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Künstliche Leber für Medikamententest

Die Leber ist eines der wichtigsten Stoffwechselorgane des Menschen. Die Fraunhofer-Forscherinnen Johanna Schanz und Heike Mertsching entwickelten ein Lebermodell, das außerhalb des Körpers funktionsfähig und geeignet zum Testen von Medikamenten ist. Dafür erhielten sie den mit 10.000 Euro dotierten Technologiepreis - Technik für den Menschen.

Heuschnupfen, Kopfschmerzen oder eine Erkältung – kurz ist der Weg in die nächste Apotheke. Die Entwicklung der Medikamente kann hingegen acht bis zehn Jahre dauern. Ein bislang wesentlicher Schritt sind Tierversuche – die immer wieder ethische Probleme aufwerfen. »Unsere künstlichen Organsysteme zielen darauf ab, eine Alternative für Tierversuche zu bieten«, sagt Prof. Heike Mertsching vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart. »Zumal der Stoffwechsel von Mensch und Tier unterschiedlich ist. 30 Prozent aller Nebenwirkungen treten erst in klinischen Studien zutage.«

Dr. Johanna Schanz (li.) und Prof. Heike Mertsching © Fraunhofer/Dirk Mahler

Das Testsystem, das Prof. Mertsching gemeinsam mit Dr. Johanna Schanz entwickelt hat, soll Pharmafirmen zukünftig höhere Sicherheit bieten und den Weg zum neuen Medikament verkürzen. Für ihre Leistung erhalten die beiden Forscherinnen den Preis »Technik für den Menschen«. Das innovative Lebermodell der Fraunhofer-Forscherinnen wurde am 23. Juni 2009 in der Tagesschau (ARD) vorgestellt.

»Das Besondere an unserem Lebermodell ist ein funktionsfähiges System von Blutgefäßen«, sagt Dr. Schanz. »Damit schaffen wir den Zellen eine natürliche Umgebung.« In herkömmlichen Modellen fehlt das, die Zellen werden schnell inaktiv. »Dafür bauen wir keine künstlichen Adern, sondern nutzen vorhandene - aus einem Stück Schweinedarm.« Alle Zellen vom Schwein werden entfernt, aber die Blutgefäße bleiben erhalten. Dann werden menschliche Zellen angesiedelt: Hepatozyten, die wie im Körper für den Um- und Abbau der Medikamente zuständig sind, und Endothelzellen, sie dienen als Barriere zwischen Blut und Gewebezellen. Um Blut und Kreislauf zu simulieren, stecken die Forscherinnen das Modell in einen eigens entwickelten, computergesteuerten Bioreaktor mit Schlauchpumpen. So kann die Nährlösung zu- und abgeleitet werden, wie bei Menschen über Vene und Arterie. »Bis zu drei Wochen waren die Zellen aktiv«, so Dr. Schanz. »Diese Zeit war ausreichend, um die Funktionen zu analysieren und auszuwerten. Eine längere Aktivität ist aber möglich.« Die Forscherinnen stellten fest: Die Zellen arbeiten ähnlich wie im Körper. Sie entgiften, bauen Medikamente ab und Proteine auf. Wichtige Voraussetzungen für Medikamententests oder Transplantate. Denn beim Um- oder Abbau kann sich die Wirkung eines Stoffs verändern - manche Medikamente werden erst in der Leber in ihre therapeutisch aktive Form umgewandelt, bei anderen können giftige Stoffe entstehen.

Die grundlegenden Möglichkeiten der Gewebemodelle - Leber, Haut, Darm oder Luftröhre - konnten die Forscherinnen nachweisen. Derzeit erfolgt die Prüfung des Testsystems. In zwei Jahren könnte es damit eine sichere Alternative zum Tierversuch geben.

Technologiepreis - Technik für den Menschen
Die ehemaligen Vorstände und Institutsleiter der Fraunhofer-Gesellschaft sowie mit ihnen assoziierte externe Förderer loben diesen Preis aus. Er wird alle zwei Jahre - im Wechsel mit dem Preis des Stifterverbands - an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vergeben, die mit ihren Forschungs- und Entwicklungsleistungen maßgeblich dazu beigetragen haben, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern und deren Leistungsfähigkeit im täglichen Leben und auch im Alter zu erhalten. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wurde am 23. Juni anlässlich der Jahrestagung der Fraunhofer-Gesellschaft in München verliehen.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/kuenstliche-leber-fuer-medikamententest