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Großes Wissen für kleine Leute

Die Welt ist voller Fragen. Und für Kinder manchmal schwer zu verstehen. In den Vorlesungen der Tübinger Kinder-Uni erklären Wissenschaftler Naturwissenschaft und Mathematik, Geschichte oder Betriebswirtschaft einfach und alltagsnah.

Der Hörsaal im Tübinger Kupferbau ist zum Bersten voll. Und das schon eine viertel Stunde vor Vorlesungsbeginn. Es wird gekichert, Plätze besetzt, nach der besten Freundin Ausschau gehalten. Doch nicht Studenten sind an diesem heißen Sommer nachmittag in den Hörsaal gekommen, um sich eine Vorlesung anzuhören. Heute sind die Zuhörer zwischen 8 und 14 Jahre alt. Erwachsene sind keine zu sehen. Gespannt warten die Kinder darauf, bis der Professor endlich am Rednerpult auftaucht.

Wissen leicht gemacht

Kinder-Uni in Tübingen. Seit sieben Jahren geben Professoren aller Fachrichtungen Vorlesungen für Kinder. Warum schlägt das Herz? Warum regnet es? Oder warum kann man manchmal seinen Augen nicht trauen? Alltagsphänomene erklären Experten ganz kindgerecht, einfach und anschaulich. Die Idee zur Universität für den wissbegierigen Nachwuchs hatten 2002 Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen. Gemeinsam mit dem Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Tübingen, Michael Seifert, tüftelten die beiden Redakteure des Schwäbischen Tagblatts an einem Konzept, wie man das vermeintlich exklusive Wissen der Akademiker für Kinder nutzen könnte. Kids aller Schularten sollten außerhalb des Schulunterrichts etwas lernen und gleichzeitig Spaß haben. Echte Professoren bekamen die Aufgabe zu erklären, warum Vulkane Feuer speien, warum man über Witze lachen muss oder warum die Dinosaurier ausgestorben sind. Inzwischen kommt das einstige Experiment Kinder-Uni europaweit gut an. Nahezu jede Hochschule hat eine Kinder-Uni im Semesterprogramm. Von Wien bis Rostock, von Berlin bis Basel: In über 70 Universitätsstädten gibt es das Tübinger Modell der Kinder-Uni. Im Jahr 2005 erhielt das Konzept den Descartes-Preis, eine der höchsten Auszeichnungen für wissenschaftliche Projekte der Europäischen Union.
Mit Schulkindern voll besetzter Hörsaal der Kinder-Uni Tübingen.
Das Tübinger Modell der Kinder-Uni wird inzwischen in mehreren europäischen Ländern über 70 Mal nachgeahmt (Foto: David Haas/ Uni Tübingen)

Nachhaltiges Lernen

Kinder wollen die Welt entdecken. Doch lange still sitzen können sie nicht. Deshalb bedarf ein Vortrag für die Kinder-Uni einer besonderen Vorbereitung. Im vergangenen Sommersemester fragten die Organisatoren zum Thema Bakterien bei Karl Forchhammer an. Der Professor für Mikrobiologie und Organismische Interaktionen an der Fakultät für Biologie der Universität Tübingen überlegte nicht lange, welche Alltagsphänomene er erklären könnte. „Die Kinder stellen sich nicht die Frage, warum die Bakterien da sind. Sie können sie ja nicht sehen“, sagt Forchhammer. „Kinder wollen jedoch sehr wohl wissen, warum die Milch sauer wird. Oder der Käse schimmelt.“ So referierte der Mikrobiologe 45 Minuten lang über die Prozesse und Phänomene, die durch Bakterien ausgelöst werden und die jeder aus dem Alltag kennt. Die Neugier der Kinder war geweckt und sie wollten mehr wissen. Warum wachsen Bakterien langsamer, wenn sie in einer kühlen Umgebung leben? Und was passiert mit ihnen, wenn sie eingefroren werden? Forchhammer war beeindruckt von der Begeisterung der Kinder.

Wissen mit Botschaft

Prof. Christiane Nüsslein-Volhard bei ihrem Vortrag " Warum darf man Menschen nicht klonen?" (Foto: David Haas/ Uni Tübingen)
Gebannt folgten die Kinder den Erklärungen des Professors. Fasziniert staunten sie über die bunten Bilder der sich verändernden Bakterien. Kicherten, wenn bizarre Formen an die Wand projiziert wurden. Die Kinder-Uni ist mehr als nur Wissensvermittlung. „Die Kids können die Prozesse besser einordnen“, sagt Forchhammer. „Und somit verstehen sie beispielsweise auch, warum Hygiene so wichtig ist.“ Auch der eine oder andere Fachbegriff darf eingestreut werden. Kinder lieben Expertenvokabular. Photosynthese, Zellteilung oder Induktion sind Begriffe, die die Kinder wie Trophäen nach Hause tragen. Dort erklären sie den Erwachsenen, was sie in der Vorlesung gelernt haben.
Die meisten Kinder erfahren über ihre Eltern von der Kinder-Uni. Freiwillig sind sie trotzdem hier. Das ist auch eines der obersten Gebote der Veranstalter. Kein Kind soll von übereifrigen Eltern gezwungen werden, zur Kinder-Vorlesung zu gehen. Neugier und Interesse der Kinder stehen an erster Stelle. Nur so kann Wissen auch nachhaltig an die Jungstudenten weitergegeben werden.

Rätsel der Welt lösen

Die Kinder-Uni soll so authentisch wie möglich sein. Die Erfinder Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen sorgen dafür, dass es auch wie an einer richtigen Uni zugeht: Jedes Kind bekommt einen Studentenausweis, einen Teilnahmeschein und zum Schluss klopfen die Kleinen auf die Bänke, die akademische Art des Applauses. Für jede besuchte Vorlesung gibt es einen Stempel. Und wie bei der großen Uni verleihen die Kinder ihrem Lieblingsprofessor am Ende den Kinder-Uni-Lehrpreis.
Ein Schüler vorn am Rednerpult mit einem Professor während seines Vortrags zum Thema "Warum raufen Jungs und sind Mädchen zickig?"
Die Kinderuni soll die Kinder schon frühzeitig ermuntern, mitzudenken und ihre kindliche Neugier auszuleben (Foto:David Haas/ Uni Tübingen)
Am liebsten sehen es die Kinder, wenn scheinbar triviale Fragen beantwortet werden. Warum rutschen Autos? Warum sind Seifenblasen rund? Warum wachsen Pflanzen? Wissenschaftler und Kinder haben hier den gleichen Anspruch. Beide begeben sich auf die Spur, die Geheimnisse und Rätsel der Welt zu ergründen. Zwischen Neugier und Erfahrung werden sowohl erkenntnisorientierte als auch anwendungsbezogene Forschung erklärt.
Kinder und Universitäten profitieren gleichermaßen von dem Konzept. Denn neben dem Lerneffekt für die Kinder kann die Universität sich als offene Institution präsentieren und Einblicke in das eigene wissenschaftliche Arbeiten gewähren.

Der krönende Abschluss der Kinder-Uni in diesem Jahr war der so genannte Forschertag. Auch Karl Forchhammer öffnete an diesem Tag die Türen zu seinen Laboratorien. Hier konnten die Kinder unter dem Mikroskop mit angeschlossener Bildübertragung unter Anleitung mikroskopische Präparate herstellen. Anschließend analysierten Kinder und Professor die Ergebnisse. Die Kinder konnten so selbst forschen und Mikroorganismen in verschiedenen Lebensformen in Joghurt oder Speichel aufspüren. Bereits Wochen vorher war der Workshop bei Forchhammer ausgebucht. Den Kindern, die dabei waren, hat’s gefallen. Viele von ihnen haben sich fest vorgenommen, nun regelmäßig an die Uni zu gehen.

tt - 25.07.2008
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
Die Kinder-Uni
Warum können Ärzte heilen? Warum haben wir einen kleinen Mann im Ohr? Warum darf man Menschen nicht klonen? Antworten auf diese und viele andere Fragen haben die Erfinder der Kinder-Uni Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel in zahlreichen Büchern für jedes Semester der Tübinger Kinder-Uni zusammengestellt. Die Bücher sind preisgekrönt. Unter anderem wurden sie von Bild der Wissenschaft zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2003 ernannt und für den Deutschen Bücherpreis nominiert. Bis jetzt wurden die Bücher in 15 Sprachen übersetzt. Die nächste Kinder-Uni startet im Wintersemester 2008 / 2009.

Buchtipps:
Ulrich Janßen, Ulla Steuernagel. Die Kinder-Uni, alle erschienen bei dtv.
Ulrich Janßen, Klaus Werner. Hat der Weltraum eine Tür? Die Kinder-Uni erkärt die Geheimnisse des Universums, 2007, DVA.
Ulla Steuernagel: Tohuwabohu. Die Kinder-Uni erklärt Ordnung und Chaos, 2007, DVA.
Weitere Informationen zum Beitrag:
Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen
Daimlerstraße 13
72074 Tübingen
E-Mail: post@die-kinder-uni.de
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/grosses-wissen-fuer-kleine-leute