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Marcus Groettrup: Entdecker im Reich der Zellen

Seit Jahren nimmt Marcus Groettrup die täglichen Abwehrschlachten des menschlichen Immunsystems unter die Lupe. Jetzt hat der Konstanzer Forscher einen Stoff gefunden, der auch die Behandlung von Rheuma revolutionieren könnte.

Prof. Marcus Groettrup ist Immunologe an der Universität Konstanz © Uni Konstanz

Manchen Entdeckern reicht ein kleines Reich für große Würfe. Eine halbe Etage in der Universität ist dem Konstanzer Forscher Marcus Groettrup genug, um in seinen Labors eine Revolution loszutreten, von der am Ende Millionen von Rheumapatienten profitieren könnten. Der Biochemiker hat mit einem fünfköpfigen Team gefunden, wonach die ganze Forscherwelt jahrelang gesucht hat: den Wirkstoff, mit dem sich möglicherweise Krankheiten wie Rheuma oder Multiple Sklerose wirksam und sanft behandeln lassen (siehe Infoleiste rechts).

Bislang ist die Wirkung zwar nur an Mäusen nachgewiesen, doch Groettrup ist zuversichtlich. „Die Wahrscheinlichkeit, dass der Stoff auch bei Menschen wirkt, ist sehr hoch“, schätzt der 45-Jährige, der seit sieben Jahren den Lehrstuhl für Immunologie an der Universität Konstanz leitet. Dennoch ist nicht sicher, dass sich Groettrups Entdeckung irgendwann in einem Medikament niederschlägt. „Es ist möglich, dass bei Menschen Nebenwirkungen auftreten, die wir an Mäusen nicht beobachten“, dämpft er mit Blick auf die bevorstehenden klinischen Studien mit Versuchspersonen allzu große Hoffnungen.

Wirkstoff vielfältig einsetzbar

Die Freude und der Stolz über den Erfolg ist Groettrup anzusehen. „Das Forschen ist oft frustrierend. Da bin ich natürlich sehr glücklich, dass wir hier einen Volltreffer gelandet haben“, freut sich der gebürtige Bremer. Die entscheidenden Versuche liegen bereits drei Jahre zurück, und wie so oft bei wegweisenden Entdeckungen spielte auch damals der Zufall eine entscheidende Rolle. Eine interessante Beobachtung während eines Experiments mit Mäusen setzte Groettrups Forscherteam auf die richtige Spur. An deren Ende fanden sie einen Wirkstoff, der bei Mäusen Entzündungen bei Autoimmunkrankheiten gezielt stoppen kann, ohne gleich das ganze Immunsystem auszuschalten.

PR-957 ist der wenig spektakuläre Name dieses Wirkstoffes. Hergestellt wird er von der kalifornischen Biotechnologie-Firma Proteolix, die ihn eigentlich zur Behandlung von Leukämiepatienten entwickelt hatte. Weil er dort aber nicht die erwünschte Wirkung zeigte, klopften die Amerikaner – inzwischen auf Groettrups Forschung aufmerksam geworden – in Konstanz an, um andere Einsatzmöglichkeiten für den Stoff testen zu lassen. Und tatsächlich: Sein Team bewies die Wirksamkeit von PR-957 nicht nur bei rheumatoider Arthritis und einer Form der Zuckerkrankheit, sondern auch bei den Entzündungskrankheiten Multiple Sklerose und Morbus Crohn.

Der Durchbruch ist auch ein Kind der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit von Wissenschaftlern. Am Forschungserfolg maßgeblich beteiligt war Michael Basler vom Kreuzlinger Biotechnologie Institut Thurgau, das an die Uni Konstanz angegliedert ist.

Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Medicine“ am 14. Juni hat auch das Rennen um die Entwicklung des Medikamentes begonnen, in den das US-Unternehmen Proteolix mit der Vorbereitung der klinischen Studien eingestiegen ist. Groettrup ist an diesen Studien nicht beteiligt. Bis es das Medikament in der Apotheke gibt, können nach seiner Einschätzung noch vier bis fünf Jahre vergehen – vorausgesetzt, es treten keine unerwarteten Hindernisse auf. Ob er die weitere Entwicklung nicht lieber als hochdotierter Industrieforscher weitertreiben möchte? Der Familienvater, der mit seiner Frau und zwei Kindern in Konstanz wohnt, winkt ab. „Ich mag die Kombination von Forschung und Lehre sehr. Mir fehlt hier an der Universität nichts.“ Für die Eltite-Uni Konstanz ist es nicht schlecht, wenn der Entdecker Groettrup weiter am See forscht. In seinem kleinen Reich.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/marcus-groettrup-entdecker-im-reich-der-zellen