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Finanzierung macht Biotech-Branche zu schaffen

Der Deutsche Biotechnologie-Report 2009 wurde am 14. Mai von Ernst & Young in Stuttgart präsentiert. Die Ergebnisse in Kurzfassung: Leichtes Umsatzwachstum und geringfügiger Anstieg der Beschäftigten in der deutschen Biotech-Branche im Jahr 2008, Fortschritte bei Produktentwicklung und Marktzulassung, Einbruch bei der Eigenkapital-Finanzierung von privaten und börsennotierten Unternehmen als Folge der allgemeinen Finanzkrise, Investitionen in Forschung und Entwicklung sinken, steigende Bedeutung von strategischen Transaktionen.

© pixelio

Der Umsatz der deutschen Biotech-Branche ist im vergangenen Jahr um sechs Prozent von 1.007 Millionen Euro auf 1.068 Millionen Euro gestiegen. Die börsennotierten Unternehmen steigerten ihren Umsatz sogar um neun Prozent. Die Zahl der Unternehmen blieb mit 402 etwa auf dem Niveau des Vorjahres (403), die Zahl der Beschäftigten stieg hingegen leicht um zwei Prozent von 10.264 auf 10.520. Zu diesen Ergebnissen kommt der zehnte deutsche Biotechnologie-Report der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young.

Die Zahl der Neugründungen stieg von 13 im Jahr 2007 auf 21 im Jahr 2008. Den 21 neu gegründeten Biotech-Unternehmen standen 14 Unternehmen gegenüber, die in die Insolvenz gingen oder aufgelöst wurden. Weitere Abgänge resultieren aus Fusionen und Übernahmen.

Weiter Fortschritte bei der Produktentwicklung

Insgesamt ist die Zahl der Wirkstoffe in der Medikamenten-Entwicklung bei den deutschen Biotech-Unternehmen geringfügig von 303 auf 308 gestiegen. In der klinischen Prüfung – also in den Phasen I bis III – befinden sich derzeit mit 139 Wirkstoffen deutlich mehr Projekte als im Vorjahr (129).

In der Zulassungsphase sind aktuell fünf Wirkstoffe – im Vorjahr waren es sieben. Die niedrigere Zahl erklärt sich auch durch die Zulassung von drei neuen Medikamenten – ein substanzieller Erfolg für die Branche. Insgesamt komme die Branche bei der Produktentwicklung aber nur relativ langsam voran, kommentiert Julia Schüler, Autorin der Studie und Industriespezialistin Biotechnologie bei Ernst & Young. „Nach einigen Jahren des Anstiegs von Medikamenten-Kandidaten in der klinischen Phase II wäre langsam auch ein deutlicheres Wachstum in Phase III zu erwarten. Entweder überstehen die Produkte nicht den klinischen Wirksamkeits-Test, oder es fehlt an finanziellen Mittel, um die kostspieligen Studien der Phase III durchzuführen“.

Deutlich weniger Eigenkapital für Biotech-Unternehmen

Die Eigenkapital-Finanzierung der deutschen Biotech-Branche ist im Jahr 2008 um fast 50 Prozent eingebrochen. Mit insgesamt 247 Millionen Euro wurde nur das Niveau der mageren Jahre 2002 und 2003 erreicht. Dieser Einbruch trifft erstmals die privaten Unternehmen und die börsennotierten gleichermaßen. Lediglich 48 Millionen Euro konnten von börsennotierten Unternehmen im Rahmen von Sekundärfinanzierungen eingeworben werden, während Erst-Börsengänge komplett ausblieben. Private Firmen erhielten 198 Millionen Euro von Risikokapitalgebern oder Private Equity-Investoren (Vorjahr: 319 Millionen Euro). Die Risikokapitalfinanzierung ist damit auf den niedrigsten Stand seit 1999 gesunken. „Das klassische Modell der Risikokapital-Finanzierung wird im Biotech-Bereich zunehmend in Frage gestellt“, konstatiert Siegfried Bialojan, Leiter des Industriesektors Life Science bei Ernst & Young. Gründe hierfür seien der sehr hohe Kapitalbedarf, der lange Finanzierungshorizont sowie ein signifikant höheres Risiko im Vergleich zu anderen Branchen.

Ohne die Beteiligung privater Großinvestoren wäre die Finanzierungssituation noch erheblich dramatischer. Nur noch rund 100 Millionen Euro an Eigenkapital kamen im Jahr 2008 von klassischen Risikokapitalgebern. Fast die gleiche Summe wurde von privaten Investoren bereitgestellt.

Finanzierung deckt kaum noch Kapitalbedarf

Der jährliche Kapitalverbrauch (Cash Burn) der deutschen Biotech-Firmen, die sich auf die Medikamenten-Entwicklung fokussieren, liegt bei jährlich durchschnittlich 5,6 Millionen Euro. Auf dieser Basis lässt sich ein jährlicher Kapitalbedarf von rund 260 Millionen Euro für alle 46 VC-finanzierten deutschen Medikamenten-Entwickler ermitteln.

„Mit diesen Mitteln haben die Unternehmen allerdings meist nur die Möglichkeit, Phase II-Kandidaten erfolgreich in Allianzen einzubringen – eine Strategie, die das Überleben von Unternehmen sichert, allerdings kein nachhaltig profitables Geschäftsmodell darstellt“, so Schüler. Dafür sei eine deutlich bessere Kapitalausstattung notwendig: „Um die Biotech-Branche in Deutschland einen echten Schritt weiter zu bringen, wäre eine jährliche Kapitalzufuhr von deutlich mehr als einer halben Milliarde Euro nötig, also weit mehr als ihr aktuell zur Verfügung steht“, so Schüler.
Knappere Finanzmittel schlugen direkt durch auf die Forschungs- und Entwicklungsausgaben: Während diese im Vorjahr noch stark – um 16 Prozent – gestiegen waren, wurde im abgelaufenen Jahr wieder gespart: die FuE-Ausgaben sanken um zwei Prozent von 986 auf 966 Millionen Euro.

Wie auch in Deutschland hat sich in Europa die Finanzierungssituation der Biotech-Branche deutlich verschlechtert. Insgesamt flossen 1.764 Millionen Euro (minus 67 Prozent) an zusätzlichem Eigenkapital in die Branche. Die größte Rolle spielten dabei Risikokapitalfinanzierungen (932 Millionen Euro – minus 20 Prozent) vor Sekundärfinanzierungen (758 Millionen Euro – minus 78 Prozent). 2008 gingen drei europäische Biotech-Unternehmen an die Börse (Vorjahr: 21 Börsengänge) und erzielten dabei Emissionserlöse von insgesamt 75 Millionen Euro (minus 90 Prozent).

Auswege aus dem Finanzierungsengpass bietet vor allem ein breiteres Spektrum von Transaktionen: Einerseits wurden bei Übernahmen beachtliche Preise erzielt, und es ergaben sich gute Perspektiven für die betroffenen Unternehmen und deren Mitarbeiter.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/finanzierung-macht-biotech-branche-zu-schaffen