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Darmbakterien als potenzielle Unterstützer bei Diagnose und Therapie

Wenn Sie in Zukunft einen Arzt aufsuchen, werden Sie möglicherweise nicht nur zu Ihren Allergien und der Blutgruppe befragt sondern auch zu Ihrer Darmflora: Wissenschaftler am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg und ihre Kollegen des internationalen MetaHIT Konsortiums haben herausgefunden, dass sich Menschen jeweils einem von insgesamt drei verschiedenen Darmtypen zuordnen lassen.

Die im April 2011 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie befasst sich außerdem mit mikrobiellen genetischen Markern, die mit Alter, Geschlecht und dem Body-Mass-Index in Verbindung stehen. Diese bakteriellen Gene werden möglicherweise eines Tages die Diagnose erleichtern und den Verlauf bestimmter Krankheiten, wie z.B. Darmkrebs, prognostizieren. Zusätzliche Informationen zum Darmtyp des Patienten könnten dann weitere wichtige Hinweise zur Therapie liefern.

Bakterien finden sich im Darm eines jeden Menschen. Sie sind notwendig zum Verdauen der Nahrung, sie spalten Toxine auf, produzieren bestimmte Vitamine sowie essentielle Aminosäuren und bilden einen Schutzschild nach außen. Ihre mikrobielle Zusammensetzung, d.h. die relative Anzahl verschiedener Arten von Bakterien, variiert jedoch von Mensch zu Mensch. “Wir haben entdeckt, dass die Zusammensetzung von Mikroben im menschlichen Darm nicht zufällig ist,” sagt Peer Bork, Leiter der Studie am EMBL: “Unsere Darmflora kann in drei verschiedene Typen eingeteilt werden – man könnte auch von drei verschiedenen Ökosystemen sprechen.”

Bork und seine Kollegen untersuchten zunächst Stuhlproben von 39 Personen aus drei Kontinenten (Europa, Asien und Amerika), um die Darmbakterien zu analysieren, später kamen weitere 85 Personen aus Dänemark und 154 aus Amerika hinzu. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass sich alle Versuchspersonen in jeweils eine Gruppe einordnen ließen. Je nachdem welche Art von Bakterien in großer Zahl in ihrem Darm vorhanden war, konnte die betreffende Person einem Darm- oder Enterotyp zugeordnet werden.

Ungeklärt ist bislang, warum diese verschiedenen Darmtypen existieren. Die Wissenschaftler vermuten jedoch eine Verbindung zum Immunsystem und wie dieses zwischen „unschädlichen“ und schädlichen Bakterien unterscheidet. Eine andere These bezieht sich auf den Abtransport von Wasserstoff aus den Zellen.

Ebenso wie Blutgruppen sind die Darmtypen unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität und Body-Mass-Index. Die Wissenschaftler fanden jedoch heraus, dass im Darm älterer Menschen scheinbar mehr mikrobielle Gene an der Aufspaltung von Kohlehydraten beteiligt sind als bei jungen. Die Verarbeitung von Nährstoffen lässt anscheinend mit zunehmendem Alter nach, so dass Bakterien diese Aufgabe übernehmen müssen. “Die Tatsache, dass es bakterielle Gene gibt, die mit Merkmalen wie beispielsweise Alter und Gewicht in Verbindung stehen, weist darauf hin, dass es auch Marker für andere Merkmale, wie z.B. Fettleibigkeit oder Darmkrebs geben könnte”, so Bork. “Daraus ergeben sich Konsequenzen sowohl für die Diagnose als auch die Prognose.”

Falls sich diese Hypothesen als richtig erweisen sollten, könnten Ärzte bei der Diagnose und der Einschätzung eines Erkrankungsrisikos nach Hinweisen suchen – nicht nur im Körper des Patienten selbst sondern auch bei den Bakterien, die den Darm bevölkern. Die auf die Diagnose folgende Therapie könnte so, dem Darmtyp des Menschen entsprechend, optimiert werden.

Veröffentlicht in Nature am 20. April 2011: "Enterotypes of the human gut microbiome" https://www.gesundheitsindustrie-bw.dedx.doi.org/10.1038/nature09944

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/darmbakterien-als-potenzielle-unterstuetzer-bei-diagnose-und-therapie