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Freiwillig oder verpflichtend? Neue Erkenntnisse zu Motivation bei Corona-Maßnahmen

Eine Studie der Universität Konstanz zeigt, dass die freiwillige Motivation zur Einhaltung der Corona-Maßnahmen in Deutschland relativ hoch ist, aber durch verpflichtende Maßnahmen untergraben werden kann – Die Konsequenz dieser Erkenntnis unterscheidet sich je nach Maßnahme.

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus erfordern eine breite Kooperationsbereitschaft. Ist die deutsche Bevölkerung eher damit einverstanden, sich an die Maßnahmen zu halten, wenn sie auf freiwilliger oder verpflichtender Basis umgesetzt sind? Dies erforschte die Verhaltensökonomin und Psychologin Dr. Katrin Schmelz von der Universität Konstanz und dem Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI). Sie nutzte dazu ein großangelegtes, repräsentatives Umfrageprogramm im Rahmen des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz zum Ende des ersten Lockdowns im Frühling 2020. Die Ergebnisse der Studie sind in der Online-Ausgabe vom 21. Dezember 2020 der Zeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) nachzulesen.

Knapp 5.000 Deutsche wurden befragt, inwieweit sie damit einverstanden sind, ihre Kontakte und Reisen einzuschränken, eine Maske zu tragen, die Corona-Warn-App zu nutzen und sich impfen zu lassen, wenn diese Maßnahmen entweder von der Regierung dringend empfohlen sind, aber freiwillig bleiben, oder wenn sie verpflichtend sind und kontrolliert werden.

Die vorhandene Literatur deutet in zwei Richtungen: Zum einen können verpflichtende Maßnahmen die Akzeptanz verbessern, weil man davon ausgehen kann, dass sich auch andere Menschen an Gesetze halten. Zum anderen kann durch verpflichtende Maßnahmen aber auch die Eigenmotivation der Menschen zerstört werden, die freiwillig und selbstverantwortlich zur Kooperation bereit sind.

Freiwillige Motivation ist relativ hoch, kann aber untergraben werden

Das Ergebnis: Insgesamt ist die freiwillige Unterstützung der Maßnahmen relativ hoch. Allerdings zeigen bei allen Maßnahmen mindestens 25 Prozent der Befragten eine Kontrollaversion – eine geringere Akzeptanz der Maßnahme, wenn diese verpflichtend ist, als wenn sie dringend empfohlen wird, aber freiwillig bleibt. Besonders für eine Corona-Warn-App und Impfungen war das durchschnittliche Einverständnis höher, wenn diese Maßnahmen freiwillig anstatt verpflichtend sind. Das gilt auch in geringerem Maße für Kontakteinschränkungen. Dagegen war das Einverständnis, selbst eine Maske zu tragen und Reisen einzuschränken unter beiden Bedingungen im Durchschnitt gleich, also unabhängig davon, ob diese Maßnahmen verpflichtend oder freiwillig sind.

Womit hängt es zusammen, ob Menschen negativ auf Kontrolle und Zwangsmaßnahmen reagieren? „Vertrauen in die Regierung und in deren wahrheitsgemäße Information spielt in der Corona-Pandemie eine ganz große Rolle“, bilanziert Katrin Schmelz. Je weniger Vertrauen, desto mehr kann Kontrolle die freiwillige Motivation zerstören.

In der DDR aufgewachsene Menschen zeigen weniger Kontrollaversion

Die Wissenschaftlerin hat darüber hinaus eine spezielle Bevölkerungsgruppe identifiziert, bei der Verpflichtung und Kontrolle weniger Widerstand hervorrufen: Menschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Die Vermutung dieses „Ost-West-Unterschieds“ war auch der Anlass für die Wissenschaftlerin, diese Studie durchzuführen. In ihrer Dissertation hatte sie in einem Online-Experiment untersucht, wie Menschen mit Erfahrungen in unterschiedlichen Regierungssystemen – in West- und Ostdeutschland – auf Kontrolle reagieren. Ihr damaliges Ergebnis, dass Menschen, die, wie die Autorin selbst, in der DDR aufgewachsen sind, anders auf Kontrolle reagieren als Menschen, die in der BRD aufgewachsen sind, hat sich nun in der aktuellen repräsentativen Befragung im Hinblick auf die Corona-Maßnahmen bestätigt.

Der Ost-West-Unterschied tritt insbesondere bei Maßnahmen auf, die Parallelen zu den DDR-Erfahrungen haben: Impfungen, Reisebeschränkungen und Kontaktbeschränkungen lösen für den Fall, dass sie verpflichtend sind und kontrolliert werden, bei Ostdeutschen mit Erfahrungen unter der DDR-Regierung weniger Widerstand aus als bei gleichaltrigen Westdeutschen. Auch im Fall der Corona-Warn-App untergräbt eine Verpflichtung die freiwillige Motivation weniger bei denjenigen Befragten, die in der DDR aufgewachsen sind und andere Überwachungsmaßnahmen kennen. Beim Tragen von Masken gibt es diesen Ost-West-Unterschied nicht – weder Ost- noch Westdeutsche haben zurückliegende Erfahrungen mit einer solchen Einschränkung persönlicher Freiheit. Die Ost-West-Unterschiede verschwinden in der jüngeren Generation, die im wiedervereinten Deutschland aufgewachsen ist.

Empfehlungen an die Politik

Die Ergebnisse dieser Studie liefern einen weiteren Baustein als Basis für politische Entscheidungen über die Gestaltung von Corona-Maßnahmen, nämlich wie hoch die freiwillige Kooperationsbereitschaft ist und inwieweit eine verpflichtende Maßnahme Widerstand auslöst. Diese Erkenntnisse sind im Zusammenspiel mit anderen Aspekten zu beurteilen, insbesondere welcher Anteil der Bevölkerung für einen Erfolg der Maßnahme kooperieren muss und inwieweit eine Maßnahme tatsächlich durchsetzbar ist.

Beispielsweise würden die 60 Prozent, die freiwillig damit einverstanden sind, eine Maske zu tragen, für den Erfolg dieser Maßnahme nicht genügen. Außerdem lässt die Studie wenig Anzeichen für eine Zerstörung der Eigenmotivation durch Maskenpflicht erkennen. Deshalb empfiehlt sich eine verpflichtende Umsetzung dieser Maßnahme. Bei Reisebeschränkungen sieht es ähnlich aus.

Anders bei der Corona-Warn-App: Hier zeigt sich ein enormer Widerstand bei 40 Prozent der Befragten gegen eine App-Pflicht. Außerdem ist schwer kontrollierbar, inwiefern die Menschen die App tatsächlich auch nutzen. „Die Corona-Warn-App gehört zu den Maßnahmen, die starke Kontrollaversion hervorrufen und gleichzeitig in Deutschland nicht komplett durchsetzbar sind. Deshalb hat es wenig Sinn, sie verpflichtend einzuführen“, so Katrin Schmelz.

Impfung besser freiwillig

Ähnlich sieht es bei der Impfung aus, bei der in der Befragung um die 50 bis 65 Prozent angegeben haben, freiwillig bereit oder eher bereit dazu zu sein: „Geht man davon aus, dass für eine Herdenimmunisierung weniger als 70 Prozent der Bevölkerung geimpft werden müssen, wenn Impfungen zielgerichtet in der Bevölkerung verteilt werden, könnte das ausreichen“, folgert die Wissenschaftlerin. Die Akzeptanz im Fall einer Impfpflicht lag in der Studie deutlich darunter, und es zeigte sich ein erheblicher Widerstand gegen verpflichtende Impfungen. Diesen Widerstand zu schüren wäre unnötig, da eine hundertprozentige Impfung nicht erforderlich ist.

Während der Wartezeit auf Impfungen stehen Kontaktbeschränkungen im Zentrum der Maßnahmen und erfordern umfangreiche Kooperation in der Bevölkerung. Wie bei einer App und bei Impfungen rufen auch Kontaktbeschränkungen negative Antworten auf Kontrolle hervor, wobei der Widerstand schwächer ausgeprägt ist. Ein gewisses Maß an Durchsetzung kann sinnvoll und erforderlich sein – um zum Beispiel die Kooperation unter gesunden Menschen zu erhöhen, die geringere Anreize haben, eine eigene Ansteckung zu vermeiden, deren Kooperation aber Risikogruppen schützt.

Zudem zeigt die Studie über alle Maßnahmen hinweg einen positiven Einfluss von Vertrauen in die Regierung und deren wahrheitsgemäße Information in der Corona-Pandemie auf die freiwillige Kooperationsbereitschaft und insbesondere auf die Akzeptanz verpflichtender Maßnahmen.

Originalpublikation:

Katrin Schmelz (2021). Enforcement may crowd out voluntary support for Covid-19 policies, especially where trust in government is weak and in a liberal society. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), 118(1). DOI: 10.1073/pnas.2016385118

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/freiwillig-oder-verpflichtend-neue-erkenntnisse-zu-motivation-bei-corona-massnahmen