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Grenzüberschreitender Kampf gegen Krebs

Jährlich erkranken über 420.000 Menschen an Krebs, doch Krebs muss heute kein Todesurteil mehr sein. Dank neuer Medikamente und Therapien können immer mehr Menschen von der tückischen Krankheit geheilt werden. Doch dies ist nur aufgrund der Arbeit vieler Mediziner, Biologen und Pharmazeuten möglich, die unermüdlich an neuen Behandlungsmethoden und Therapien forschen. Auch in der Bodenseeregion gibt es neben einem breiten Behandlungsangebot für Krebspatienten gleich mehrere Institute und Unternehmen, die sich mit großem Erfolg der Krebsforschung widmen.

Dr. Daniel Legler vom Biotechnologie Institut Thurgau in Kreuzlingen (Foto: BITg)
Galt Krebs lange Zeit als unheilbar und konnten Krebserkrankungen meist nur in den großen Uni-Kliniken behandelt werden, so hat sich mittlerweile vieles verändert. Durch Vorsorgeuntersuchungen können viele Erkrankungen schon frühzeitig erkannt und behandelt werden und Ärzte und Kliniken sind mit immer besseren Methoden und Therapien darauf vorbereitet. Auch am Bodensee haben sich in den letzten Jahren viele Kliniken auf die Behandlung von Krebspatienten spezialisiert. So entstanden klinikübergreifende Kooperationen, onkologische Schwerpunkte, bei denen Ärzte, Krankenhäuser und Pflegedienste eng zusammenarbeiten sowie Brust- und Tumorzentren. Die meisten Patienten müssen so keine weiten Wege mehr auf sich nehmen, sondern können vor Ort optimal betreut werden. Neben den vielfältigen Behandlungs- und Betreuungsangeboten wird dem Krebs aber auch von einer anderen Seite her der Kampf angesagt. Mehrere renommierte Institute und Unternehmen am Bodensee widmen sich erfolgreich der Krebsforschung und zeigen, dass die Region mehr zu bieten hat als Tourismus und See, und dass sie durch die vielfältige Ansiedlung von Industrie, Wissenschaft, Technologie und Forschung mit anderen großen Zentren durchaus mithalten kann.

Wissenschaftsstandort Bodensee

Zu diesem Zweck wurde vor einiger Zeit das Biotechnologie-Netzwerk BioLAGO gegründet, das den Hochschulen, Unternehmen und Instituten rund um den Bodensee eine gemeinsame Plattform bietet. Ziel des Vereins ist es, den Austausch der in der Region ansässigen Firmen zu fördern sowie neue Unternehmen an den See zu locken. Der Verein BioLAGO umfasst 32 Mitglieder, darunter auch einige, die in der Krebsforschung tätig sind, wie beispielsweise das Pharmaunternehmen Nycomed, die Universität Konstanz oder das Biotechnologie Institut Thurgau (BITg). Diese und einige weitere forschende Institute am See möchten wir hier näher vorstellen.

Medizinische Grundlagenforschung an der Universität konstanz

Die Universität Konstanz besitzt zwar keine medizinische Fakultät, doch wird hier im Fachbereich Biologie medizinische Grundlagenforschung betrieben. Dabei gibt es mehrere Arbeitsgruppen, die sich mit dem Thema Krebs auseinandersetzen. Das Wissenschaftler-Team um Prof. Marcus Groettrup beispielsweise beschäftigt sich mit Prostatakrebs, dem häufigsten bösartigen Tumor bei Männern und der zweithäufigsten krebsbedingten Todesursache. Bereits in seinem letzten Forschungsprojekt entwickelte Groettrup eine Immuntherapie, bei der das Immunsystem des Patienten so stimuliert wird, dass die Immunzellen die Tumorzellen abtöten. Die Therapie wurde im Rahmen des Projektes in Zusammenarbeit mit der Onkologie des Kantonsspitals St. Gallen, die sich durch die regelmäßige Teilnahme an Studien und der Durchführung von Kongressen international einen exzellenten Ruf erarbeitet hat und in der Schweiz als renommiertes Zentrum für klinisch-onkologische Forschung gilt, an sechs Patienten getestet. Bei drei Patienten konnte der Krebs gestoppt oder gebremst werden – ein ermutigender Erfolg.

Das einzige Problem bei dieser Methode ist, dass spezielle patienteneigene Zellen gezüchtet werden müssen, was einen sehr hohen Aufwand bedeutet. Ein Aufwand, der so hoch ist, dass die Methode kaum zur klinischen Routine werden wird. Deswegen haben die Konstanzer Wissenschaftler nun gemeinsam mit Pharmazeuten der ETH Zürich eine Methode entwickelt, bei welcher der Vorgang der Präparation der Zellen direkt im Körper stattfindet und keine spezielle Züchtung mehr nötig ist. Mit dieser Methode wurden gute Ergebnisse erzielt, die nun weiter beobachtet und erforscht werden. Später soll die Methode dann in Kooperation mit dem Kantonsspital
Münsterlingen auch klinisch getestet werden.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Prof. Dr. Marcus Groettrup forscht am Lehrstuhl der Immunologie der Universität Konstanz. (Foto: Groettrup)
Eine Besonderheit der Universität Konstanz ist die grenzübergreifende Kooperation mit dem Biotechnologie Institut Thurgau (BITg) in Kreuzlingen, an dem ebenfalls angewandte immunologische Grundlagenforschung betrieben wird. Das BITg wurde 1999 als ein kantonales Forschungsinstitut mit akademischer Anbindung an die Universität Konstanz gegründet. Seit 2004 ist das BITg ein vom Bund anerkanntes Schweizer Forschungsinstitut und wird von diesem auch finanziell unterstützt. Das BITg beherbergt zwei Forschungsgruppen, die von Dr. Daniel Legler und Prof. Dr. Marcus Groettrup geleitet werden. Die Gruppe Legler befasst sich hauptsächlich mit der Erforschung der Wanderung von humanen dendritischen Zellen als Grundlage zur Entwicklung neuer natürlicher Tumorimpfungen. Die Gruppe Groettrup befasst sich auch hier mit der Entwicklung der Immuntherapie gegen das Prostatakarzinom. Warum die Universität Konstanz, aber auch andere Unternehmen ihre Kooperationen und Studien häufig mit Schweizer Spitälern durchführen, hat neben der erfolgreichen und guten Zusammenarbeit noch einen weiteren Grund. Wegen der hohen bürokratischen Hürden ist es in Deutschland sehr viel schwerer, neue Therapien oder Medikamente klinisch zu testen. In der Schweiz laufen diese Prozesse trotz ebenso gründlicher Prüfung wesentlich unbürokratischer ab, so Prof. Dr. Marcus Groettrup. Ein deutlicher Standortvorteil für die forschenden Institute am See.

Intensive Krebsforschung in der Schweiz

Neben der Uni Konstanz und dem BITg gibt es in der Region noch weitere Institute, die in der Krebsforschung tätig sind. So zum Beispiel das Institut für Pathologie des Kantonsspitals Münsterlingen (ein Betrieb der Spital Thurgau AG), das neben Diagnostik und Qualitätssicherung auch Ursachenforschung in Studien betreibt. Dabei werden Patientendaten und Befunde auf Häufigkeiten untersucht, wodurch Hinweise auf Gründe und Auslöser für Krebserkrankungen und Todesfälle gefunden werden können. Diese können dann wiederum von Grundlagenforschern untersucht werden. Die Ursachenforschung leistet so wichtige Beiträge zur Krebsforschung und fungiert als Bindeglied zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung. Für klinische Forschung, aber auch für Laborforschung ist das Tumorzentrum ZeTuP in St. Gallen bekannt und anerkannt. Das 1998 gegründete Krebsvorsorge-, Frühdiagnostik- und Behandlungsunternehmen nimmt rege an nationalen und internationalen wissenschaftlichen Programmen teil und betreibt in den Bereichen der Behandlung und Prävention aktive eigene Forschung. Dies in enger Zusammenarbeit mit den Onkologiezentren an den Kantonsspitälern St. Gallen und Chur sowie der „Schweizerischen Arbeitsgruppe für Klinische Krebsforschung“ (SAKK) und auch mit dem BITg und der Universität Konstanz. Sowohl in der Vorsorge als auch in der Diagnostik, in der Therapie und in der Betreuung von Tumorkranken wurden am ZeTuP in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte erzielt.

Forschung, Entwicklung und Produktion

Weitere wichtige Bereiche der Krebsforschung sind die Medikamentenentwicklung und die industrielle Herstellung. Denn letztes Ziel der Forschung ist schließlich die routinierte Anwendung neuer Methoden und Mittel. Mit dem Pharmaunternehmen Nycomed ist auch dieses Gebiet am See vertreten. Der dänische Arzneimittelhersteller, der Ende 2006 das Pharmaunternehmen ALTANA Pharma mit Sitz in Konstanz übernommen hatte, ist neben der Produktion, dem Marketing und dem Vertrieb auch aktiv in der Forschung und Entwicklung tätig. Ein hochmodernes Forschungszentrum befindet sich in Konstanz, an dem mehr als 600 Wissenschaftler in den Kernkompetenzbereichen Atemwegs-, Magen- Darm- und Krebserkrankungen nach neuen Therapien suchen und innovative Arzneimittel entwickeln. Gerade im onkologischen Bereich forschte bereits ALTANA sehr erfolgreich, sodass sich ein neues Medikament bereits seit Herbst 2007 in der ersten Phase der klinischen Prüfung befindet. Unklar ist nur, wie die Zukunft der onkologischen Forschung bei Nycomed aussehen wird, da der Konzern diesen Bereich wahrscheinlich nicht mehr weiterführen möchte. Fest steht jedoch, dass die viel versprechenden Forschungsansätze nach Übernahme durch einen Partner fortgeführt werden sollen. Auch werden Möglichkeiten zur Ausgründung eines neuen Biotechunternehmens geprüft.

Trotz vieler neuer Erkenntnisse, neuer Medikamente und der Einführung von Früherkennungsprogrammen stellen die Krebserkrankungen nach wie vor eine große Herausforderung für die Forschung dar. Der große „Durchbruch in der Krebsmedizin“ ist heute nur noch schwer zu erreichen, und Fortschritte in der Behandlung können nur in kleinen Schritten erfolgen und so gut wie nie für alle Krebsarten gleichzeitig erzielt werden. Doch können auch kleine Schritte zum Erfolg führen. Und einige dieser Schritte werden hier am Bodensee gemacht.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/grenzueberschreitender-kampf-gegen-krebs