zum Inhalt springen
Powered by

Studie: Nährstoffe als Medizin für ADHS-Patienten?

Ärzte und Forscher sind sich seit vielen Jahren uneins, ob langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren das Verhalten und die Kognition bei Kindern mit ADHS beeinflussen. Jetzt soll eine Ulmer Studie Klarheit bringen und damit möglicherweise eine Alternative zur umstrittenen Psychostimulanzien-Therapie aufzeigen.

Bisherige Daten widersprechen sich und sind uneinheitlich, sagt die Molekularbiologin Katharina Müller vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Ulmer Universität. Die 52-jährige Naturwissenschaftlerin wird zusammen mit dem sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) der Ulmer Uni-Kinderklinik (Prof. Harald Bode) die vom Bundesforschungsministerium geförderte Studie im Rahmen des Programms Biomedizinische Ernährungsforschung starten, sobald der Projektträger grünes Licht gegeben hat.

Störung der neuronalen Entwicklung

Die Ulmer Molekularbiologin Dr. Katharina Müller koordiniert die Studie. © Pytlik

Von der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), die im frühen Kindesalter einsetzt, sind in Deutschland zwei bis sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen vier und 17 Jahren betroffen. Damit zählt diese neuronale Entwicklungsstörung zu den häufigsten chronischen Krankheiten bei Heranwachsenden. Leitsymptome dieser im Volksmund als Zappelphilipp-Syndrom bekannten Krankheit sind Unaufmerksamkeit, motorische Unruhe und Impulsivität.

Ihre Ursachen sind erst zum Teil verstanden. Umweltfaktoren wie Rauchen und Alkohol während der Schwangerschaft, niedriges Geburtsgewicht, Entbehrungen in der frühen Kindheit spielen nach Müllers Worten ebenso eine Rolle wie Gene für die Dopaminrezeptoren D4 und D5, das Dopamin-Transporter-Gen, das Dopamin-Beta-Hydroxylase- (DHB) Gen und die Serotonin-Transportergene (5-HTT).

Gehirn reift zeitlich verzögert

Bei Kindern mit ADHS reift das Gehirn normal, aber zeitlich verzögert. Deutlich werde dies, sagt Müller unter Verweis auf jüngste Forschungsergebnisse, im Bereich des mittleren präfrontalen Cortex, der eine um durchschnittlich drei Jahre verzögerte Gehirnreifung aufweise. Dieser Bereich des Gehirns gilt als oberstes Kontrollzentrum für eine situationsangemessene Handlungssteuerung und ist stark an der Regulation emotionaler Prozesse beteiligt.

Die ADHS-Therapie stützt sich im Wesentlichen auf die Psychoedukation, die Psychotherapie und die Medikation. Am häufigsten wird hierzulande das Psychostimulans Methylphenidat (bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin) angewandt. Dieses gilt wegen seiner Wirksamkeit als Medikament der ersten Wahl. Der Wirkstoff vergrößert die Dopamin-Menge im synaptischen Spalt und verbessert dadurch die Nervenübertragung.

Risikoärmere Alternative: Therapie mit Nährstoffen

Die Probanden erhalten die Fettsäuren in Form von Pillen. © Pytlik

Auch Amphetaminen (vor allem in den USA bei ADHS verschrieben), Pemolin und Atomoxetin wird eine signifikante Wirkung zugeschrieben. Schädliche unerwünschte Nebenwirkungen der Psychostimulanztherapie gibt es laut Bundesärztekammer in der Regel bei richtiger Medikation keine (Stellungnahme BÄK zu ADHS, 2005). Viele Eltern von ADHS-Kindern stehen aber einer längeren Medikation kritisch gegenüber. Eine alternative und risikoärmere Nährstoff-Alternative, wie sie jetzt die Ulmer Forscher untersuchen, käme vielen besorgten Eltern entgegen.

Unser Gehirn braucht viel Fett

Dass ein Mangel an langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren (LCPUFAs) eine der Ursachen für ADHS sein könnte, wird seit gut 20 Jahren vermutet, sagt Müller. Die Annahme liegt nahe, denn unser Denkorgan besitzt den größten Fettanteil aller Organe. Die Gehirntrockenmasse besteht aus 50 bis 60 Prozent Lipiden, wovon rund ein Drittel diese LCPUFAs ausmachen, die wiederum notwendig sind für Struktur und Funktionalität neuronaler Gewebe.
Den Zusammenhang bestätigte jüngst eine Übersichtsarbeit (Frölich/Döpfner): „Möglicherweise könnte eine Nahrungsergänzung mit essentiellen Fettsäuren bei subklinischer oder moderater Symptomausprägung der ADHS einen signifikanten therapeutischen Nutzen erbringen.“

Korrelationen, aber noch keine Kausalitäten

Es gibt Hinweise, dass die Einnahme bestimmter Fette das Lernen verbessern. © Schemmi/pixelio.de

Es gibt Hinweise, dass Menschen besser lernen können, wenn sie ausreichende Mengen dieser Fette zu sich nehmen. Hinweise, Korrelationen, aber keine Kausalitäten. Sicher hingegen ist, dass die Konzentration dieser essentiellen Fettsäuren bei Müttern sinkt, weil diese Lipide bevorzugt an den Embryo beziehungsweise den Säugling weitergegeben werden. Je öfter und je schneller hintereinander Frauen Kinder bekommen, desto tiefer fällt dieser Fettsäurespiegel, sagt die Ulmer Forscherin.

Wie gelangt der menschliche Organismus an diese Fettsäuren, die er selber nicht herstellen kann? Entweder er baut sie aus kleinen Vorläufermolekülen zusammen, wie sie besonders in Raps- oder Flachsöl vorkommen, oder er nimmt sie direkt über die Nahrung zu sich. Die indirekte, biochemische Synthese aus kurzen Vorläufersubstanzen zu den wertvollen langkettigen Fetten wie vor allem zur Docosahexaensäure (DHA) läuft im Körper aber unzureichend ab.

Esst fetten Seefisch!

Hering enthält viele dieser gesunden Fettsäuren. © pixelpiet/pixelio.de

Bleibt als natürliche Quelle fettreicher Seefisch wie Hering, Makrele oder Lachs. Eine Ration pro Woche hält Müller für ausreichend, da die damit aufgenommenen langkettigen Fettsäuren eine lange Halbwertszeit haben.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt zur Prävention zahlreicher Erkrankungen ein bis zwei Mal den Verzehr dieser Fische beziehungsweise nach ärztlicher Anordnung entsprechender Fischölkapseln, die die langkettigen n-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und DHA enthalten.
(An synthetischen Produktionsalternativen zum begrenzten und teuren Fischöl arbeitet übrigens BASF, die mit Hilfe gentechnisch veränderter Rapspflanzen auf dem Feld n-3- und n-6-Fettsäuren herstellen will.)

Nach Müllers Angaben mehren sich die Hinweise aus Studien, wonach bei einer Untergruppe von ADHS-Patienten der Omega-Fettsäure-Stoffwechsel gestört ist. Die Annahme, dass eine gezielte und ergänzende Aufnahme mit langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren die ADHS-Symptome verbessert, versuchten zahlreiche Studien zu belegen. Allerdings erbrachten sie in der Zusammenschau „widersprüchliche Ergebnisse“.

Eindeutiges nach so vielen Widersprüchen

Diese Widersprüche sucht die geplante, auf zwei Jahre angelegte Ulmer Studie aufzulösen. Möglicherweise, so Müllers persönliche Hypothese, hilft eine Supplementation bei einem Teil von ADHS-Kindern. Hieb- und stichfest sollen die Ergebnisse der Studie sein: Deshalb muss die ADHS-Diagnose ein Arzt, in diesem Fall das SPZ der Ulmer Unikinderklinik, erstellen, die Intervention (Placebo-Verum) gut durchgeführt sein, und ebenso die Therapietreue überprüft werden.

Die Untersuchung an 110 Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren soll sich über vier Monate erstrecken. Vor Studienbeginn und nach Ablauf der vier Monate wird das Blut der Probanden auf das Fettsäuremuster hin untersucht und damit zusätzlich biochemisch die Einnahme der in Pillen konzentrierten Fettsäuren kontrolliert.

Bestätigt sich Müllers Annahme, wonach die Supplementation mit LCPUFAs bei einer Untergruppe von ADHS-Patienten Verhalten und Kognition beeinflusst, wäre anhand des Fettsäuremusters im Blut dieser Gruppe ein diagnostisches Kriterium zur Hand. Damit ließe sich die Therapie zielgerichtet entwickeln.

Quellen:

Weiland, U./Widenhorn-Müller, K.: Langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren – eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit bei Kindern mit ADHS?, in: Nervenheilkunde 9/2008, S. 789ff.

Frölich, J./Döpfner, M.: Treatment of Attentention-Deficit/Hyperacitivy Disorders with polyunsaturated fatty acids – an effective treatment alternative, doi:10.1024/1422-4917.36.2.109

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Evidenzbasierte Leitlinie: Fettkonsum und Prävention ausgewählter ernährungsbedingter Krankheiten (November 2006)

Deutsche Gesellschaft für Ernährung, 9.5.2006: Kein Zweifel an der Wirkung von n-3 Fettsäuren

Bundesärztekammer (Hg.): Stellungnahme zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)-Kurzfassung, 2005

BASF Plant Science, 15./16. 09.2005: Lebertran ade – gesunde Fettsäuren aus Pflanzen

Jörg Blech, Dünger fürs Gehirn, in: Spiegel 52/2008, S. 112-114.

 

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/studie-naehrstoffe-als-medizin-fuer-adhs-patienten