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TransLimm bringt neue Immuntherapien schneller zum Patienten

Neuartige Immuntherapien sollen das Immunsystem in seinem Kampf gegen Tumoren gezielt unterstützen. Doch der Weg aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung ist langwierig, teuer und gespickt mit regulatorischen Hürden. Mit seinem Zentrum für Translationale Immunologie (TransLimm) hat die Universität Tübingen jetzt ein zukunftsweisendes Netzwerk etabliert, das den Transfer innovativer Therapien in die Klinik erheblich beschleunigen soll. Vom Einsatz gentechnisch optimierter Antikörper könnten jetzt schon bald Patienten mit einer akuten Leukämie profitieren.

Prof. Dr. med. Gundram Jung leitet die Sektion für Experimentelle Antikörpertherapie an der Abteilung Immunologie der Universität Tübingen. © privat

Antikörper, Natürliche Killerzellen, T-Lymphozyten – das menschliche Immunsystem verfügt über ein ganzes Arsenal an Waffen, um nicht nur gegen infektiöse Erreger, sondern auch gegen entartete Zellen des eigenen Organismus ankämpfen zu können. Doch gerade Krebszellen finden immer wieder neue molekulare Schlupflöcher, um sich dem Angriff der körpereigenen Immunzellen zu entziehen. Innovative Immuntherapien sollen das Immunsystem in seinem Kampf gegen Tumore jetzt gezielt unterstützen. Gentechnisch optimierte Antitumor-Antikörper, wie sie Professor Dr. med. Gundram Jung von der Abteilung Immunologie an der Universität Tübingen entwickelt, zählen dabei zu den großen Hoffnungsträgern.

„Wir können die Effizienz der Antikörper, die ja große Eiweißmoleküle sind, durch gentechnische Tricks deutlich erhöhen. Entweder wir tauschen gezielt einzelne Aminosäuren aus oder wir konstruieren Antikörper-Doppelmoleküle, die nicht nur Tumorzellen erkennen, sondern auch Immunzellen gezielt aktivieren können“, erklärt Jung das Prinzip seiner Arbeit. Vor Kurzem erst konnte der Leiter der Sektion für Experimentelle Antikörpertherapie die Wirkung eines derart modifizierten Antikörpers bei Leukämie-Patienten untersuchen – mit vielversprechenden Ergebnissen.

Klinische Studie geplant

„Wir hoffen, dass sich die Zahl der Rückfälle bei Patienten, die sich nach einer Chemotherapie in Remission befinden, damit in absehbarerer Zeit halbieren lässt“, sagt der Wissenschaftler. In der Behandlung von Leukämien wäre dies ein neuer Meilenstein – zumal die modifizierten Antikörper bei den bislang behandelten Patienten zu keinen nennenswerten Nebenwirkungen führten. Eine größere klinische Studie in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Tübingen ist für Anfang 2012 geplant.

Die zeitnahe Realisierung dieser Studie ist auch ein Verdienst des Zentrums für Translationale Immunologie (TransLimm), das auf Initiative von Professor Dr. Hans-Georg Rammensee, Leiter der Abteilung Immunologie an der Universität Tübingen, gegründet wurde. Ziel dieser Kooperation von Grundlagenforschern, Klinikärzten und mehreren regionalen Biotech-Unternehmen ist, innovative Medikamente wie die gentechnisch optimierten Antikörper wesentlich schneller als bisher vom Labor in die klinische Anwendung zu bringen. „Diese Art der Zusammenarbeit ist in Europa bislang einmalig“, berichtet Jung, der um den Tübinger Standortvorteil weiß. „Wir sind hier in der glücklichen Situation, dass sich exzellente Grundlagen- und innovative klinische Forschung in unmittelbarer Nachbarschaft befinden.“

Zukunftsweisendes Netzwerk

Zwei große Melanomzellen, die zuvor mit bispezifischen Antikörpern inkubiert wurden, werden von jeweils einer kleineren T-Zelle attackiert. Während die obere Melanomzelle noch lebt, ist die untere am Sterben, was an den Ausstülpungen der Zellmembran ("blebbing") zu erkennen ist. © Gundram Jung & John Chiu

Herzstück des zukunftsweisenden Netzwerks ist das im Sommer 2010 eingeweihte Tübinger GMP-Zentrum. In diesem können die von Jung und seiner Arbeitsgruppe entwickelten Antikörper - aber auch patientenindividuelle Impfstoffe gegen Krebs, die an der Abteilung für Immunologie von Professor Rammensee und Prof. Dr. Stefan Stevanovic entwickelt werden - endlich unter „Good Manufacturing Practice“ (GMP)-Bedingungen produziert werden. Dies ist notwendig geworden, weil die regulatorischen Vorschriften für die Herstellung von Arzneimitteln in den vergangenen Jahren erheblich verschärft wurden. „Klinische Studien mit neuen Wirkstoffen sind dadurch im universitären Umfeld leider fast unmöglich geworden“, betont Jung, der keinen Hehl daraus macht, dass er viele dieser Anforderungen für überzogen hält.

„Natürlich brauchen wir sichere Regularien“, bestätigt der Immunologe, „doch es ist ein Unterschied, ob ich einen Impfstoff herstelle, der bei Millionen gesunder Menschen zum Einsatz kommt, oder ein experimentelles Medikament, das einigen wenigen schwerstkranken Patienten vorbehalten ist, die sonst keine befriedigende Therapiealternative mehr haben.“ So verlangen die geltenden Vorschriften, dass alle Substanzen nach pharmazeutischen Richtlinien auch in aufwendigen Tierversuchen bis hin zu Menschenaffen getestet werden. „Wir halten das für nicht angemessen, da viele biologische Arzneimittel in Tieren entweder gar nicht oder ganz anders wirken als im Menschen. Dieser Aufwand verzögert und verteuert die Entwicklung solcher Medikamente erheblich“, erläutert Jung. In den USA hätten die Zulassungsbehörden das bereits erkannt und Ausnahmeregelungen getroffen - in Europa leider noch nicht.

Innovative Konzepte

Dabei werden neue Wirkstoffe und Therapieprinzipien im Kampf gegen Krebs dringend benötigt „Die meisten Zytostatika, die man jetzt noch entdeckt, werden wahrscheinlich nicht dramatisch besser sein als die bereits bekannten“, vermutet Jung. Vielmehr brauche man innovative Ansätze - und da seien insbesondere die Universitäten gefordert, da die Pharmaunternehmen in ihren Forschungsentscheidungen immer auch wirtschaftlichen Zwängen unterworfen seien. „Unsere Aufgabe muss es sein, der Pharmaindustrie fertige Konzepte zu liefern“, sagt der renommierte Immunologe, der zudem viele Jahre als Arzt klinisch tätig war.

Dieses Ziel verfolgt Jung jetzt auch mit seinen gentechnisch optimierten Antitumor-Antikörpern. Unterstützt wird er dabei vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des GO-Bio-Wettbewerbs, der in der zweiten Förderrunde unter anderem die Gründung eines Start-up-Unternehmens vorsieht. Die aus Jungs Arbeitsgruppe heraus entstandene Synimmune GmbH wird die Entwicklung der Antikörper jetzt in enger Kooperation mit der Universität Tübingen bis zu klinischen Phase-II-Studien vorantreiben. „Danach aber sind wir definitiv auf Kooperationen mit der Pharmaindustrie angewiesen“, so der Immunologe, „denn um Antikörper für 100 Patienten zu produzieren, ist auch das GMP-Zentrum in Tübingen nicht konzipiert."

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/translimm-bringt-neue-immuntherapien-schneller-zum-patienten