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Wissenstransfer funktioniert über Köpfe

Interdisziplinäres Verständnis und gute Kommunikationsfähigkeiten spielen beim Transfer von Wissen aus der Hochschulforschung in die Industrie eine immer größere Rolle. Wie solche Kooperationen zustande kommen und wovon ihr Gelingen abhängt, erläutert der Prorektor und Vizepräsident für Forschung der Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) in Konstanz im Interview mit BioLAGO am konkreten Beispiel des Marknagelprojekts.

Professor Gunter Voigt lehrt und forscht an der HTWG Konstanz © HTWG Konstanz

Herr Voigt, welche Transfermodelle werden an der HTWG generell angewandt?

Die wichtigste Art des Transfers ist der über Köpfe. Die Studierenden, insbesondere in den Masterstudiengängen, arbeiten in den Forschungsprojekten der Hochschule mit und wenden dann die erlernten Kenntnisse und Fähigkeiten in den Unternehmen an. Professoren betreuen Studierende und stehen auch als direkte Ansprechpartner der Wirtschaft zur Verfügung. Ein weiteres Instrument des Wissens- und Technologietransfers sind kooperative Forschungsprojekte mit überwiegend öffentlicher Förderung und Beteiligung von Unternehmen. Diese Projekte sind in der Regel wissenschaftsgetrieben. Schließlich gibt es noch die unternehmensgetriebene direkte Auftragsforschung, in der ein Unternehmen der Hochschule einen Forschungsauftrag erteilt. Die inhaltliche Ausrichtung und der Umfang von Transfermodellen hängen sicher auch von den Kapazitäten der HTWG im jeweiligen Fachgebiet ab. Transfer kann von zeitlich begrenzter Beratung bis hin zu über Jahre geförderte mit Personal hinterlegte Forschungsarbeiten gehen.

Wie kommt an der HTWG in der Regel ein Technologietransferprojekt zustande? Beruht dies auf Anfragen der Industrie, Lösungen für bestimmte Fragestellungen zu entwickeln?

Hier war sicherlich die persönliche Bekanntschaft der Projektinitiatoren in Verbindung mit der generellen Offenheit der HTWG Konstanz für die Zusammenarbeit mit Unternehmen entscheidend. Die Kooperation mit dem jetzigen, das Patent innehabenden Unternehmen entstand dabei während der Vorstellung eines ersten Prototyps auf der MEDICA-Messe.

Welche Rolle übernimmt die Technologie-Transferstelle an der HTWG?

Der Technologietransfer wird durch das Forschungsreferat mitbetreut. Dazu gehört das Erstellen von Verträgen, Angeboten und Rechnungen ebenso wie das Patentmanagement und das Betreiben einer forschungs- und transferfreundlichen Struktur. Für die Anmeldung gewerblicher Schutzrechte werden unterschiedliche Wege eingeschlagen. Grundsätzlich unterliegen Professoren und Mitarbeiter der HTWG dem deutschen Arbeitnehmererfinderrecht. Daher entscheidet die HTWG über die Inanspruchnahme einer Erfindung. Unterstützt wird die Technologie-Transferstelle dabei auch durch das Technologie-Lizenz-Büro der baden-württembergischen Hochschulen (TLB) bei Prüfung, Anmeldung und Verwertung von Schutzrechten.

Eine Explosionszeichnung des neu entwickelten Marknagels © HTWG Konstanz

Wo lagen die bisherigen Hürden beim Marknagel-Projekt?

Die größten Hürden sind in der Regel finanzieller Art. Technische Hürden gibt es natürlich auch, aber die sind lösbar, ebenso wie die Herausforderung der vertraglichen Randbedingungen. Die HTWG hat tatsächlich insbesondere im Bereich der medizintechnischen Zulassung von Materialien und Lösungen lernen können und müssen.

Worin unterscheidet sich der neue Marknagel von bisherigen Modellen?

Ein wichtiges Merkmal ist, dass der Marknagel das Potenzial hat, deutlich kleiner und preiswerter gebaut werden zu können als bisherige Modelle. Das neue Antriebssystem ermöglicht die Implementierung in einen Knochen mit geringerem Aufwand bei den Operationen. Auch die Verstellung der Länge des Marknagels ohne direkte mechanische Verbindung nach außen reduziert die Patientenbelastung deutlich.

Bleiben die Patentrechte bei der Hochschule? Was ist bei solchen Fragen entscheidend?

In diesem Fall hat sich die Hochschule für den Verkauf der Patente entschieden. Letztlich sind die Vorstellungen des Unternehmens und natürlich die Erwartungen der Hochschule maßgebend. Grundsätzlich können die Patentrechte an der Hochschule verbleiben oder verkauft werden. Entscheidend ist auch die tatsächliche Verwertbarkeit eines Schutzrechts. Die Vergabe im Rahmen von kostenpflichtigen Lizenzen ist eine mögliche andere Variante. Diese Lizenzen können ausschließliche oder nicht ausschließliche Nutzungsrechte darstellen. Auch beim Verkauf der Rechte behält sich die HTWG ein kostenfreies Nutzungsrecht für die Aufgaben in Lehre und Forschung vor. Details werden verhandelt und in entsprechenden Abtretungsverträgen fixiert.

Wie lange dauert das Marknagel-Projekt von Beginn der Entwicklung bis zur Marktreife?

Die ersten Versionen des Marknagels sind seit vielen Jahren im Einsatz und arbeiten noch mit einer konventionellen elektrischen Antriebstechnik. Aber der Marknagel wird beständig technisch weiterentwickelt und arbeitet mittlerweile mit einer unkonventionellen, innovativen Antriebstechnik. Er ist ein komplexes medizinisches Produkt; da können schon zehn Jahre zwischen Erfindung und Marktreife bzw. Zulassung auch in klinischen Studien vergehen.

Im Marknagel–Projekt sind sowohl Ärzte als auch Unternehmer involviert. Worin unterscheiden sich die beiden Lager bei der Durchführung eines solchen Projekts, worin unterscheidet sich ihre jeweilige Denkweise? Braucht es hierbei ein besonderes Feingefühl als Brücke zwischen Forschung und Industrie?

Für die Ärzte und Unternehmer können wir als Hochschule natürlich nicht sprechen. Feingefühl seitens der Hochschule für die Interessenlagen aller Beteiligter ist aber schon vonnöten, und vor allem das Verständnis der Funktionsweise der Schnittstellen zwischen der ingenieurmäßigen Forschung, der Medizin und den produzierenden Unternehmen. Da können wir als praxisorientierte Hochschule aber auf jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen. Professorinnen und Professoren der HTWG werden nur mit beruflicher Erfahrung aus der Wirtschaft berufen. In der industriellen Praxis werden insbesondere die Kompetenz von interdisziplinärem Verständnis und Kommunikationsfähigkeit sowie auch Kompromissfähigkeit vertieft, die in Berufungsverfahren auch abgeprüft werden. Daher sind wir gut aufgestellt, um auch in solch komplexen Projektstrukturen mit Beteiligten aus unterschiedlichsten Bereichen erfolgreich zu sein.

Das Marknagel-Projekt

In Zusammenarbeit mit einem Medizintechnikunternehmen wurde an der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) ein neuer Marknagel entwickelt, der sich durch einen aktiven Antrieb zur Knochenverlängerung und Defektüberbrückung einsetzen lässt. Der Antrieb wird durch sogenannte Formgedächtnislegierungen ermöglicht. Dies sind intermetallische Verbindungen, deren mechanische Eigenschaften durch Temperatureinfluss oder äußere Spannungen in einem weiten Bereich veränderbar sind. Nach einer bleibenden plastischen Verformung unterhalb einer bestimmten Temperatur erinnern sich die Formgedächtnislegierungen quasi an ihre frühere Form und kehren zu dieser zurück, wenn diese Temperatur überschritten wird. Dieser Effekt wird Formgedächtniseffekt genannt. Eine Hochfrequenzeinheit, die durch das Auflegen einer Generatorspule auf die Haut betrieben wird, dient als Motor. Nach wenigen Minuten, in denen die Energieeinkopplung durchgeführt wird, kann die Generatorspule entfernt werden und der Patient sich wieder frei bewegen. Eine Verbindung des implantierten Marknagels nach außen ist nicht notwendig.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/wissenstransfer-funktioniert-ueber-koepfe