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Wissenschaftskommunikation noch ausbaufähig

Wissenschaftskommunikation, also der Dialog zwischen Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit, ist unabdingbar. Wie die verschiedenen Wissenschaftsfelder der Forderung nach mehr Öffentlichkeitsarbeit nachkommen und welche PR-Werkzeuge sie einsetzen, untersuchte die Studie „Wissenschaftskommunikation in Deutschland“. Sie wurde im Auftrag des Deutschen Fachjournalisten-Verbands vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld durchgeführt.

Die Ausgangslage steckt voller Widersprüche: Eine Studie von Simone Rödder aus dem Jahr 2009 kam zu folgender Aussage: „Mediale Sichtbarkeit von Wissenschaftlern und gar aktives Streben nach einer solchen gilt in der Wissenschaft als traditionell problematisch.“ Rödder hatte die Haltung von Humangenomforschern zur wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit untersucht. Demgegenüber steht die Studie von Wissenschaftlern um Prof. Dr. Hans Peter Peters aus dem Jahr 2008. Diese hatte ergeben, dass Stammzellforscher und Epidemiologen die Kommunikation mit Medien und Öffentlichkeit keineswegs grundsätzlich ablehnen. Sie sind sogar davon überzeugt, dass Kommunikation das Ansehen ihrer Wissenschaft in der Öffentlichkeit steigern kann.

Wissenschaften im Vergleich

Die Studie verglich die Kommunikation von fünf Wissenschaftsfeldern.

Wenn die Einschätzung zur Wissenschaftskommunikation innerhalb nah verwandter Wissenschaften unterschiedlich ausfällt, wie verhält es sich dann, wenn man den Kreis größer zieht, also die Wahrnehmungen in den großen Wissenschaftsfeldern miteinander vergleicht? Hier setzte die Studie „Wissenschaftskommunikation in Deutschland“ an. Die Autoren Prof. Dr. Peter Weingart, Dr. Petra Pansegrau, Dr. Niels Taubert, unterstützt von Susanne Förster, befragten 7.460 Wissenschaftler aus den Sozialwissenschaften, den Geisteswissenschaften, den Naturwissenschaften, den Lebenswissenschaften und den Ingenieurwissenschaften.

Die Studie sollte in Erfahrung bringen, wie Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen Öffentlichkeitsarbeit bewerten und wie sie sich selbst in der Öffentlichkeitsarbeit engagieren. Die Untersuchung wurde mittels einer Onlinebefragung durchgeführt, an der sich 1.357 Wissenschaftler beteiligten. 779 Teilnehmer haben alle Fragen beantwortet.

Medienarbeit oder Präsenzveranstaltung

Die häufigste Form, sich an die nicht-fachliche Öffentlichkeit zu wenden, ist der klassische Vortrag. Mehr als 80 Prozent der Befragten nutzen diesen Weg, um Interessierte zu informieren. 28,1 Prozent referierten im Referenzzeitraum von 2000 bis 2010 häufiger als sechs Mal vor fachfremdem Publikum. Weitere wichtige Formate sind Großveranstaltungen (rund 68 Prozent) und Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche (rund 53 Prozent).

Von dieser an Veranstaltungen gebundenen Form der Wissenschaftskommunikation unterscheiden die Autoren die Wissenschaftskommunikation über die Massenmedien. Dazu zählen sie das Beantworten von Journalistenfragen, Pressemitteilungen, Fachbeiträge in Zeitungen, Pressekonferenzen, Autorenschaft in populärwissenschaftlichen Büchern und den Versand von Forschungsberichten an Redaktionen.

Fast 60 Prozent der Studienteilnehmer haben innerhalb des Erfassungszeitraumes von zwei Jahren Journalistenfragen beantwortet, 47 Prozent haben Pressemitteilungen verschickt, 34 Prozent haben Gastbeiträge für Zeitungen geschrieben, 18 Prozent haben Pressekonferenzen abgehalten und immerhin fast 15 Prozent haben populärwissenschaftliche Bücher verfasst. Diese Zahlen lassen darauf schließen, dass die Wissenschaftler in Richtung der Massenmedien aktiv sind. Grund zum Überschwang besteht aber nicht, denn die Maßnahmen fanden größtenteils nur ein- bis zweimal statt. Und: Der Anteil derjenigen, die sich gar nicht an die Massenmedien wenden, beträgt je nach Rubrik zwischen 40 und 85 Prozent.

Nur wenige sind regelmäßig und dauerhaft aktiv

Wer Wissenschaftskommunikation betreibt, muss sich auch den Medien stellen. © BIOPRO/Bächtle

Lediglich 7,1 Prozent der Studienteilnehmer, also 56 Personen, wurden von den Autoren als besonders aktiv gegenüber den Massenmedien eingestuft. Sie hatten in den berücksichtigten 24 Monaten mindestens elf Pressemitteilungen verschickt, oder mindestens elf Presseanfragen beantwortet, oder mindestens sieben Gastbeiträge geschrieben, oder mindestens sieben Forschungsberichte an die Presse verschickt oder mindestens sieben Pressekonferenzen abgehalten. In dieser Gruppe sind insbesondere die Sozialwissenschaften (Anteil: 45,7 Prozent) stark vertreten, gefolgt von den Naturwissenschaften (19,6 Prozent). In Zurückhaltung üben sich die Geisteswissenschaften (8,7 Prozent).

9,6 Prozent (75 Personen) beteiligten sich intensiv an Präsenzveranstaltungen. Sie traten zwischen 2000 und 2010 mindestens elf Mal bei Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, oder bei Großveranstaltungen, oder bei Ausstellungen auf. Besonders die Naturwissenschaften sind bei Veranstaltungen präsent (Anteil: 36,2 Prozent), es folgen die Ingenieurwissenschaften (29 Prozent). In beiden Gruppen sind die Lebenswissenschaften nur mäßig aktiv in Sachen Öffentlichkeitsarbeit – 10,9 Prozent in der Gruppe „Massenmedien“ und 11,6 Prozent in der Gruppe „Präsenzveranstaltungen“.

Hypothesen nicht eindeutig bestätigt

Diese Beispiele markieren nur die Spitze, repräsentieren also diejenigen, die Öffentlichkeitsarbeit für wichtig halten. Der Blick in die jeweiligen Fachbereiche zeigt, dass regelmäßige Wissenschaftskommunikation mancherorts eine untergeordnete Rolle spielt. So haben 61 Prozent der befragten Geisteswissenschaftler erklärt, sie hätten noch nie per Pressemitteilung über Forschungsergebnisse berichtet. Nur 21 Prozent haben sich über einen Zeitraum von zehn Jahren ein- bis zweimal an Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche beteiligt.

Aber auch in anderen Wissenschaftsbereichen sieht es kaum besser aus: In den Natur-, Sozial- und Lebenswissenschaften hat jeweils mehr als die Hälfte der Befragten in den zwei Jahren vor der Befragung keine Pressemitteilung verschickt. Das überrascht, denn Pressemitteilungen sind als PR-Instrument preiswert und schnell umzusetzen. Eine Hypothese der Studienautoren, dass die Natur- und Ingenieurwissenschaften moderneren Formen der Werbung gegenüber aufgeschlossener seien als die Geisteswissenschaften, konnte nicht eindeutig bestätigt werden.

Schüler sind eine wichtige Zielgruppe. © Uni Ulm

Eine zweite Hypothese der Autoren lautet: „In den Naturwissenschaften ist die Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation weiter fortgeschritten. Pressekonferenzen, Pressemitteilungen, gezielte Information der Medien spielen eine größere Rolle als eigene Beiträge in Feuilleton oder Wissenschaftsrubriken
der Zeitungen.“ Diese Sicht der Dinge kann zumindest zum Teil bestätigt werden. Die Naturwissenschaften, aber auch die Ingenieur- und die Lebenswissenschaften sind in der klassischen Pressearbeit aktiver als die Geistes- und Sozialwissenschaften.

Es ist aber keineswegs so, dass hier enorme Unterschiede zwischen den Wissenschaftsfeldern vorliegen, sodass gar von einer gezielten, vielleicht sogar in einer Kommunikationsstrategie verankerten Öffentlichkeitsarbeit die Rede sein könnte.

Eingeschränkte Aussagekraft

Welche Aussagekraft die Studie hat und welche Empfehlungen sich für die Kommunikationspraxis ableiten lassen, ist nicht eindeutig. Die Autoren halten die Interpretation der Ergebnisse nur eingeschränkt für möglich, denn die Stichprobe zeigte einige ungünstige Merkmale. Zum Beispiel waren 89,2 Prozent der Studienteilnehmer Professoren, bei der Altersverteilung war die Gruppe der über 65-Jährigen mit 22,9 Prozent stark überrepräsentiert – in der Grundgesamtheit aller Professoren liegt der Anteil der über 65-Jährigen bei 2,9 Prozent.

Die Verfasser der Studie stellen dennoch fest, dass die befragten Wissenschaftler der Wissenschaftskommunikation positiver gegenüberstehen als ursprünglich vermutet. Diejenigen, die regelmäßig Werkzeuge der Wissenschaftskommunikation einsetzen, sind allerdings in der Minderheit. Unterschiede zwischen den untersuchten Wissenschaftsfeldern wurden zwar festgestellt. Ob aus den Daten ein generell systematischer Unterschied im Kommunikationsverhalten abgeleitet werden kann, ist eher fraglich.

"Wissenschaftskommunikation in Deutschland"
von Petra Pansegrau, Niels Taubert, Peter Weingart (unter Mitarbeit von Susanne Förster)
Download kostenlos unter: www.journalistenspiegel.de (siehe Link oben rechts)

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/wissenschaftskommunikation-noch-ausbaufaehig