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"Es geht um alles oder nichts"

Wie weit darf der Mensch bei der Forschung gehen? Sollen Zellen von menschlichen Embryonen zur Erkundung wissenschaftlicher Erkenntnisse benutzt werden? Etwa, um später Krankheiten besser heilen zu können? Oder ist dies moralisch durch nichts zu rechtfertigen? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Bundespolitik, sondern in Konstanz auch viele Zuhörer einer Podiumsdebatte der CDU.

Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff stellte sich als Lebensschützer vor, ebenso der Stammzellenforscher Marcel Leist von der Universität Konstanz. Ihre Meinungen prallten in Konstanz bei einer Debatte um die Nutzung embryonaler Stammzellen aufeinander. Rund 100 Zuhörer verfolgten die von SÜDKURIER-Redakteur Uli Fricker moderierte Diskussion, die der Kreisverband der CDU angeregt hatte.

„Wir stehen vom Forschungsziel ganz klar auf der Seite des Lebensschutzes“, sagte Marcel Leist. Er will herausfinden, wie Schwermetalle und Chemikalien auf menschliche Nervenzellen wirken. Diese Nervenzellen gewinnt er aus Stammzellen von menschlichen Embryonen. Sie sind im Ausland bei einer künstlichen Befruchtung entstanden, haben wenige Tage der Zellteilung hinter sich, werden aber für die Schwangerschaft nicht benötigt. „Keiner weiß mit ihnen etwas anzufangen“, sagt Leist. Diese Zellen seien Tausendstel Millimeter groß, ohne Bewusstsein und ohne Intention, begründet der Wissenschaftler, warum er die Forschung mit ihnen für vertretbar hält. Mit der Entnahme der Stammzellen allerdings wird der Embryo zerstört, wenden Kritiker ein.

„Die menschliche Würde ist unantastbar von Anfang bis zum Schluss“, sagt der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff von der Universität Freiburg. Für das Mitglied des Nationalen Ethikrats beginnt das menschliche Leben mit der Befruchtung. Denn Menschenwürde sei nicht an den Nachweis bestimmter Fähigkeiten gebunden. Der Moraltheologe vertritt damit die Meinung der katholischen Kirche. Er bedauert, Teile der evangelischen Kirche würden die embryonale Stammzellenforschung als ethisch unbedenklich betrachten. "Man kann den Lebensschutz nicht ein bisschen aufkündigen. Es geht um alles oder nichts.“ Auch wünschenswerte Erkenntnisse und neue Medikamente, die Leiden ersparen und Leben retten, dürften nicht auf ethisch bedenklichem Wege gewonnen werden.

Mathias Schmidt vom Konstanzer Pharma-Unternehmen Nycomed hält es für wichtig, dass die Gesellschaft die ethisch-moralische Diskussion über die Stammzellenforschung führt. Er geht davon aus, dass Stammzellen auf dem Weg zu neuen Therapien eine wichtige Rolle spielen werden. Nycomed forsche nicht auf diesem Gebiet und habe dies auch nicht in naher Zukunft vor.

Das Thema Stammzellenforschung stellt Bundestagsabgeordnete wie Andreas Jung (CDU) vor eine Gewissensentscheidung. Jung spricht sich gegen die Lockerung des Stammzellengesetzes aus. Derzeit darf in Deutschland nur an Stammzellen geforscht werden, die vor dem Jahr 2002 im Ausland gewonnen wurden. Nun steht zur Debatte, den Stichtag auf 2007 zu verschieben. Damit würde der Stichtag zur „Wanderdüne“, warnt Jung.

Quelle: Südkurier (Claudia Rindt) - 04.04.08 (P)
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/es-geht-um-alles-oder-nichts