Phase drei wächst kontinuierlich.

Betrug die Zahl der späten Entwicklungskandidaten 2009 noch 88, 2010 99, so ist die Zahl 2011 mittlerweile auf 117 gestiegen. Denselben Trend zeigen auch die Zahlen aller klinischen Kandidaten (Phase eins bis drei), der 2009 bei 460, 2010 bei 516 und 2011 bei 556 lag. Andere rekombinante Proteine (43), monoklonale Antikörper (39) sowie Impfstoffe (31) stellen den Löwenanteil der Phase-III-Wirkstoffarten. Der Schwerpunkt der Entwicklung liegt nach wie vor in der Onkologie (160) und Infektion (134), gefolgt von der Immunologie (92; stärkstes Wachstum um 21 Prozent) und Indikationen wie Atemweg, Muskel, Herz-Kreislauf (95).

Die Onkologie ist weiterhin das Hauptentwicklungsgebiet für potentielle Biopharmazeutika. © Boehringer Ingelheim

Nach wie vor mangelt es den meist im April veröffentlichten Zahlenwerken an direkter Vergleichbarkeit. Nach dem deutschen Ernst & Young-Biotech-Report von Mitte April sank die Zahl der Wirkstoffe in der Medikamenten-Entwicklung bei den deutschen Biotechs von 304 auf 301. In der klinischen Pipeline zählte die Studie 142 Wirkstoffe, einer weniger als 2010. Im europäischen Vergleich hat der Biotech-Sektor in Deutschland aber weiterhin die am zweitstärksten gefüllte Entwicklungspipeline - hinter der britischen Branche mit 218 Wirkstoffen.

Damit bestätigen beide Studien die offenbar ungebrochene Innovationskraft der roten Biotechnologie, die E&Y-Studie spricht von einer Dynamik auf den zweiten Blick. Anders als die pharmalastige BCG-Studie kommt der E&Y-Report nach „umfassender Analyse der Kennzahlen für die privaten und börsennotierten Biotech-Firmen in Deutschland" zu einem „insgesamt positiven Bild". Politisch sieht auch der E&Y-Report im internationalen Vergleich deutlichen Nachholbedarf, um entlang der gesamten Wertschöpfungskette passende Antworten auf die Umwälzungen im Gesundheitswesen zu finden.

Biopharmazeutika erobern neue Indikationen

Die BCG-Studie hat herausgefunden, dass fast jedes zweite Entwicklungsvorhaben medizinisches Neuland betrete; denn sie betreffen Krankheiten, gegen die es bisher noch überhaupt keine Biopharmazeutika gibt. Jeweils acht Entwicklungen hat BCG in den Indikationen Alzheimer, Prostatakrebs und Hirnhautentzündung-Prophylase gezählt, zehn im Anwendungsgebiet Hautkrebs, sieben bei Systemischer Lupus Erythematodes, einer systemischen Autoimmunerkrankung.

Deutlich gesunken im Vergleich zu den Jahren 2009 und 2010 ist laut BCG-Report der Anteil der in Deutschland zugelassenen Biopharmazeutika im Verhältnis zur Gesamtzahl der zugelassenen neuen Medikamente oder neuen Kombinationen bekannter Wirkstoffe. Er betrug 2011 zwölf Prozent. 2011 kamen vier Biopharmazeutika neu auf den Markt, zwei Antikörper (Indikationen: Systemischer Lupus Erythematodes; Fortgeschrittenes Melanom), ein Fusionsprotein (gegen Abstoßung von Nierentransplantaten) sowie ein rekombinant hergestellter Impfstoff (Influenza-Prophylaxe bei Kindern). Zum ersten Mal seit 2009 wurde Ende 2011 einem deutschen Biotech wieder eine Marktzulassung erteilt: dem Hautkrebs-Präparat Ameluz der Leverkusener Firma Biofrontera.

Konstant blieb mit 197 die Zahl der auf dem deutschen Markt zugelassenen Biopharmazeutika (einschließlich biotechnologisch und gentechnologisch hergestellter Impfstoffe). Ebenfalls gleich geblieben im Vorjahresvergleich ist nach der BCG-Studie die Zahl der Beschäftigten in Deutschland 2011. Sie betrug 35.667 Mitarbeiter und erfasste Unternehmen mit Technologieplattform (ohne Wirkstoffentwicklung) sowie Unternehmen mit Produkten am Markt und/oder Wirkstoffentwicklung. Der E&Y-Report kommt hier auf 10.053 Mitarbeiter in deutschen (nicht nur medizinischer) Biotechs.

Steuerliche Anreize für forschende Unternehmen

Einig sind sich beide Studien darin, dass die Rahmenbedingungen in Deutschland für die medizinische Biotechnologie verbesserungsfähig sind. Der Ernst & Young-Biotech-Report Deutschland 2011 sieht im fehlenden Risikokapital die Gefahr, dass sich die Branche „auf lange Sicht von den lukrativsten Wertschöpfungsmodellen der Medikamenten-Entwicklung verabschieden wird“. Investitionen in risikoreiche Innovationen, so der Studien-Autor Siegfried Bialojan müssten eher belohnt werden; ähnliches forderte VfA-Bio-Vorsitzender Frank Mathias mit seiner Forderung nach steuerlicher Forschungsförderung für die kleinen forschungsintensiven Unternehmen, wie sie viele OECD-Länder wie Österreich gewährten.

Die gedruckte ausführliche BCG-Studie erscheint im Juni 2012.

Quellen:
VfA bio
Ernst & Young
Deutscher Biotechnologie-Report 2012

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/report-zur-medizinischen-biotechnologie-in-deutschland-2012