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Gastbeitrag

Sechs Monate Forschungsaufenthalt in Nanjing - ein Erfahrungsbericht

Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg vergibt Stipendien an Masterstudierende für einen Forschungsaufenthalt von drei bis sechs Monaten an einer Universität in China. Martin Kessler hatte dadurch die Möglichkeit, an der Nanjing University of Technology im Bereich "Biotechnology and Pharmaceutical Engineering" in einer außergewöhnlichen Umgebung neue Erfahrungen zu sammeln. Lesen Sie hier mehr über seine persönlichen Eindrücke in dieser Zeit.

Als ich auf meiner Suche nach einem Auslandspraktikum auf den Flyer des Stipendiums für einen Forschungsaufenthalt in China stieß, war ich zunächst etwas zögerlich. Einerseits wollte ich ein halbes Jahr etwas Besonderes machen, außergewöhnliche Erfahrungen sammeln und möglichst weit weg von zu Hause sein. Jedoch hatte ich zu dem Zeitpunkt noch keine wirkliche Vorstellung von diesem Land, in das ich gehen sollte.

Je mehr ich mich dann mit dem Gedanken „China" beschäftigte, desto besser gefiel er mir. Letztendlich konnte ich es nicht mehr erwarten, das Abenteuer auf mich zu nehmen. Jetzt darf ich sagen: Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.

Arbeit und Alltag an der Universität

Die gesamte Laborbesetzung unter der Führung von Professor Jiang Min © Martin Kessler

In Nanjing angekommen wurde ich von XuHao, meinem persönlichem Betreuer und auch Arbeitskollegen, empfangen. Er half mir bei allen organisatorischen Dingen und führte mich in das doch ganz andere chinesische Leben ein - wir wurden sehr schnell Freunde. An der Nanjing University of Technology war ich am College of Biotechnology and Pharmaceutical Engineering unter der Regie von Professor Jiang Min beschäftigt. Mit den dortigen Studenten und Doktoranden arbeiteten wir gemeinsam an der gentechnischen Modifikation sowie der elektrochemischen Fermentation von Escherichia coli. Ich wurde sehr freundlich in das Team aufgenommen und integriert. Durch ein oftmals von Studenten gefülltes Labor, sowie die Nutzung von relativ einfachen Mitteln gestaltete sich die Arbeit ungewohnt, aber auch sehr inspirierend.

Die etwas andere chinesische Arbeitseinstellung merkt man doch sehr schnell. Abgesehen von der zunächst abschreckenden Einstellung, das Labor sei sowohl eine Küche mit Esstisch, als auch ein Schlafplatz während der wohlverdienten Mittagspause, wurde der Samstag auch zum normalen Arbeitstag deklariert. Ich konnte mich jedoch in Bezug auf meine Erkundung des Landes oft von den wochenendlichen Arbeiten freistellen lassen.

Eine Mischung aus Neugierde und Schüchternheit meiner chinesischen Kollegen mir gegenüber, in Kombination mit einer manchmal vorhandenen kleinen Sprachbarriere, brachte jeden Tag neue Überraschungen, die manchmal auch mit viel Geduld gemeistert werden mussten. Außerhalb des Labors verbrachten wir unsere Freizeit viel auf den universitären Sportplätzen, auf denen hauptsächlich Basketball- und Fußballspiele mit Professoren und Studenten stattfanden.

Das Leben in Nanjing

Gemeinsam mit einigen anderen ausländischen Studenten und Praktikanten wohnte ich auf dem Dingjiaqiao Campus, in einem großen Wohnhaus nahe des Zentrums. Von dort aus fuhr mehrmals am Tag ein Bus der Universität ca. 40 Minuten zu dem Hauptcampus, an dem ich arbeitete. Durch die Mitbewohner des Hauses hatte ich sehr schnell eine gute Anbindung. An den Feierabenden und Wochenenden wurde generell viel unternommen, wobei man immer die Möglichkeit hatte, seine neuen Erfahrungen mit jemandem zu teilen.

Die ehemalige Hauptstadt Nanjing ist eine für chinesische Verhältnisse mittelgroße Stadt, die mit ihren vielen Facetten ein breites Angebot an Freizeitgestaltungen bietet. Neben zahlreichen geschichtlichen sowie kulturellen Sehenswürdigkeiten gilt es natürlich auch die kulinarischen Köstlichkeiten zu erforschen. Die wochenendlichen Abende wurden meist beim Karaoke oder in dem berühmten Viertel „1912" verbracht, in dem es in vielen modernen, aber doch etwas anderen Clubs und Bars zur Sache geht. Dort wurde man oftmals von kontaktfreudigen und neugierigen Chinesen auf den einen oder anderen Drink eingeladen, was jeden Abend zu neuen Bekanntschaften und viel Spaß führte.

Der außerhalb der Uni präsenten großen Sprachbarriere fieberten wir mit einem zweimonatigen Sprachkurs entgegen, bei dem uns eine Lehrerin der Universität die sehr nützlichen Basics der chinesischen Sprache beibrachte.

Reisen in China

Die Skyline von Shanghai © Martin Kessler

Neben meinem Aufenthalt in Nanjing erkundete ich gemeinsam mit den anderen Neulingen aus dem Wohnhaus auch andere Teile des Landes. So machten wir Ausflüge in nahegelegene Städte wie Suzhou, Hangzhou und Shanghai. Während des chinesischen Neujahrs begaben wir uns auf eine größere Reise nach Peking, Xi'an sowie in den Süden Chinas nach Guiyang, Guilin und in das etwas ländlichere Yangshuo. Die Eindrücke, die ich in den verschiedenen Gegenden sammelte, werden mich den Rest meines Lebens begleiten.

Fazit und Tipps

Die Dauer meines Aufenthalts war viel zu kurz, um ein authentisches Bild von China abgeben zu können. Sechs Monate genügen gerade mal, um eine grobe Übersicht über die chinesischen Verhältnisse zu bekommen. Das Land ist riesig, sehr facettenreich und voller Widersprüche. Genau das macht China unglaublich interessant.

Mir persönlich hat dieser Aufenthalt definitiv den Horizont erweitert. Ich lernte viele nette Leute kennen und bekam einen etwas tieferen Einblick in eine mir vorher komplett unbekannte Kultur. Natürlich gibt es dort auch Umstände, die man nicht in ein schönes Licht stellen kann. Dinge wie Luft- und Umweltverschmutzung sowie das tägliche Gedränge an den U-Bahn-Stationen zerrten auch an meinen Nerven.

Neben der Auseinandersetzung mit chinesischer Kultur und Sprache vor der Abreise rate ich jedem, während des Aufenthalts in China den dortigen Menschen mit einer großen Aufgeschlossenheit entgegenzutreten. Sich von den manchmal grob und unnachsichtig erscheinenden Verhaltensweisen abschrecken zu lassen, ist ein erster großer Fehler. Denn dann werden die große Neugierde und Gastfreundlichkeit der Leute an einem vorbeigehen. Zudem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass in vielen, manchmal unerklärlichen Situationen ein hohes Maß an Geduld und Ausdauer gefordert wird. Dann wird China einem die schönsten und unvergesslichsten Erfahrungen schenken. Das hat es jedenfalls bei mir getan.

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