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Veranstaltungsrückblick

Symposium Telemedizin: Die Technologie ist da – nutzen wir sie

Kennen Sie und ihr Arzt die Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheits-Apps auf ihrem Smartphone? Wie gut geschützt ist der Computer in der Arztpraxis, der unsere Krankenakte speichert oder das MRT im Klinikum? Wo befinden wir uns auf dem Weg zu einer Telematikinfrastruktur und wie können telemedizinische Leistungen vergütet werden? Was kann und was sollte Telemedizin heute im medizinischen Alltag leisten? Mit diesen und zahlreichen weiteren Fragen beschäftigten sich die Teilnehmer des Symposiums Telemedizin am 14.10.2015 in Stuttgart.

Stand der BIOPRO auf dem Symposium Telemedizin in Stuttgart © BIOPRO/Pott

Die digitale Welt ist Teil unseres Lebens in Deutschland geworden. Längst hat jeder zweite ein Smartphone und  ruft damit seine E-Mails ab, lädt Apps herunter und chattet mit Freunden. „Wir haben das Zeitalter der Digitalisierung recht reibungslos betreten", erklärt Dr. Simone Schwanitz, Ministerialdirektorin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg in ihrem Grußwort zum Symposium Telemedizin. „Mithilfe der Digitalisierung als Innovationsmotor des 21. Jahrhunderts bieten sich enorme Chancen, um Innovationen auch in der medizinischen Versorgung von morgen sicherzustellen." Damit wird schon am Anfang der Veranstaltung deutlich, was Prof. Dr. Gerald Weisser, Leiter der Koordinierungsstelle für Telemedizin in Baden-Württemberg, am Ende verdeutlicht: "Die Technologie ist nicht das Problem in der Telemedizin, denn sie steht in der Breite zur Verfügung."

Keine Strukturen

Doch warum dauert es so lange, bis die telemedizinische Versorgung Einzug in unser Gesundheitssystem erhält, obwohl es diese Lösungen und Technologien bereits gibt? „Telemedizin wird gelebt, aber mit wenig Struktur", sagt Robert Mahnke, Leiter der EDV-Abteilung des Sana Klinikums Offenbach. Mahnke berichtet, dass die Telemedizin in den Kliniken bereits angekommen sei. Vernetze Übertragung in der Labordiagnostik oder auch die Teleradiologie ist Teil des Klinikalltags geworden. „Insellösungen können jedoch nicht die Strategie sein", so Mahnke. Die fehlende Telematikinfrastruktur bemängelt auch Andreas Vogt, Leiter der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse Baden-Württemberg.

  • Prof. Dr. Dominik Alscher eröffnet das Symposium. © KAPIA Fotografie Katharina Pia Müller
  • Die Industrieausstellung während des Symposiums Telemedizin in Stuttgart. © KAPIA Fotografie Katharina Pia Müller
  • Nach der ersten und zweiten Vortragssession fand eine angeregte Podiumsdiskussion statt. (Teilnehmer v.l.n.r.: Prof. Hartmut Siebert, Robert Mahnke, Prof. Gerald Weisser, Prof. Peter König, Prof. Olaf Dössel, Dr. Ulrich Clever, Dr. Michael Barczok, Andreas Vogt) © KAPIA Fotografie Katharina Pia Müller
  • Während der Kaffeepausen konnten die Teilnehmer die Poster-Ausstellung besuchen. © KAPIA Fotografie Katharina Pia Müller
  • Dr. Simone Schwanitz (Ministerialdirektorin am MWK BW), Dr. Ingrid Ende (MWK BW), Prof. Gerald Weisser, Leiter der Koordinierungsstelle für Telemedizin BW auf dem Symposium Telemedizin in Stuttgart © KAPIA Fotografie Katharina Pia Müller
  • Florian Grunow berichtet über die Risiken der Telemedizin © KAPIA Fotografie Katharina Pia Müller
  • Prof. Torben Pottgießer hält einen Vortrag über die Telehealth-Produkte, die ein Arzt kennen sollte. © KAPIA Fotografie Katharina Pia Müller

Mehr Geld nur für einen Mehrwert

Besonders jedoch den gesetzlichen Krankenkassen wird häufig vorgeworfen, dass sie die telemedizinischen Leistungen nicht vergüten würden. Dr. Michael Barczok, Mitglied im Bundesvorstand der Pneumologen, erklärt, dass ihm für das Telemonitoring ein gebührenrechtlicher Rahmen und auch gesetzliche Rahmen fehlen. Vogt macht hier jedoch deutlich, dass „nicht allein weil etwas telemedizinisch gemacht wird, es dann zwingend teurer wird beziehungsweise wenn etwas digital ist, kostet es nicht unbedingt auch immer mehr". „Zusätzliches Geld kann nur dafür fließen, wenn auch wirklich eine Qualitätssteigerung der Behandlung erfolgt."

Patient steht im Mittelpunkt

Industrieausstellung auf dem Symposium Telemedizin © BIOPRO/Pott

Doch was ist mit den Patienten? Sind sie auf die Telemedizin vorbereitet? Prof. Hartmut Siebert, stellvertretender Vorsitzender des Aktionsbündnisses für Patientensicherheit, sieht aktuell einen Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem. Denn der Patient wird zum Akteur. „Erstmalig wird der Patient in der Lage sein, seine Gesundheitsdaten zu lesen und zu teilen. Die Daten eines Patienten werden zu seinen Diamanten", sagt Siebert. In den verschiedenen App-Stores werden im Moment bis zu 400.000 Gesundheits-Apps für das Smartphone angeboten. Doch was passiert mit den gemessenen Daten? „Die Unternehmen benutzen die Daten für ihre Zwecke", erklärt Prof. Dr. Olaf Dössel, Leiter des Instituts für biomedizinische Technik am KIT. „Das akzeptieren Millionen Menschen". Er fordert daher eine umfangreiche Prüfprozedur. Eine Sammlung von Kriterien für medizinische Apps fordert auch Prof. Torben Pottgießer vom Universitätsklinikum Freiburg. „Es fehlt an Qualitätsmerkmalen", so Pottgießer. Denn viele der gemessenen Daten können kaum reproduziert werden.

Für die Ärzteschaft steht ebenfalls ganz das Wohl des Patienten im Vordergrund. „Wenn wir uns als Ärzte mit der Telemedizin beschäftigen, muss diese einen relevanten Nutzen für den Patienten haben", erklärt Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Aus Sicht der Ärzte gibt es daher noch drei Problemfelder in der Telemedizin: 1) Der medizinische Sinn beziehungsweise die Evidenz der telemedizinischen Anwendungen,  2) der regulatorische Rahmen und 3) die Vergütung.

James Bond lässt grüßen

Neben den bereits genannten Mängeln im Datenschutz gibt es in der Telemedizin noch weitere Risiken, die laut Florian Grunow, Security Analyst der Enno Rey Netzwerk GmbH und Mitglied im ChaosComputerClub kaum beachtet werden. „Neue Geräte gibt es immer auch mit einer Netzwerkfunktionalität, dennoch sind sie auf dem Sicherheitsstand der 80er-/90er-Jahre", so Grunow. Mit dieser Information ist es nicht mehr überraschend, dass sich Grunow während des Symposiums in ein Sauerstoffmessgerät „hackt" und dessen ausgegebenen Daten kontrolliert und überschreibt.  Hier gibt es also von Seiten der Hersteller, aber auch im Bewusstsein der Kliniken noch einigen Nachholbedarf.

Ländliche Versorgung sichern

Das Projekt SMARTY und die Koordinierungsstelle für Telemedizin informieren über ihre Arbeit in einer Posterausstellung. © BIOPRO/Pott

Dass die Telemedizin nicht nur eine Option ist, sondern unbedingt erforderlich ist für die Sicherung der fachärztlichen Versorgung, stellt Dr. Barczok dar. Er warnt: „Die Fachärzte ziehen sich aus der Fläche zurück. Die Schwäbische Alb wird fachärztlich entvölkert."

Doch Barczok hat eine Lösung zur Hand, die er in seiner Praxis in Ulm schon lebt: Telemonitoring. „Die persönlichen Kontakte müssen durch ein Indikator-Monitoring ergänzt werden", so der Pneumologe. Nach einem ersten Kontakt zwischen Arzt und Patient werden die Messwerte des Patienten an den Arzt übertragen und dieser spricht die weitere Behandlung telefonisch oder per Videokonferenz mit dem Patienten ab. Ein gutes Konzept, das ebenfalls in anderen medizinischen Bereichen umgesetzt wird. So ist die vitaphone GmbH bereits seit 1999 im Telemonitoring aktiv, um zum Beispiel bei Herzinsuffizienz frühzeitig eine Verschlechterung der Messwerte zu erkennen. Mit der Eröffnung der weltweit ersten telemedizinischen Praxis für die Diagnose von Erkrankungen des peripheren Nervensystems Anfang 2015 hat Prof. Martin Bendszus, Ärztlicher Direktor der Neuroradiologie des Universitätsklinikums Heidelberg, ebenfalls einen großen Schritt für die Telemedizin gemacht. Die MRT-Praxis in Hamburg wird über eine Konferenzschaltung am Bildschirm von den Experten aus Heidelberg betreut. Nach einer ersten Umfrage konnte eine hohe prozentuale Zufriedenheit festgestellt werden. „Die Patienten schätzen es, dass dort ein Spezialist sitzt, der was von der Sache versteht", so Bendszus.

Alle müssen mit

Die Veranstaltung macht deutlich, dass man für den Weg in die digitale Gesundheitsversorgung alle Beteiligten mitnehmen muss: Kostenträger, Ärzte, Patienten, Krankenhäuser aber auch die Medizinalfachberufe, wie zum Beispiel Physiotherapeuten und Pfleger. „Die Telemedizin beschränkt sich nicht nur auf den medizinischen Bereich, sondern die gesamte gesundheitliche Versorgung", erklärt Prof. Peter König, Vertreter des Landespflegebeirats Baden-Württemberg. Bisher werden die Daten aus dem Krankenhaus in die ambulante Pflege kaum richtig übertragen. Hier wird, laut König, eine passende Software zur Dokumentation benötigt.

Abschließend wird eines klar: Alle wollen die Telemedizin in die Regelversorgung bringen. Doch hierfür müssen, nach Ansicht der Referenten, noch die Strukturen auch auf politischer Ebene geschaffen werden.

 

Anmerkung: Auf dem Symposium wurden sowohl in den Sessions als auch in der Industrie- und Posterausstellung laufende Projekte aus Baden-Württemberg vorgestellt. Einige der Entwicklungen finden Sie bereits auf unserer Internetseite.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/symposium-telemedizin-die-technologie-ist-da-nutzen-wir-sie