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„Deutliche Konsequenzen für Prävention und Therapie“ von Typ 1 Diabetes

Ein internationales Forschungskonsortium hat erstmals nachgewiesen, dass der Entwicklung von Typ 1 Diabetes epigenetische Veränderungen vorausgehen. Es handelt sich um chemische Abänderungen an den Grundbausteinen der Erbsubstanz einer Zelle.

An der komplexen Autoimmunerkrankung Typ 1 Diabetes leiden mehr als 30 Millionen Menschen. Sie führt zur Zerstörung insulinproduzierender Zellen. Die Ursachen dieser Krankheit sind immer noch nicht völlig verstanden. Anders als die gut erforschten genetischen Faktoren der Krankheit sind die nichtgenetischen Einflussfaktoren kaum erforscht und verstanden. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse der Forschergruppe werden deshalb „deutliche Konsequenzen für Prävention und Therapie dieser Erkrankung“ haben, erwartet der Endokrinologe Bernhard Böhm von der Universität Ulm. Der Diabetes-Fachmann Böhm zählte mit Wissenschaftlern der Queen Mary University London und des University College London zu den Hauptautoren der Arbeit, die Ende September in der Open Access-Zeitschrift PLoS Genetics publiziert worden ist.

Krankheit mit langer Vorgeschichte

Folgenreiche epigentische Forschung: Prof. Bernhard Böhm. © UK Ulm

Die Ergebnisse gewannen die Forscher aus der genomweiten Untersuchung der Methylierungsmuster von Immunzellen (CD14-Monozyten) von Zwillingspärchen mit unterschiedlicher Typ 1 Diabetes-Ausprägung. Dabei stellten die Forscher fest, dass das Methylierungsmuster der Erbsubstanz bestimmter Blutzellen bereits vor Ausbruch der Erkrankung auf eine krankheitsspezifische Art und Weise verändert ist. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgt die Veränderung bereits im Mutterleib", sagt Bernhard Böhm. Zusammen mit schwedischen Kollegen will er diese Frage weiter untersuchen. „Klar ist, dass die Krankheit sehr lange zurückliegende Wurzeln hat."

Folglich müsste die Prävention nach Böhms Worten in einer frühen Lebensphase ansetzen. Das hätte erhebliche Auswirkungen auf den Klinikbetrieb, denn „zuständig wären dann nicht mehr Endokrinologen oder Kinderheilkundler, sondern bereits die Frauenheilkunde, idealerweise in einem interdisziplinären Team." Ein Bedarf an systematischer präventiver Erfassung jedenfalls sei bei der stetig wachsenden Zahl an Patienten vorhanden. Interesse daran signalisiert hat Böhm zufolge allerdings nur Schweden, wo chronische Erkrankungen mit epigenetischem Hintergrund noch häufiger auftreten als in Mitteleuropa.

Früher Indikator Methylierungsmuster

Für den Ulmer Wissenschaftler ist die Forschungsagenda klar: „Wir haben jetzt krankheitsspezifische Muster erkannt und wissen genau, was in den Zellen passiert. In unserem Fall heißt das: Ist ein bestimmtes Methylierungsmuster vorhanden, folgt in zehn bis 15 Jahren der Diabetes.“ Nun müssten die Muster für weitere Stoffwechselstörungen definiert und deren Therapie entwickelt werden. Allerdings, schränkt Böhm ein, seien „die Methylierungsmuster kaum zu modifizieren, wenn sie mal geschaffen sind.“

Vom Nutzen der Biomaterialien

Zehn Jahre haben die beteiligten Forscher für diese Erkenntnis gearbeitet, gefördert hat sie eine US-Forschungsorganisation. Böhm hält das Ergebnis dieser Forschung für eminent wichtig, „weil damit ein generelles Prinzip verbunden ist“. „20 Jahre lang“, so Böhm rückblickend, „haben wir in großem Umfang Biomaterialien gesammelt, Blutzellen vor allem. Damit waren wir unter den Vorreitern im Diabetesfeld weltweit, sind jedoch dafür im Kollegenkreis häufig belächelt worden“. Heute sei die in Ulm angesiedelte Biodatenbank eine wichtige Grundlage für verschiedene Forschungsansätze, auch für das nächste Projekt, an dem der Ulmer Endokrinologe beteiligt ist.

Blueprint soll Landkarte der Epigenetik erarbeiten

Es trägt den Titel „Blueprint“ und ist laut Nature eines der bisher größten biomedizinischen Forschungsvorhaben der EU. Es soll unter anderem das Verständnis von Gen-Umwelt-Interaktionen als Ursache chronischer Erkrankungen verbessern. „Blueprint“ erhält über sieben Jahre 30 Mio. Euro von der EU, zehn Mio. Euro steuern 41 Forschungseinrichtungen bei. 50 federführende Wissenschaftler mit ihren Gruppen wollen eine Landkarte der Epigenetik erarbeiten. Der Ulmer Part bei dem Großprojekt erstreckt sich auf Autoimmunerkrankungen. Bernhard Böhm zeichnet gemeinsam mit seinen Londoner Kollegen David Leslie und dem aus dem Schwarzwald stammenden Stephan Beck verantwortlich für die Studien zum Thema Diabetes mellitus.

Literatur:
Rakyan VK, Beyan H, Down TA, Hawa MI, Maslau S, et al. (2011) Identification of Type 1 Diabetes–Associated DNA Methylation Variable Positions That Precede Disease Diagnosis. PLoS Genet 7(9): e1002300. doi:10.1371/journal.pgen.1002300

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/deutliche-konsequenzen-fuer-praevention-und-therapie-von-typ-1-diabetes