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Experten uneins über Stammzellforschung

Eine mögliche Änderung des Stammzellgesetzes wurde am 3. März im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung im Bundestag diskutiert. Bei der öffentlichen Anhörung zeigten sich die zwölf Sachverständigen uneins. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft würdigte die Ernsthaftigkeit der Bundestagsdebatte.

Humane embryonale Stammzellen (Foto: Nissim Benvenisty, Wikipedia)
Unterschiedliche Auffassungen gab es bei der Frage, ob Embryonen die gleiche Würde haben wie ein schon geborener Mensch und ob eine Verschiebung oder Abschaffung des Stichtages für eine qualitativ hochwertige Forschung mit embryonalen Stammzellen in Deutschland notwendig ist.

Viele Zellen unbrauchbar

"Die Linien waren damals schon schlecht, wir wussten es nur nicht", sagte Professor Hans Schöler, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Bio-Medizin und Mitglied der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung (ZES), über die Stammzelllinien, die vor dem 1. Januar 2002 im Ausland gewonnen wurden und heute für die Forschung eingesetzt werden. Die Wissenschaft habe damals nicht gewusst, wie man die Zellen richtig kultiviert und einfriert. Deswegen seien sie teilweise unbrauchbar.
"Alte Stammzellen sind eindeutig für die Grundlagenforschung zu verwenden", meinte dagegen Professorin Regine Kollek von der Universität Hamburg. Selbst die neueste Forschung an adulten Stammzellen habe zum Vergleich embryonale Stammzellen herangezogen, die auch in Deutschland verwendet werden dürfen. "Das ist kein Einzelfall, die verwendeten Zellen gehören zu den international am besten erforschten, und es ist bisher nicht nachgewiesen, dass sie mit Viren kontaminiert sind", so Kollek. Auch genetische Veränderungen, wie sie von Forschern beklagt würden, seien nicht generell an den Zellen festzustellen.

Embryonenschutz gewährleistet

Reinhard Merkel, Jura-Professor aus Hamburg, betonte, dass eine Änderung des Stammzellgesetzes nicht den Embryonenschutz antaste. Es gehe um einen Teil von Embryonen, an denen geforscht werde, nachdem die Embryonen schon gestorben seien. "Die übergroße Zahl der Ethiker der Welt sagt, dass pränataler Lebensschutz ein anderer ist als postnataler", plädierte Merkel für eine moralische Differenzierung in Leben, das mit Hilfe des Menschen entstehen kann, und solches, das bereits entstanden ist.

Recht auf Menschenwürde verletzt

Bei der Forschung an embryonalen Stammzellen werde das Recht auf Menschenwürde der Embryonen verletzt, war dagegen die Meinung von Christian Hillgruber, Jura-Professor aus Bonn. Das Bundesverfassungsgericht habe anerkannt, dass Menschen auch nach ihrem Tode ein Persönlichkeitsschutz zustehe. Dieser Schutz gelte auch für Embryonen. "Das schließt aus meiner Sicht jede Nutzung von Stammzellen zu Forschungszwecken aus", sagte Hillgruber.

Gegen einen Kompromiss in Form einer einmaligen Verschiebung des Stichtages sprach sich Professor Robert Spaemann aus München aus. "Wenn Embryonen Menschen sind, folgt daraus, dass man nicht von den Interessen anderer ausgehen darf, sondern von denen des Embryos." Deswegen dürfe man keinen Kompromiss schließen.

Peter Dabrock, Professor für Sozialethik aus Marburg, hielt einen Kompromiss dagegen für vertretbar, da noch nicht abschließend geklärt sei, ob es sich bei den Embryonen tatsächlich um Menschen handele. Das Gesetz erlaube eine begrenzte Forschung mit Stammzellen. Wenn diese Forschung nicht mehr durchführbar sei, weil die Linien nicht brauchbar seien, könne der Stichtag angepasst werden.

In einer Stellungnahme würdigte die DFG die Ernsthaftigkeit der Bundestagsdebatte zum Stammzellgesetz (s. Link oben rechts).

Die Aufzeichnung der Anhörung ist seit Dienstag, dem 4. März 2008, als Video-on-Demand abrufbar (s. Link oben rechts.). Die zur Debatte vorliegenden vier Gesetzentwürfe und den Antrag finden Sie auf der Seite des Deutschen Bundestags (s. Link oben rechts).


























Liste der Sachverständigen
  • Univ.-Prof. Dr.-med. Dr. rer. nat. Henning Beier RWTH Aachen, Emeritus, Direktor des Instituts für Anatomie und Reproduktionsbiologie a. D.
  • Prof. Dr. theol. Peter Dabrock, M.A. Juniorprofessor für Sozialethik (Bioethik), Philipps-Universität Marburg, FB Ev. Theologie - Sozialethik/Bioethik
  • Prof. Dr. Christian Hillgruber Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Öffentliches Recht
  • Prof. Dr. Konrad Hilpert Prodekan, Ludwig-Maximilian-Universität, Kath.-Theologische Fakultät, München
  • Prof. Dr. Regine Kollek Universität Hamburg, FSP BIOGUM / FG Medizin
  • Colin P. McGuckin
    Professor of Regenerative Medicine, Newcastle Centre for Cord Blood
    Institute of Human Genetics, North East England Stem Cell Institute
    International Centre for Life, Newcastle University
  • Prof. Dr. Reinhard Merkel Universität Hamburg, Juristische Fakultät
  • Prof. Dr. Hans Schöler Geschäftsführender Direktor, Zell- und Entwicklungsbiologie, Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin
  • Prof. Dr. Dr. h.c. Robert Spaemann Emeritus, Ludwig-Maximilians-Universität München, Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft
  • Prof. Dr. med. Bodo E. Strauer Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie
  • Prof. Dr. Jochen Taupitz Geschäftsführender Direktor, Universität Mannheim, Institut für Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik
  • Prof. Dr. med. Otmar D. Wiestler Wissenschaftlicher Vorstand, Deutsches Krebsforschungszentrum


Quellen: Deutscher Bundestag, DFG - 04.03.08
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/experten-uneins-ueber-stammzellforschung