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Von der Forschung zum Krankenbett und zurück

Nicht alles, was sich heute translationale Medizin nennt, entspricht dem Konzept „Vom Labor zum Krankenbett und zurück ins Labor.“ Doch mit den neuen Translations-Zentren und Konsortien für Translationale Forschung sind wirksame Strukturen für die Gesundheitsforschung in Deutschland geschaffen worden. Diese haben eine ständige Verbesserung der diagnostischen und therapeutischen Behandlung der Patienten zum Ziel.

Von translationaler Forschung spricht man vor allem im Zusammenhang mit der Medizin. Der Begriff wurde im Sinne von Übersetzung von Forschungsergebnissen in die praktische klinische Anwendung in den USA gelegentlich in den 1990er Jahren benutzt, bevor er sich Anfang des 21. Jahrhunderts – mit wenigen Jahren Abstand auch in Deutschland - geradezu inflationär verbreitete. Der zur Erklärung gern herangezogene Slogan „from bench to bedside“ („von der Laborbank ans Krankenbett“) wurde, soweit ich das nachprüfen kann, erstmals von dem amerikanischen Kardiologen Spencer King 1996 publiziert. Wenn man heute (Mai 2011) dieses Schlagwort bei Google eingibt, erhält man 10,5 Millionen Treffer.

Begriffsverkürzungen

Der Slogan ist aber verkürzt, denn schon King hatte geschrieben: „From bench to bedside to bench“ (meist zitiert als: „From bench to bedside and back“). Diese meist weggelassene Erweiterung ist jedoch notwendig, wenn man das Konzept der translationalen Medizin verstehen will: den raschen Transfer der Erkenntnisse aus der Laborforschung in die praktische Anwendung am Patienten - und ebenso wieder zurück die Berücksichtigung der Erfahrungen und des Wissens der Ärzte am Krankenbett bei der Forschung und Entwicklung von Diagnostika und Therapeutika. Das wechselseitige Feedback zwischen Grundlagenforschung und Klinik ist ein entscheidendes Kriterium.

Prof. Dr. Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums. © DKFZ

Mit einiger Ironie kann man einen neuen Forschungszweig dann als etabliert ansehen, wenn er zu neuen eigenen Fachzeitschriften und wissenschaftlichen Gesellschaften geführt hat. Das trifft auf die translationale Medizin eindeutig zu: Seit 2003 gibt es (als Online-Zeitschrift) das „Journal of Translational Medicine", und 2009 kam sogar das höchst angesehene amerikanische Wissenschaftsmagazin „Science" mit einer neuen Serie heraus, genannt „Science Translational Medicine". Die Gründung einer "Translational Medicine Society" und einer "International Society for Translational Medicine" ließ daraufhin nicht auf sich warten.      

Das neue Gebäude des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen auf dem Campus des Universitätsklinikums Heidelberg. © NCT

Nun ist die Idee eines Brückenschlages zwischen Labor und Klinik nicht wirklich neu, und viele Forschungsinstitute und Arbeitsgruppen in den medizinischen Fakultäten der Universitäten haben sich dieses Ziel gesetzt. Auch die Großforschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft wie das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) haben den Auftrag, strategisch-programmatisch ausgerichtete Spitzenforschung mit innovativen Anwendungsperspektiven zur Lösung drängender gesellschaftlicher (in diesem Falle gesundheitlicher) Probleme zu verbinden. Um der Verwässerung des Konzeptes der translationalen Medizin entgegenzuwirken, soll der Begriff im Folgenden nur verwendet werden, wenn der Transfer von biomedizinischer Grundlagenforschung in die klinische Anwendung zum Ausbau einer entsprechenden Infrastruktur und festen strategischen Allianzen führt.

Ein onkologisches Translationszentrum par excellence

Exemplarisch dafür steht im Bereich der Krebsmedizin und -forschung das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg, das nach dem Vorbild der amerikanischen Comprehensive Cancer Centers gemeinsam vom DKFZ, vom Universitätsklinikum Heidelberg, von der Thoraxklinik Heidelberg und der Deutschen Krebshilfe errichtet worden ist (siehe BIOPRO-Artikel vom 20.01.2007: „Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg“). Vor einem halben Jahr wurde der Neubau des NCT auf dem Campus des Universitätsklinikums Heidelberg eröffnet. Damit sind Klinik und Forschung buchstäblich unter einem Dach vereinigt und erlauben einen umfassenden fachübergreifenden Ansatz, der alle für die Krebsbekämpfung relevanten Aspekte berücksichtigt. In diesem modernen onkologischen Zentrum, dessen Direktoren und Abteilungsleiter auch als Wissenschaftler am DKFZ bzw. Universitätsklinikum tätig sind, können neue Erkenntnisse aus der Forschung auf dem schnellstmöglichen Wege in innovative Verfahren der Diagnostik, Therapie und Prävention von Krebs umgesetzt und in klinische Studien eingebracht werden. Dadurch profitieren Patienten frühzeitig von neuen, ansonsten noch nicht verfügbaren Behandlungsansätzen. In der interdisziplinären Tumorambulanz des NCT kommen Ärzte aller relevanten Fachdisziplinen in Expertenrunden, den sogenannten Tumorboards, zusammen und erarbeiten gemeinsam die individuellen Therapiepläne für die Patienten.

Koordinierungszentren für Klinische Studien

Da kontrollierten klinischen Studien eine zentrale Bedeutung bei der Translation medizinischer Forschungsergebnisse in Fortschritte in der Diagnose und Therapie für den Patienten zukommt, sind mit Förderung durch das Bundesforschungsministerium (BMBF) zwölf Koordinierungszentren für Klinische Studien (KKS) eingerichtet worden, die an Universitätskliniken, darunter Tübingen, Freiburg und Heidelberg, angesiedelt sind. Die KKS der beiden zuletzt genannten Standorte haben zusammen mit vier weiteren in der Bundesrepublik zusätzlich ein Pädiatrie-Modul, das heißt, sie erfüllen die strengen Voraussetzungen, um klinische Studien an Kindern durchzuführen. Mit den KKS wurden Instrumente geschaffen, die den medizinischen Forschern umfassende Beratung und Unterstützung bei der Planung, Durchführung und Auswertung klinischer Studien bieten. Durch sie wird auch die lokale Unterstützung für Multicenterstudien in einem bundesweiten Netz ermöglicht. Die klinischen Studien dienen nicht nur der Prüfung neuer therapeutischer und diagnostischer Verfahren, sondern vermitteln auch Erkenntnisse über Ursachen und Verlauf von Krankheiten, die zurück in die Forschung fließen und den experimentellen Fortschritt vorantreiben.

Die zwölf Koordinierungszentren haben seit ihrem Bestehen schon hunderte klinische Studien betreut, an denen viele tausend Patienten teilgenommen haben. Gut ausgebildete Prüfärzte und Studienassistenten sind eine Grundvoraussetzung; Fort- und Weiterbildung spielen daher eine große Rolle. Die KKS arbeiten nach international gültigen Standards und Gesetzen und stimmen sich im Qualitätsmanagement untereinander ab.

Ein Nationales Konsortium für Translationale Krebsforschung

Prof. Dr. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © Bundesregierung

„In Anbetracht von 436.000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland an Krebs erkranken, und von 210.000 Krebstoten jährlich ist es notwendig, die Ergebnisse der Krebsforschung noch schneller in die Patientenversorgung zu überführen, denn schneller Wissenstransfer kann Leben retten", erklärte Bundesforschungsministerin Annette Schavan, als sie zusammen mit Professor Dr. Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender des DKFZ, und Friedrich Carl Janssen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, das „Nationale Konsortium für Translationale Krebsforschung" vorstellte.

In diesem auf Initiative des BMBF etablierten Konsortium werden dem DKFZ als Kernzentrum bundesweit vernetzte Forschungseinheiten an Universitätskliniken zur Seite gestellt, die den Zugang zu Patienten, Proben und einem exzellenten klinischen Behandlungsapparat gewährleisten. „Im Gegenzug erhalten diese Standorte Zugang zu den Forschungsprogrammen des DKFZ", erklärte Schavan. Nach den Worten von Professor Wiestler sind am DKFZ mit der Gründung des NCT eine einzigartige Expertise für die enge Vernetzung von Grundlagenforschung und Klinik aufgebaut und dadurch die besten Voraussetzungen geschaffen worden, „unter der Federführung unseres Zentrums die translationale Krebsforschung in Deutschland zu koordinieren und voranzutreiben."

Thomas Rachel, MdB, Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF © Bundesregierung

Das Nationale Konsortium für Translationale Krebsforschung steht mit seinem Ansatz, Forschung und klinische Anwendung weiter zu verflechten, nicht allein. Vielmehr wurde es im Rahmen des BMBF-Programms „Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung" als eines von sechs Institutionen übergreifenden Zentren zur Erforschung und Bekämpfung der großen medizinischen Problemfelder in Deutschland gegründet. Neben dem Zentrum für Krebsforschung entstehen die Deutschen Zentren für Lungenforschung, Herz-Kreislauf-Forschung, Infektionsforschung, Demenzforschung und für Diabetes-Forschung. „Mit der Förderung der Translationszentren werden die in der Hightech-Strategie der Bundesregierung formulierten Leitsätze in besonderer Weise umgesetzt", erklärte Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär im Forschungsministerium. „In konzertierten Ansätzen aus Kliniken, Wissenschaft und Firmen wird das Ziel verfolgt, Zukunftstechnologien in bzw. aus Deutschland an die Weltspitze zu bringen. Dazu müssen günstige Rahmenbedingungen für Top-Talente geschaffen werden." Die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen durch die großen Volkskrankheiten - ihre Diagnostik, Therapie und Prävention - erfordern neue kreative Ideen und innovative, auch unkonventionelle Ansätze, die nachhaltig und in einem gesundheitsökonomisch sinnvollen Umfang vorangetrieben und umgesetzt werden müssen.

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