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Schlechte Zeiten für Langfinger: Sicherheit durch Biocodierung

Besitzer können nun ihre Wertsachen mit künstlicher Erbsubstanz kennzeichnen und somit das Risiko für Diebe und Hehler erhöhen, mit fremdem Eigentum in den Händen ertappt zu werden. Die Markierung ist einmalig wie ein genetischer Fingerabdruck und wird einfach und unkompliziert durch UV-Licht sichtbar gemacht. Selbst vor Gericht kann die künstliche DNA als handfester Eigentumsnachweis dienen. Die neue Art von Prävention scheint zu wirken. Im folgenden Interview gibt Donald van der Laan, Geschäftsführer der Forensischen Markierungstechnologie GmbH aus dem baden-württembergischen Schriesheim, näheren Einblick in die ausgeklügelte Funktionsweise des DNA-Markierungskits SelectaDNA, berichtet über interessante Projekte und die ersten Fahndungserfolge der Polizei.

Herr van der Laan, Sie und Ihr Partner Simon Nab sind Pioniere auf dem Gebiet DNA-Markierung. Sie sind eigenständiger Vertriebspartner des englischen Mutterunternehmens SelectaMARK und haben die künstliche DNA zur Eigentumsmarkierung als erster in Europa vertrieben. Was hat Sie dazu bewogen, den Vertrieb für Europa aufzubauen, und welches Know-how bringen Sie beide in die Firma ein?

Donald van der Laan, Geschäftsführer der Forensischen Markierungstechnologie GmbH aus Schriesheim bei einer Pressekonferenz der Deutschen Bahn AG in Köln © SDNA Forensische Markierungstechnologie GmbH
Mein Partner hat bereits während seiner Ausbildung an der Polizeihochschule in England die Entwicklung mit forensischen Markierungen beobachtet und festgestellt, dass sich in Großbritannien ein Markt dafür abzeichnet. Wir haben uns dann mit der niederländischen Polizei unterhalten, ob sie Potenzial für dieses Produkt sieht. Dem war so – und wir haben 2008 mit dem Vertrieb in den Niederlanden angefangen. Bereits nach einigen Monaten kam das erste Pilotprojekt in Limburg dazu, das in 2009 auch zu einem Projekt in Bremen geführt hat. Mein Partner Simon pflegt die Kontakte zur Polizei in den Niederlanden und Belgien, ich bringe kaufmännisches und Vertriebs-Wissen in die Firma ein.

Ist die Resonanz der Polizei auch in Deutschland groß? Was halten die Beamten von dem Einsatz künstlicher DNA?

Sie sehen es als Neuheit in der Prävention und Verbrechensbekämpfung an. Vor allem das Schlagwort DNA ist gut: Es sorgt für Aufmerksamkeit in der Presse und der Bevölkerung – und auch die Kriminellen verstehen das. Unser Produkt macht zwar das Stehlen von markierten Gegenständen nicht schwerer, aber die Risiken vergrößern und verlängern sich für den Dieb und den Hehler.

Welche verschiedenen Bestandteile stecken in der Markierungsflüssigkeit für Eigentum und was ist der Unterschied zur Spray-Variante?

SelectaDNA für Eigentumsmarkierung besteht aus vier Komponenten. Ein transparenter Lack sorgt dafür, dass die Komponenten fest auf einem Gegenstand haften. Weiterhin ist ein Indikator zugegeben, der beim Anleuchten mit UV-Licht blau fluoresziert. Diese Spuren sind leicht von der Polizei zu entdecken und geben den Beamten einen ersten Hinweis darauf, dass es sich um einen gestohlenen Gegenstand handeln könnte. Ferner enthält die Markierungsflüssigkeit zwei unterschiedliche Codes, die eine eindeutige Zuordnung zum Eigentümer ermöglichen. Das sind zum einen Microdots – kleine Kunststoffscheibchen –, auf die eine Nummer aufgedruckt wurde. Dieser Nummern-Code ist pro Verpackung einmalig. Er kann leicht mit Hilfe eines Mikroskops gelesen werden.

Theoretisch aber könnten diese Dots entfernt werden – doch hier kommt nun die vierte Komponente ins Spiel: die synthetisierte DNA, die vom chemischen Aufbau vergleichbar zur natürlichen DNA ist, jedoch im Labor hergestellt wurde. Sie ist unsichtbar, schwer zu entfernen, und sie ermöglicht eine eindeutige Identifizierung über DNA-Analyse. Jedes forensische Labor, mit dem wir ein Partner-Agreement abschließen, kann diese Standardmethode durchführen. Im Fall der DNA-Dusche geht es darum, dem Täter eine Tatort-DNA mitzugeben. In dieser Variante sind die DNA und der UV-Indikator enthalten. In eine Flüssigkeit, mit der wir Menschen besprühen, können wir natürlich keine Microdots einbauen.

Alle Produkte sind Teil einer Gesamtstrategie. Können Sie uns die erläutern?

Prävention durch Abschreckung: Das Aufstellen von Warnschildern und Aufkleber sind Teil des Gesamtkonzepts © SDNA Forensische Markierungstechnologie GmbH
Bei unserem Produkt geht es um glaubwürdige Abschreckung, um Prävention. Das Aufstellen von Schildern mit der Aufschrift „DNA-Spuren führen zum Täter“ gehört dazu wie auch die Unterstützung der Polizei, Fahndungserfolge und Medienberichte. Bekannte Firmen wie McDonalds – wir haben eine ganze Reihe dieser Fastfood-Ketten in Holland und Australien ausgestattet – verhelfen uns zu weltweiter Aufmerksamkeit.

In den Niederlanden verkaufen Sie Ihr Produkt für Eigentumsmarkierung schon seit 2008, in Bremen läuft das erste Projekt in Zusammenarbeit mit der Polizei seit 2009. Können Sie erste Erfolge melden?

Unser Produkt wird in Kommunen und Wohnvierteln mit hoher Kriminalität angewendet. Generell berichten unsere Partner wie die Polizei oder Kommunen über Rückgänge bei Wohnungseinbrüchen und Überfällen von 35 bis 70 Prozent. Interessanterweise beobachten sie dabei, dass die Räuber dann das gesamte Gebiet meiden und nicht nur die mit Warnschildern markierten Wohnungen. Hier gibt es eine eindeutige Ausstrahlung.

Der Abschluss unseres Pilotprojekts in Bremen ist für März diesen Jahres geplant. Man kann schon jetzt sagen, dass es in Schulen zu einem Rückgang der Diebstähle kam. Es wurden weniger markierte Gegenstände wie Laptops und Beamer gestohlen – nun entwenden die Schüler eher Süßigkeiten. Auch zwei Wohnviertel mit knapp 2.000 Wohnungen wurden markiert, zusätzlich haben sich Anwohnerinitiativen gebildet. Die Ergebnisse sehen positiv aus.

Seit längerem markieren Sie erfolgreich Bahnstrecken für die Holländische Bahn, neuerdings auch Gleise für die Deutsche Bahn AG in Nordrhein-Westfalen. Was hat es damit auf sich?

Hier markieren wir Buntmetall. Das wird gerne geklaut, weil es hohe Wiederverkaufspreise bringt. Echte DNA ist leider zur Markierung im Außenbereich weniger geeignet. Wir haben hierzu eine Variante entwickelt, die wir Hightech-DNA nennen: Sie ist robuster, hat aber im chemischen und molekularen Aufbau nichts mehr mit DNA zu tun: In der Außenvariante haben wir die vier Basen der DNA durch keramische Bausteine ersetzt. Der Nachweis erfolgt im ersten Schritt über die Nummer auf den Microdots oder – wenn nötig – im zweiten Schritt über spektrometrische Nachweisverfahren. Natürlich bleibt diese Eigentums-Markierung fest auf dem Gegenstand haften und wird nicht auf den Dieb übertragen.

Hilft die DNA-Dusche tatsächlich, Räuber zu ermitteln? Sind die nicht schon oft über alle Berge, bis die Polizei am Tatort eintrifft?

Wir wissen aus Statistiken, dass Überfälle sehr häufig von Wiederholungstätern durchgeführt werden. In den Niederlanden sind 70 Prozent der Täter bei der Polizei bekannt und wohnen oft in der gleichen Stadt. Direkt nach einem Überfall hat die Polizei meist einen Verdacht – und dann ist es auch erlaubt, einen potenziellen Täter abzuleuchten. Wenn dieser Spuren aufweist, wird die Polizei hier weiter ermitteln und die Tatort-DNA checken. Die Praxis zeigt uns, dass auch hier das Warnschild abschreckend wirkt.

Wie lange und wie hartnäckig haftet die Spray-Variante am Täter? Haben Sie dazu Versuche durchgeführt?

Typisch beim Sprühvorgang ist, dass in Augen, Ohren und Gesicht gesprüht wird – das lässt sich nicht so leicht auswaschen wie Spuren an den Händen oder Bekleidung. Der Täter sieht die Markierung nicht, kann also auch nicht gezielt putzen. Wir haben Fälle, wo Täter fünf Tage nach dem Überfall gefasst und noch brauchbare Spuren gefunden wurden. In der Regel erfolgen die Ermittlungen direkt nach der Tat, sodass die Spuren gut nachweisbar sind.
Die unsichtbare DNA-Markierung wird mit Hilfe von UV-Licht sichtbar gemacht © SDNA Forensische Markierungstechnologie GmbH

Sind SelectaDNA Produkte toxisch für den Anwender oder den Dieb?

Hierzu gibt es ein toxikologisches Gutachten der Universität Würzburg, das die Unbedenklichkeit bestätigt. Das war auch eine Voraussetzung der Polizei, überhaupt mit dem Produkt zu arbeiten. Zusätzlich aber gab es auch polizeiinterne Untersuchungen.

Wurden bereits Täter mit Hilfe Ihrer Produkte überführt?

Ja. In Bremen beispielsweise baut die Polizei Sprühfallen in Lockautos ein: Hier kennen wir Fälle, wo besprühte Täter von der Polizei überführt wurden. Auch in einer Spielhalle im Saarland konnten die mit DNA markierten Täter gefasst werden: Die Polizei hatte einen Verdacht, leuchtete die Räuber ab und konnte das blaue Leuchten sehen. Die Täter haben die Tat sofort zugegeben. In Bremen konnten Laptop-Diebe durch die Eigentumsmarkierung ermittelt werden.

Wie sicher ist die DNA-Sequenz in SelectaDNA? Könnte es auch zu Verwechslungen oder Pannen kommen?

Jeder DNA-Code ist pro Verpackungseinheit einmalig. Es handelt sich hier um kurze, nicht kodierende Fragmente, die in der Natur nicht vorkommen. Der Code wurde gegen die größte weltweit vorhandene Datenbank NCBI gegengecheckt – hier gibt es keine Übereinstimmung. Sonst hätten wir auch keine Zulassung für die Forensik bekommen.

Das Thema DNA ist ja sehr sensibel. Wie begegnet Ihnen die Bevölkerung? Gibt es Unterschiede zwischen England, Deutschland und Holland?

Wir hatten das ursprünglich befürchtet, doch von Angst haben wir in keinem der Länder etwas gespürt. Ich vermute, dass Medienberichte und unsere Gutachten dazu geführt haben, dass die Akzeptanz positiv ist.

Sie bieten Ihren Kunden eine Geld-zurück-Garantie: Sollte trotz Anwendung ein Einbruchdiebstahl verübt werden, erstatten Sie den Kaufpreis zurück. Wie oft kam das schon vor?

In Deutschland, Holland und Belgien zusammen hatten wir nur einen Fall.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Im Moment ist der Markt offen, wir wachsen sehr schnell und die Akzeptanz ist da. Etliche neue Projekte wollen verwirklicht werden, wie im Land Brandenburg, in Frankfurt an der Oder und auch in Schwedt und Eisenhüttenstatt. An der Ostgrenze ist die Kriminalitätsrate einfach sehr hoch.

Dann wünschen wir Ihnen viel Erfolg und hoffen, dass Sie mit Ihrem Produkt weiterhin einen wertvollen Beitrag zur Diebstahlprävention leisten. Herr van der Laan, vielen Dank für das Gespräch.

Curriculum Vitae: Donald van der Laan

* 1950 in Den Haag, Niederlanden. Kaufmännische Ausbildung. Startet seine Karriere 1968 im Produktmanagement für Mikrolithografie bei der GAF Corporation, ab 1978 leitete er als Europadirektor für 14 Jahre die Geschäfte der Perkin-Elmer Semiconductor Equipment Group. Von 1990 bis 1992 war er Europadirektor der Silicon Valley Group Inc. und bis 1999 Direktor von Perkin Elmer und Applied Biosystems. Anschließend war er drei Jahre als Vizepräsident bei dem international tätigen Halbleiter- und Photovoltaik-Spezialist Applied Materials tätig. In der Rhine Group ist er seit 2000 Gesellschafter und seit 2009 Geschäftsführer der Forensischen Markierungstechnologie GmbH in Schriesheim.
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/schlechte-zeiten-fuer-langfinger-sicherheit-durch-biocodierung