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Ulrich Schraermeyer, ein gründungserfahrener Augenforscher

Prof. Dr. Ulrich Schraermeyer leitet eine Forschungssektion an der Tübinger Augenklinik und ist neuen Wirkstoffen für die Behandlung degenerativer Erkrankungen wie der altersbedingten Makula-Degeneration (AMD) auf der Spur. Mit Zelltherapeutika für die Augenheilkunde hat er bereits einmal erfolgreich ein biopharmazeutisches Unternehmen mit gegründet. Jetzt plant er erneut den Schritt in die wirtschaftliche Verwertung seiner Forschungsergebnisse.

2003 wurde an der Universitäts-Augenklinik in Tübingen eine neue Sektion geschaffen, die sich mit experimenteller vitreoretinaler Chirurgie befasst. Hier werden Erkrankungen am Glaskörper und der Netzhaut (Retina) des menschlichen Auges erforscht. Für die Leitung der Sektion konnte die Klinik mit Schraermeyer einen Wissenschaftler gewinnen, der nicht nur viel akademische, sondern auch unternehmerische Erfahrung mitbringt: Während seiner achtjährigen Zeit als Laborleiter an der Kölner Universitäts-Augenklinik gründete der habilitierte Zellbiologe 2001 die CEVEC GmbH.

„Ich startete bei CEVEC mit der Entwicklung von Zelltherapeutika gegen AMD und Parkinson. Das Vorhaben scheiterte leider an der Patentsituation. Wir hatten keinen Zugriff auf das therapeutische Gen beziehungsweise konnten uns die Lizenzgebühren der Patenthalter nicht leisten“, erklärt Schraermeyer. Er ist nach wie vor Gesellschafter des Unternehmens, das heute Amnion-Zelllinien entwickelt, die sich genetisch so verändern lassen, dass sie therapeutische Proteine produzieren. „Die Wirkstoff-Proteine können zum Beispiel zur Hemmung der Blutgerinnung eingesetzt werden“, so Schraermeyer.

Das retinale Pigmentepithel als Forschungsschwerpunkt

Der Zellbiologe Prof. Dr. Ulrich Schraermeyer leitet die Sektion für Experimentelle Vitreoretinale Chirurgie an der Tübinger Universitäts-Augenklinik. © BioRegio STERN/ Lehmann

Im Mittelpunkt von Schraermeyers akademischer Forschung steht schon seit Langem das retinale Pigmentepithel. Hier liegt seine wissenschaftliche Haupt-Kompetenz. „Nach der Promotion, also bereits während meiner Assistenzzeit am Zoologischen Institut der RWTH Aachen habe ich mich stark für Pigmente interessiert und Omochrome in wirbellosen Tieren untersucht“, sagt Schraermeyer. Zu dieser Zeit, zwischen 1989 und 1995, hat er unter anderem eine neue Entstehungshypothese für Pigment-Granula entwickelt. Über die Forschung an Pigmenten im Säugetier kam er schließlich zur Erforschung von Pigmenten in der menschlichen Retina. „Ich wollte meine Arbeit dann stärker in Richtung klinischer Fragestellungen ausbauen“, ergänzt der Biologe und erklärt damit seine Motivation, an die Universitäts-Augenklinik Köln zu gehen und später den Ruf an die Universitäts-Augenklinik Tübingen anzunehmen.

Auch hier entwickelt er Gründungsideen. Bei der initialen Zündung seines aktuellen Projektes hatte auch der Zufall seine Hand im Spiel: Als Gutachter untersuchte Schraermeyer für ein Pharmaunternehmen ungewöhnliche Nebenwirkungen eines Medikaments gegen Stoffwechselerkrankungen, die eigentlich nichts mit den Augen zu tun haben. Das neue Präparat führte bei Tieren jedoch zu Veränderungen an der Retina. Es zeigte sich, dass durch den Wirkstoff Lipofuszin abgebaut wird, ein Protein-Lipid-Pigment, das sich bei AMD in abnorm hohen Konzentrationen im Pigmentepithel der Retina ansammelt. „Dieser Befund stand dem Dogma entgegen, dass einmal akkumuliertes Lipofuszin nicht mehr entfernt werden kann“, so Schraermeyer.

Nun steht Lipofuszin nicht von ungefähr im Zusammenhang mit der Entstehung von AMD. „Bei der trockenen Form der AMD führt Lipofuszin zu einer örtlichen Atrophie des Pigmentepithels und dann sekundär zum Absterben von Netzhaut“, so Schraermeyer. Wirkt sich die Atrophie (der Gewebeabbau) auf den Bereich der Makula, des „blinden Flecks“ in der Retina aus, verliert der Patient die Sehschärfe, da sich hier die Fovea centralis befindet, der Ort des schärfsten Sehens. Die Betroffenen können nur noch an der Peripherie optisch etwas wahrnehmen, im schlimmsten Fall erblinden sie vollständig.

Neuer AMD-Wirkstoff soll das Basisprodukt einer neuen Firma werden

Die elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt Melanosomen (dunkel), Lipofuszin- (hell) und Melanolipofuszingranula im retinalen Pigmentepithel. © Prof. Dr. Ulrich Schraermeyer, Universitäts-Augenklinik Tübingen

Den Zufallsfund eines Wirkstoffs zum Abbau des Lipofuszins möchte Schraermeyer nun in einem biopharmazeutischen Unternehmen zu einem Medikament weiterentwickeln, das gegen die trockene Form der Makuladegeneration eingesetzt werden kann. „Alternativ untersuchen wir eine andere, ähnliche Substanz, mit der wir eine komplett eigene Entwicklung starten könnten. Das würde dann allerdings einige Jahre länger dauern. Auf die Kooperation der Augenklinik können wir auf jeden Fall zählen“, sagt Schraermeyer zum aktuellen Stand. Das Unternehmen möchte er in Form einer GbR gemeinsam mit zwei Partnern gründen, das Gründungsteam ist im Moment auf der Suche nach Investoren, die sich in Form von Venture Capital beteiligen.

Daneben verfolgt er weiterhin seine Forschungsarbeiten, die sich auch mit der feuchten Form der AMD befassen, einer Komplikation der AMD, die zirka 15 Prozent der Patienten betrifft. Dabei steht die Neovaskularisierung, also die Neubildung und das Einwachsen von Blutgefäßen in die Retina im Vordergrund. Dadurch kommt es zur Ablösung der Retina und des Pigmentepithels. „Wir sind an einer postklinischen Studie beteiligt, um den Mechanismus eines Medikaments gegen feuchte AMD besser zu verstehen“, sagt Schraermeyer. Der Wirkstoff ist ein Antikörper-Fragment, das an den vaskulären endothelialen Wachstumsfaktor (vascular endothelial growth factor, VEGF) bindet und ihn dadurch außer Funktion setzt. Schraermeyer geht allerdings davon aus, dass der Wachstumsfaktor nicht ausschließlich beziehungsweise nicht ursächlich an der Entwicklung einer feuchten AMD beteiligt ist. „Meiner Theorie nach ist die zentrale Ursache eine Hypoxie der Aderhaut. Wir suchen deshalb nach Wegen, diese zu beseitigen und damit das Übel an der Wurzel zu packen“, so Schraermeyer.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeiten ist Melanin, ein Pigment, dass nicht nur für braune Haut sorgt, sondern auch im retinalen Pigmentepithel des Auges vorkommt. „Das Melanin ist bereits seit vielen Jahren mein Steckenpferd. Es wird in der Retina nur pränatal gebildet und bleibt zeitlebens erhalten. Es gibt zwar die Theorie, dass es nützlich ist und dazu beiträgt, die Sehkraft zu erhalten, der Mechanismus ist jedoch unbekannt und den wollen wir erforschen“, sagt Schraermeyer, der aktuell einen Projektantrag dazu gestellt hat. Auch die Rolle von Melaninpartikeln als Speicher für Umweltgifte und Pharmaka will er näher untersuchen.

Plädoyer für die Elektronenmikroskopie

Ein wichtiges Instrument seiner gesamten Forschungsarbeiten ist das Elektronenmikroskop, dem Schraermeyer ein großes Comeback prophezeit. „Das Elektronenmikroskop war etwas in Misskredit geraten, weil viele Dinge über- und falsch interpretiert wurden. Dann gab es den Umbruch von der morphologischen zur molekularbiologischen Analyse und die Technologie wurde vernachlässigt“, bedauert Schraermeyer die Entwicklung. Mit Sorge verfolgt er, wie die Expertise im Umgang mit der Technik und die Kompetenz zur Interpretation der Bilder weniger werden.

„Es gibt heute kaum noch Fachleute, die das beherrschen. Deshalb haben wir ein uniweites Netzwerk gegründet, um der Technologie den Nachwuchs zu sichern.“ Initiiert wurde das Netzwerk von Prof. Dr. Oliver Eibel vom Tübinger Institut für Angewandte Physik, mit dem Schaermeyer seit Langem kooperiert. Schraermeyer selbst ist Vorsitzender des Netzwerkes. Auch in der Lehre engagieren sich die beiden Professoren in Sachen Elektronenmikroskopie: Sie bringen Medizinern, Biologen, aber auch Geologen und anderen Naturwissenschaftlern in Vorlesungen und Praktika die Technologie nahe und den Umgang damit bei.

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