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Weltweite Ernährungskrise - Ein Blick über den Tellerrand

Am 6. Oktober 2011 fand die 18. Ernährungsfachtagung der Sektion Baden-Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. an der Universität Hohenheim statt. Zu der Fragestellung „Was isst die Welt? Heute und morgen - Vielfalt der Ernährung der Welt“ präsentierten Referenten und Aussteller Informationen rund um das Thema Ernährung.

Zu den Krankheiten, die nicht über Ansteckung ausgelöst werden und bei denen Ernährung eine entscheidende Rolle spielt, gehören beispielsweise Diabetes und Übergewicht. Diese nicht-übertragbarer Krankheiten (NCD, Non-Communicable Diseases), zu denen neben den genannten auch Krebs und Herzkreislauf-Erkrankungen gehören, sind weltweit verbreitet und die Zahl der betroffenen Menschen nimmt stetig zu. So starben im Jahr 2008 in Ländern mit niedrigen bis mittleren Einkommen 29 Prozent der Menschen unter 60 Jahren an NCDs. „Die Statistiken sind alarmierend“, so beschreibt Ban Ki-moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN), die Verbreitung von NCDs auf dem UN-Gipfel für nicht-übertragbare Krankheiten im September in New York. In Deutschland leiden zum Beispiel ca. 60 Prozent der Menschen an Übergewicht. Umgekehrt hungern weltweit 925 Millionen Menschen. Zwar ist die Zahl der Hungernden seit 1990 gesunken, aber immer noch deutlich zu hoch. Die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger sind Teil der Millenium-Entwicklungsziele, die sich die UN im Jahr 2000 gesetzt hat. Diese Ziele zu erreichen, ist eine Aufgabe für Politik, Wissenschaft und Gesellschaft.

Dieser Aufgabe stellte sich auch die Sektion Baden-Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V (DGE). Sie diskutierte Lösungsvorschläge, Herausforderungen sowie Situationsanalysen auf ihrer Ernährungsfachtagung unter dem Motto „Was isst die Welt? Heute und morgen - Vielfalt der Ernährung der Welt“ am 6. Oktober 2011 an der Universität Hohenheim.

Hohe Nahrungsmittelnachfrage

Rapsöl kann zur Biokraftstoffproduktion verwendet werden. © pixelio/Michaela Weber

Eine weltweite Ernährungssicherung ist das Ziel. Steigende Nahrungsmittelpreise haben die Lage seit 2008 jedoch zunehmend verschärft. Dafür gibt es nach der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zahlreiche Gründe, wie zum Beispiel schlechte Ernten durch geringe Niederschläge oder der zunehmende, weltweite Fleischkonsum. Prof. Dr. Harald Grethe, Leiter des Instituts für Agrarpolitik und Landwirtschaftliche Marktlehre der Universität Hohenheim, sieht den Grund für die hohen Preise unter anderem in der erhöhten Nachfrage. Diese wird, laut Grethe, durch eine staatliche Förderung der Biokraftstoffproduktion noch angeheizt. „Hierbei handelt es sich um eine extrem teure Art der Treibhausgasreduzierung“, so der Wissenschaftler.
Laut Prof. Grethe sind die Spekulationen an den Märkten nicht der Hauptgrund für Hunger und Unterernährung, sondern die Armut. Bei Menschen, die den Hauptteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, spielen die hohen Nahrungsmittelpreise natürlich eine besonders große Rolle. Im Moment werden weltweit noch ausreichend Nahrungsmittel produziert, die Menschen haben jedoch häufig keinen Zugang dazu. Um aber auf lange Sicht ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung zu haben, müssten auch die Menschen in den Industrienationen weniger konsumieren.
Einen Teil der Probleme entstehen jedoch in Afrika. Denn laut Prof. Dr. Anastase Kimonyo vom Kigali Institute of Science and Technology in Ruanda, spielt in einigen Regionen Afrikas besonders die politische Instabilität eine Rolle. „Es besteht aber Hoffnung, sobald eine vernünftige Regierung an die Macht kommt“, so Kimonyo.

Innovative Pflanzenforschung

Sichere Wasserversorgung dank neuer Brunnen © GTZ / Franck Boyer

Prof. Dr. Christiane Bode, Vorstand der Sektion Baden-Württemberg der DGE, sieht ein besonderes Problem in der durch die Mangelernährung verursachten hohen Anfälligkeit für Infektionen und Parasiten. „Besonders die Mikronährstoffe Vitamin A und Zink fehlen den Menschen", so Prof. Bode. Um diesen Mangel zu beheben, werden besonders Kindern Nahrungsergänzungsmittel verabreicht. Ursache für eine hohen Sterblichkeit bei Kindern, sind, laut Bode, besonders durch Würmer hervorgerufene Darm-Erkrankungen, die man jedoch aus medizinischer Sicht leicht beheben könnte. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser spielt hier natürlich eine besondere Rolle und ist laut Alberto Vega-Exposito, Fachmann der GIZ, das beste Mittel zur Prävention. Damit unterstreicht Alberto Vega-Exposito das Anrecht, das die UN im Juli 2010 in den Menschenrechten verankert hat: Das Recht auf Zugang zu sauberem Trinkwasser.

In vitro-Kultur einer Weinrebe © Martin Bahmann / www.wikipedia.de

Eine bedeutende Aufgabe bei der Bekämpfung von Hunger fällt auch der Agrarforschung zu. „Technische Innovationen sind hier zwingend“ erklärt Dr. Steffen Abele vom Food Security Center der Universität Hohenheim. Daten der Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR) zu folge wäre ohne die Agrarforschung die weltweite Nahrungsmittelproduktion um fünf Prozent geringer, die Getreidepreise wäre um 21 Prozent höher. Um die Nahrungsmittelversorgung der Menschen zu verbessern und Mangel- und Fehlernährungen zu bekämpfen, ist die Entwicklung neuer, verbesserter Getreide-Sorten bedeutend. In Zukunft werden laut Abele die konventionelle Kreuzung mit mikrobiologischer Unterstützung, aber auch die Genmanipulation, in der Pflanzenforschung eine Rolle spielen. Ein weiterer Zukunftstrend ist die in-vitro-Kultur von Pflanzen (Plant tissue culture). Die Setzlinge werden dabei unter anderem mit Mikroorganismen angeimpft, welche die Pflanze vor Schädlingen schützen sollen. Neben der technischen Innovation muss es jedoch auch das Ziel der Agrarforschung sein, Wissen weiterzugeben. So werden laut Abele Düngemittel oftmals falsch eingesetzt, weil es an Know-How fehlt.

Bewusstsein schaffen

Traditioneller Ackerbau im Sudan © USAID
Und der Zugang zu den Innovationen besonders in den Entwicklungsländern muss verbessert werden. Oftmals ist die Infrastruktur der Länder zu schlecht, es fehlt an guten Lagerungsmöglichkeiten und an der landwirtschaftlichen Beratung. Christine Chemnitz von der Heinrich Böll Stiftung möchte daher den Blick darauf lenken, wie die technischen Innovationen bei der hungernden Landbevölkerung ankommen. Ihre Ansicht nach sind Spitzentechnologien, wie zum Beispiel genmanipulierte Organismen, kein Mittel zur Bekämpfung der Armut. In einem Bericht des IAASTD (International Assessment of Acricultural Science and Technology) wird daher gefordert, auf traditionelles Wissen zurück zu greifen und sowohl die ökologische und soziale Komponente, wie zum Beispiel die Rolle der Frau in der Gesellschaft, stärker in die Forschung und Hilfe mit einzubeziehen. Die kleinbäuerliche Produktion stellt dabei den Schlüssel dar.

Vom "zuviel" und "zuwenig"

Zuletzt widmeten sich die Experten noch einem Problem, wie es gegensätzlicher zur Hungerkrise in Afrika nicht sein könnte: dem zunehmenden Anteil übergewichtiger Menschen in den Industrienationen und Schwellenländern. Prof. Bode sieht einen Hauptgrund für das Übergewicht in der fehlenden Bewegung der Menschen. „Und damit meine ich nicht richtigen Sport, sondern die Bewegung im Alltag“, sagt Bode. Das Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) des Landes arbeitet bereits daran, durch gezielte Information ein Umdenken in der Gesellschaft zu erreichen. „Wir setzen besonders im Bildungsbereich an und versuchen dort ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen“, sagt Carola Rummel, Fachfrau für Kinderernährung des MRI. Die Landesinitiativen „BeKi“ und „Komm in Form“ knüpfen genau dort an und versuchen zu erreichen, dass für Kindern und Jugendlichen gesunde Essgewohnheiten selbstverständlich sind. Das diese Projekte leider noch nicht ausreichen, ist an den anhaltend hohen Zahlen von Menschen mit Übergewicht in Deutschland zu erkennen. Es ist ein Umdenken in der Gesellschaft erforderlich. Filme wie "Taste the Waste" zeigen, dass Hunger und Übergewicht nicht nur eine Aufgabe der Politik ist, sondern jeder Einzelne sein Konsumverhalten hinterfragen sollte.
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/weltweite-ernaehrungskrise-ein-blick-ueber-den-tellerrand