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Teva wird in Ulm monoklonale Antikörper im großen Maßstab herstellen

Teva investiert kräftig in seinen Ulmer Biotech-Standort. Walter Pytlik sprach für die BIOPRO Baden-Württemberg mit Dr. Hermann Allgaier, dem CEO von Teva Biotech, über die Konzernmutter und die Bedeutung der Biotechnologie für den Konzern mit Stammsitz in Israel.

Hierzulande weiß man relativ wenig über Teva. Welche Bedeutung hat die Biotechnologie für den Gesamtkonzern?

Dr. Hermann Allgaier © Teva Biotech

Die Firma Teva ist Weltmarktführer im Bereich der Generika. Weniger bekannt ist, dass sie bereits heute ein starkes Portfolio innovativer Arzneimittel vermarktet. Neben Copaxone® als einem der wichtigsten Präparate zur Behandlung der Multiplen Sklerose spielen die in Ulm gefertigten Biosimilars und Biobetters sowie New Biological Entities eine immer stärkere Rolle.

Welche Rolle spielt der Standort Ulm innerhalb des Konzerns in Bezug auf die Biotech-Aktivitäten?

Forschung und Entwicklung für biotechnologische Produkte sind in den USA und Israel lokalisiert. Proteine aus Mikroorganismen werden an unserem Produktionsstandort in Litauen hergestellt, Proteine und Antikörper aus Zellkulturen an unserem Standort Ulm.

Ende letzten Jahres kündigte Teva an, „Ulm zur Drehscheibe seiner Biotech-Aktivitäten“ zu machen. Unterstellt, dass auch andere Standorte als Biotech-Hub dafür infrage kamen, was hat den Ausschlag für Ulm gegeben?

Teva steigt im Ulmer Donautal groß in die Produktion monoklonaler Antikörper ein. © Teva Biotech

Wir hatten im Konzern eine intensive und sehr detaillierte Standortanalyse in sechs Ländern durchgeführt. Für den Ulmer Standort sprachen letztlich drei Faktoren: Das Ulmer Team hat durch den Aufbau und den Betrieb der bestehenden Biotechnologieanlage ein hohes Maß an Kompetenz aufgebaut, welche jetzt auf eine neue Investition übertragen werden kann. Das biotechnologische Know-how für die Produktion von Wirkstoffen aus Zellkulturen ist hier vorhanden. Ein weiterer Standortvorteil besteht in der vorhandenen Werksinfrastruktur mit der Pharmaproduktion, auf die bezüglich Ressourcen und bestehender Workflows zurückgegriffen werden kann. Das ist ein großer Startvorteil, verglichen mit einem Szenario auf der grünen Wiese. Der dritte Faktor, der für Ulm sprach, ist die Einbettung hier in Süddeutschland, das sich in den vergangenen Jahren zu einem Schwerpunkt zur Herstellung von Wirkstoffen aus mikrobiellen und tierischen Zellkulturen entwickelt hat. Hier wären zu nennen Rentschler in Laupheim, Boehringer in Biberach, Vetter in Ravensburg, Roche in Penzberg und Mannheim sowie auch Sanofi in Frankfurt. Hier ist der kommerzielle Spirit vorhanden und eingebettet in eine sehr lebhafte universitäre Landschaft gemeinsam mit Hochschulen, die eine gute Quelle für eine gute Ausbildung und gute Mitarbeiter sind.

In den Ulmer Standort will Teva eine mittlere dreistellige Millionensumme investieren. Das ist, so teilte die Konzernmutter mit, die weltweit größte Einzelinvestition in einen einzelnen Standort. Täuscht es, dass Teva damit einen Kurswechsel in Richtung Biopharmazie forciert und sich mit Biotech-Größen wie Amgen, Roche oder Gilead früher oder später messen will?

Ja, diese Entscheidung ist natürlich in eine Biotechnologie-Strategie integriert, mit der sich das Unternehmen zukünftig stärker bei Biosimilars wie auch innovativen Biotech-Produkten engagieren wird. Die Teva wird keine zweite Biogen Idec, denn diesen Firmen fehlt das Generika-Segment. Man will auf zwei Beinen stehen, zum einen auf den Generika, zum anderen auf innovativen Arzneimitteln, die immer stärker aus der Biotechnologie gespeist werden.

Im Juni dieses Jahres wurde Merckle Biotec zu Teva Biotech. Seit dem Kauf von Merckle/ratiopharm im Jahr 2010 sind sechs Jahre verstrichen. Dauerte der Integrationsprozess so lange?

Der Integrationsprozess nicht nur für die Biotechnologie, sondern auch für die ehemalige ratiopharm war relativ schnell abgeschlossen. In der Zwischenzeit hat sich aber auch die Firma Teva stark gewandelt. Teva von heute ist nicht mehr vergleichbar mit der Firma, wie wir sie vor sechs Jahren kennengelernt haben. Der Namenswechsel drückt die Wertschätzung des Konzerns aus, das Projekt nach Ulm zu vergeben, und dadurch wird auch unterstrichen, dass wir unsere alte Vergangenheit, zumindest dem Namen nach, hinter uns lassen wollen. Mit dem Namen signalisieren wir, dass wir ein Teil von Teva sind. Natürlich gibt es eine ratiopharm-Marke, die auch weiter bestehen bleibt. Intern aber sind wir alle „one Teva“. Der Name Teva wird auch in Deutschland in Zukunft an Bedeutung gewinnen, sodass unser neuer Name auch für uns vorteilhaft ist. Das ist schon eine gewisse Ehre, den Namen tragen zu dürfen.

Für Forschung und Entwicklung zeichnete die in Mannheim ansässige BioGeneriX verantwortlich, die aber seit 2010 nicht mehr existiert. Wer erledigt denn jetzt FuE?

Wir haben viele, vor allem leitende Mitarbeiter von BioGeneriX für Ulm gewinnen können. 80 Prozent des Managements ging nach Ulm, die anderen Mitarbeiter fanden problemlos im Frankfurter Raum neue Aufgaben. Die FuE-Tätigkeiten werden jetzt in den USA und Israel ausgeübt.

Worin wird sich die Ende 2015 angekündigte neue Biotech-Produktionsanlage von der bisherigen, 2006 in Betrieb gegangenen unterscheiden?

In der jetzigen Anlage produzieren wir Biosimilars und Biobetters der ersten Generation. Für diese Proteine ist die Perfusionstechnologie geeignet und bringt auch Kostenvorteile, weil damit in kleinem Maßstab und mit relativ moderaten Investitionen gearbeitet werden kann. Seit den 90er Jahren besteht aber die Biotechnologie zum größten Teil aus monoklonalen Antikörpern, die in Bezug auf die Menge und die Technologie ganz andere Anforderungen stellen. Monoklonale Antikörper werden mit Fed-Batch-Technologie hergestellt und stellen auch maßstabsmäßig einen Quantensprung dar. Die neue Anlage wird also monoklonale Antikörper im großen Maßstab herstellen.

In der Region Ulm/Biberach und auch in Ravensburg gibt es große und mittlere Unternehmen, die einen hohen Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften haben. Und jetzt will Teva Biotech nochmals bis zu 300 neue Arbeitsplätze schaffen. Wie will man international umworbene Fachkräfte in die schwäbische Provinz locken? Oder gibt es hier ausreichend Fachkräfte?

Unser Programm, Mitarbeiter zu gewinnen, ist breit gefächert. Wir haben eine Pyramide zu besetzen, von fachlichen Führungskräften bis zum Mitarbeiter in der Produktion. Das erfordert unterschiedliche Herangehensweisen. Wir haben ein breit gefächertes Programm aufgelegt mit „training on the job“, wir haben eine Landingpage (www.teva-biotech.de), wo wir die Vorteile des Standorts für Auswärtige zusammengefasst haben. Ulm ist eine tolle Stadt mit einem tollen Hinterland mit hohem Freizeitwert, wir haben die Universitäten, eine internationale Schule. Wenn die Leute mal Ulm geschnuppert haben, ist das durchaus ein Vorteil.

In den USA haben Biotech-Unternehmen einen Marktwert von 854 Mrd. USD, erwirtschafteten 10 Mrd. USD Gewinn und setzten 93 Mrd. USD (EY 2015) um. In Deutschland freut sich die Biotech-Industrie, wenn sie die 1-Mrd.-Grenze überschreitet. Gibt es denn Grund zur Hoffnung, dass die einstige „Apotheke der Welt“ auch in der medizinischen Biotechnologie wieder zum Höhenflug ansetzt?

Für die kommerzielle Biotechnologie gab es in Deutschland bereits wesentliche Investitionen. Bayer hat den Faktor VIII nach Wuppertal geholt, Sanofi hat in Frankfurt nochmals groß ausgebaut. Allerdings besteht hier immer noch diese zögerliche Mentalität, Start-ups zu fördern. Es gibt wenige Beispiele, die wirklich positiv sind, ich nenne hier nur CureVac. Es ist allerdings heute nicht mehr so leicht wie früher auszugründen. Firmen wie Amgen und Genentech sind mehr oder minder mit einem Produkt aufgestiegen. Diese Chancen, die Firmen aus der Garage ins Weltall katapultiert haben, gibt es heute nur noch äußerst selten, das muss man realistisch feststellen.

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