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Genomweite Studie zur Entstehung der Schizophrenie

In einer jetzt online in „Nature“ veröffentlichten Untersuchung zur Aufklärung der genetischen Grundlagen der Schizophrenie haben Forschungszentren weltweit zusammengearbeitet. Beteiligt war auch das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim.

Schizophrene Störungen zählen zu den komplex bedingten psychiatrischen Erkrankungen, die im Zusammenspiel genetischer und umweltbedingter Faktoren entstehen. Genetische Studien belegen, dass bei schizophrenen Störungen 80 Prozent der Varianz auf genetische Faktoren zurückzuführen sind.

Dieses Wissen ist nicht neu. Allerdings stehen erst seit Kurzem die notwendigen molekulargenetischen Untersuchungstechniken zur Verfügung, die es ermöglichen, das Genom systematisch nach Varianten zu durchsuchen, die das Risiko an einer Schizophrenie zu erkranken modulieren. Ein weiterer wichtiger Fortschritt liegt in der intensiven Zusammenarbeit der psychiatrisch und genetisch forschenden Wissenschaftler begründet. Dank internationaler Kooperation stehen erstmals umfangreiche Stichproben von Patienten und Kontrollpersonen zur Verfügung, die genomweiten Studien eine ausreichende statistische Aussagekraft garantieren. Insgesamt wurden bei 2.663 schizophrenen Patienten und 13.498 Kontrollpersonen die genomweiten Untersuchungen gemeinsam ausgewertet und die besten Befunde bei insgesamt 4.999 weiteren Patienten und 15.555 Kontrollpersonen nachuntersucht.

Drei deutsche Forschungsgruppen

Allein aus Deutschland waren drei Gruppen beteiligt, die sich bereits im Nationalen Genomforschungsnetz (NGFN) zusammengeschlossen hatten: das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim (Abteilungsleitung: Professor Marcella Rietschel), das Institut für Humangenetik der Universität Bonn (Arbeitsgruppenleitung: Professor Markus Nöthen und Privat-Dozent Sven Cichon) sowie die Psychiatrische Universitätsklinik der LMU München (Arbeitsgruppenleitung: Professor Dan Rujescu). Diese drei Zentren waren schon im vorigen Jahr an der Entdeckung neuer, seltener genetischer Variationen, die zur Schizophrenie beitragen, maßgeblich beteiligt.

Nunmehr „ist es uns wiederum gelungen“, wie Professor Rujescu sagt, „weitere neue, häufig vorkommende genetische Risikofaktoren zu finden". „Endlich kommen wir dem Ziel näher, bestehende Hypothesen zur Schizophrenie mit molekulargenetischen Methoden wissenschaftlich belegen zu können“, so beschreibt Professor Nöthen das Besondere dieser weltweiten genetischen Studie. „Die Ergebnisse deuten auf mehrere Regionen im Genom hin, die mit hoher Wahrscheinlichkeit an der Entstehung der Schizophrenie beteiligt sind“, kommentiert Privat-Dozent Cichon.

Beteiligung von Genen des Immunsystems

Professor Dr. Marcella Rietschel © Zentralinstitut für Seelische Gesundheit

Auf Chromosom 6 wurden Assoziationen mit mehreren Markern gefunden, die die Region des „MHC" (= major histocompatibility complex) Komplexes umspannen. Diese Region enthält viele Gene, die für das Immunsystem des Menschen eine große Bedeutung besitzen. „Diese Befunde unterstützen eine schon seit langem bestehende Hypothese, dass das Immunsystem eine Rolle bei der Entstehung schizophrener Psychosen spielen könnte", meint Professor Rietschel. Diese Hypothese beruht sowohl auf klinischen Beobachtungen, z.B. dass Virusinfekte im zweiten Trimenon der Schwangerschaft mit einer erhöhten Rate an Geburten später schizophren Erkrankter einhergeht, als auch auf früheren Berichten von Kopplungs- und Assoziationsbefunden von Schizophrenie mit Markern aus dieser Region.
 
Weiterhin wurden in dieser Studie deutliche Hinweise für die Beteiligung genetischer Varianten in den Genen für Neurogranin auf Chromosom 11q24.2 und für den Transkriptionsfaktor TCF4 auf Chromosom 18q21.2 an der Entstehung der Schizophrenie gefunden. Diese Gene sind in Stoffwechselwege eingebunden, die eine Rolle bei der Gehirnentwicklung, dem Gedächtnis und der Kognition spielen. Störungen des Gedächtnisses und der Kognition sind, neben denen der Allgemeinheit bekannten Phänomenen Wahn und Halluzination, die wesentlichen Symptome, die das Krankheitsbild einer Schizophrenie kennzeichnen. Die Autoren hoffen, dass ihre Befunde Ansatzpunkte für die Entwicklung neuartiger Therapien liefern werden.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/genomweite-studie-zur-entstehung-der-schizophrenie