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BIO-Europe 2009: Neue Wege aus der Krise

Die Finanzkrise hat auch die Biotechnologie-Branche hart getroffen. Doch mittlerweile sehen manche wieder Licht am Ende des Tunnels, wie auf der BIO-Europe klar wurde. Die größte Partnering-Veranstaltung im Bereich der Lebenswissenschaften außerhalb der USA fand diesmal in Wien statt und ging am 4. November zu Ende. Erfreulich für die Veranstalter EBD Group: Erneut gab es Rekordzahlen sowohl bei den anwesenden Unternehmensvertretern als auch bei ihren Gesprächen. Aber auch die Stimmung in der Branche hellt sich auf. "Im vergangenen Jahr war es unmöglich, sich dem nähernden Brandgeruch des Untergangs zu entziehen", sagt Carola Schropp, EBD-Präsidentin. "Heute – ein Jahr später – sehe ich ermutigende Zeichen von wiederkehrendem Optimismus."

Das Herz der BIO-Europe schlägt in der Software, mit der sich die Konferenzteilnehmer zu Einzelgesprächen in speziellen Räumen verabreden können. Hier ein Bild aus dem Jahr 2008. © BIO-Europe

Der Optimismus kehrt also langsam zurück, eine klare Marschrichtung gibt es für die Biotechnologie-Branche aber offenbar noch nicht. Die Finanzkrise hat die Spielregeln auf lange Sicht verändert, ein bloßes Weiter-so wird für viele Firmen nicht möglich sein. Vor der Krise hatte sich ein stabiles Dreieck aus Pharmafirmen, Kapitalgebern und Biotechnologie-Unternehmen herausgebildet, die zusammen die langen und riskanten Entwicklungsprozesse neuer Medikamente und Wirkstoffe stemmten. Im Jahr 2008 ist ein Schenkel des Dreiecks zusammengeschmolzen: Bei jeder zweiten kleineren börsennotierten Firma wird die Kapitalausstattung nicht mal mehr ein Jahr reichen, bilanzierte das Fachblatt Nature Biotechnology in ihrer jährlichen Einschätzung des Gesundheitszustands der Biotechnologie-Branche vom August 2009. Die Gesamtinvestitionen fielen im Jahr 2008 gegenüber dem Vorjahr demnach um 36 Prozent und damit auf den niedrigsten Wert seit 2003. Das wird nicht immer so bleiben. Doch wie lange es dauern wird, bis sich der Kapitalmarkt wieder erholt, ist noch unklar. Viele Biotechnologie-Unternehmen sind deshalb fieberhaft auf der Suche nach neuen Geldquellen. Und auch die Pharmafirmen haben nach wie vor großen Bedarf an neuen Therapiekonzepten. "In guten wie in schlechten Zeiten wird es die Zusammenarbeit zwischen Biotech- und Pharmafirmen sein, die uns weiterbringt", sagte EBD-Präsidentin Schropp in Wien.

Gesprächsbedarf ist ungebrochen hoch

Wie jedoch die Entwicklung dieser Therapiekonzepte von den ersten Hinweisen auf einen Wirkmechanismus bis zur Markteinführung in Zukunft finanziert werden soll, war Gegenstand lebhafter Diskussionen bei der BIO-Europe. Seit mittlerweile fünfzehn Jahren bringt die Messe Repräsentanten der europäischen Biotechnologie-Branche zusammen, 2008 in Mannheim, in diesem Jahr in Wien, im nächsten Jahr in München. Jeder der angemeldeten Teilnehmer, in diesem Jahr waren es 2.500 (2008: 2.400), kann sich mit Hilfe eines Softwareprogramms mit anderen Besuchern zu Einzelgesprächen verabreden. Das Konzept geht auf, der Gesprächsbedarf ist in Zeiten der Krise offenbar so hoch wie nie. Das belegt die stark gestiegene Zahl von 12.500 Einzeltreffen (2008: 10.250). In den kleinen Gesprächskabinen, in denen schon eingie Kooperationen zwischen Pharmaunternehmen und Biotech-Firmen zustande gekommen sind, ging es in diesem Jahr für einige kleine Start-ups um alles. Viele mussten in den vergangenen zwölf Monaten schon schmerzhafte Einschnitte vornehmen.

"Wir haben alle Forschungsprojekte aufgegeben, um all unsere finanziellen Ressourcen auf unser fortgeschrittenstes Projekt zu konzentrieren", sagt Arlene Morris, CEO der US-amerikanischen Biotech-Firma Affymax Inc. stellvertretend für viele Unternehmen. Doch auch wenn das kurzfristig hilft, wird es auf lange Sicht an Innovationen fehlen. "Junge Biotech-Firmen müssen allein schon finanziert werden, um den Nachschub für Pharma zu garantieren", sagt Ian Nicholson, CEO des britischen Biotech-Startups Chroma Therapeutics.

Pharmafirmen verstärken Investitionen mit Risikokapital

Die Pharmafirmen haben darauf reagiert und ihre eigenen Venture-Capital-Fonds gegründet. Das in Darmstadt ansässige Biotech-Pharma-Unternehmen MerckSerono verkündete im März 2009, dass der neugegründete MerckSerono Ventures Fonds in den nächsten fünf Jahren bis zu 40 Millionen Euro in vielversprechende Start-ups stecken will. Novartis, GlaxoSmithKline oder Roche, sie alle verfügen über eigene Kapitalinstrumente, die jetzt verstärkt in den Vordergrund rücken. Immer öfter sitzen Venture Capital-Fonds der großen Konzerne mit am Tisch, wenn es um Finanzierungsrunden geht. Jüngstes Beispiel ist die Probiodrug AG in Halle an der Saale. Bei einer der weltweit größten Risikokapitalfinanzierungen des Jahres, die im November 36 Millionen Euro in die Kasse der Probiodrug spülte, war auch der Venture-Fonds des US-Biotech-Riesen Biogen Idec beteiligt. Probiodrug verfügt über einen potenziellen Wirkstoff gegen Alzheimer, der sich allerdings noch in einer sehr frühen, präklinischen Phase befindet.

Doch nicht alle Pharmaunternehmen sind so risikofreudig und investieren derart früh. Viele können nicht so lange warten und brauchen schon in den nächsten Jahren Ergebnisse. "Wir konzentrieren uns auf kurzfristige Projekte in einem späten Entwicklungsstadium", sagte Hakan Bjorklund auf einer Panel-Diskussion der BIO-Europe. "Wir könnten uns in den kommenden sechs Monaten sehr leicht an fünf oder sechs frühen Projekten beteiligen. Doch das wird unsere Probleme in den kommenden fünf Jahre nicht lösen." Und nicht immer ist der frühe Einstieg eines Pharmaunternehmens für junge Biotech-Unternehmen nur mit Vorteilen versehen. Oft vereinbaren die Pharmafirmen Zahlungen, die sukzessive beim Erreichen bestimmter Meilensteine fällig werden. Die richtige Balance von Risikominimierung und Innovationsmaximierung muss erst gefunden werden. Dass die Pharmabranche die Biotech-Szene genau beobachtet, zeigten die großen Delegationen der Unternehmen in Wien. "Pharma zeigt im Augenblick großes Interesse", meinte Sven Klußmann, wissenschafltiche Leiter des Berliner Biotech-Unternehmens Noxxon, nach dem dreitätgigen Gesprächsmarathon. Noch müssen sich alle an die neuen Spielregeln gewöhnen. "Wir sind dabei, neue Modelle der Zusammenarbeit zu entwickeln", sagte Dan Zabrowski, Chef der Partnering-Abteilung bei Roche. Wie die sich bewähren, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

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