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MedicalMountains gründet Expertentreffen für die Medizintechnikbranche

Arbeitskreise packen die Themen von morgen an: Wie sieht die Zukunft der Medizintechnik aus? Welche Technologien, Innovationen und Trends müssen medizintechnische Unternehmen heute schon aufgreifen, damit sie morgen noch wettbewerbsfähig sind? Mit diesen und vielen weiteren, hoch spezialisierten Fragen werden sich sieben Fachgruppen – sogenannte Expert Tables – befassen, die unter dem Dach des Tuttlinger Industrieclusters MedicalMountains gegründet wurden.

Clustermanagerin Yvonne Glienke von der MedicalMountains AG hat die Expertentreffen jetzt ins Leben gerufen und die regionale Medizintechnikbranche dazu eingeladen. Mehr als 80 Unternehmen nahmen an der ersten Präsentation der Initiative in der Beruflichen Bildungsstätte Tuttlingen (BBT) teil. „Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen ohne Forschungsabteilung können die geschlossenen Arbeitskreise nutzen, um sich neue Impulse zu holen und Kooperationsmöglichkeiten zu entdecken“, rät Yvonne Glienke. Ausgewiesene Experten aus regionalen Forschungszentren und Hochschulen, von der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg und vom Kunststoffinstitut Südwest werden die Arbeitskreise moderieren und den teilnehmenden Firmen helfen, in die Zukunft zu schauen.

Welche Brisanz hinter neuesten Technologien steckt, machte Dr. Thomas Link von der MicroMountains Applications AG aus Villingen-Schwenningen zu Beginn der Präsentation deutlich. Er wies unter anderem darauf hin, dass man inzwischen Prothesen und chirurgische Instrumente preiswert, schnell und mikrometergenau in dreidimensionalen Druckern herstellen kann. In Shanghai entstünden gerade 30 Labors, die solche 3D-Druckverfahren weiterentwickeln sollen. Die Medizintechnikunternehmen in der Region setzen dagegen überwiegend noch auf klassische Metallbearbeitung und teure Maschinen. Ähnliche Umwälzungen erwartet Dr. Link von der Anwendung extrem verkleinerter Sensoren, Chips und Dosiersysteme. In einem Expertenkreis für Mikromedizin will Dr. Link zusammen mit den interessierten Unternehmen erkunden, welches Potenzial in der Miniaturisierung steckt und welche Visionen der Medizintechnik sich damit verwirklichen lassen.

Kooperations- und Automatisierungsmöglichkeiten

Egon Warfia von der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg betonte, dass die Medizintechnik mit Fernost immer stärker konkurriere. Mit flexibler, automatisierter Fertigung und gemeinsam genutzten, rentablen Produktionsmodulen könne die Tuttlinger Industrie dem Wettbewerbsdruck begegnen. „Wir brauchen eine Stärkung des Produktionsstandortes. Das setzt die Bereitschaft zur Kooperation voraus“, sagte Warfia. Der von ihm geleitete Expertenkreis wird Kooperations- und Automatisierungsmöglichkeiten suchen. Welche Hebelwirkung offene Innovationsprozesse erzielen können, verdeutlichte IHK-Projektleiterin Melanie John. Beispielsweise könne man über geeignete Internetplattformen weltweit Chirurgen nach ihren Wünschen befragen oder Experten aus anderen Branchen um Verbesserungsvorschläge für medizintechnische Produkte bitten. Auf diesem Wege – Open Innovation genannt – ließen sich viele Ideen für sinnvolle Neuentwicklungen hereinholen. Melanie John wird einen Expert Table leiten, der sich mit der Einführung von Open Innovation in der Medizintechnik befasst.

Dr. Rainer Günzler vom Institut für Mikro- und Informationstechnik der Hahn-Schickard-Gesellschaft (HSG-IMIT) in Villingen-Schwenningen wies auf einen Megatrend hin: Innovative Dienstleistungen und Entwicklungen aus der Medizintechnik könnten den Menschen helfen, auch im betagten Alter möglichst lange und unabhängig zu Hause zu wohnen und trotzdem rundum versorgt zu sein. „Ein Alarm-Armband könnte ein Produkt aus unserer Region sein“, wies Dr. Günzler auf Marktchancen hin. Nachweislich ließen sich Krankenhausaufenthalte von Herz-Kreislauf-Patienten um 20 bis 40 Prozent verkürzen, wenn man die entsprechende Medizintechnik und Sensorik in der Wohnung der Betroffenen einsetze und Krisen mit Hilfe von Fernabfragen frühzeitiger erkenne. Die Region verfüge über alle Kompetenzen, um die nötigen Produkte zu entwickeln und zu testen. Der von Dr. Günzler geleitete Expert Table soll Ideen für solche Produkte sammeln und Entwicklungsmöglichkeiten ausloten.

Kunststoffe, Oberflächenveredelung und intelligente Instrumente

Weitere Expertengruppen werden sich mit dem Einsatz von Kunststoffen, der Veredelung von Oberflächen und intelligenten Instrumenten befassen. Beim Thema Kunststoffe geht es nicht nur um Technik, sondern auch ums Aussehen, wie Thomas Eulenstein vom Kunststoff-Institut Südwest aus Villingen-Schwenningen berichtete. Sein Hinweis: Medizintechnik spielt heute auch in Sportstudios und Wellnesshotels eine Rolle. Allerdings gelten dort andere Designanforderungen als in Kliniken. In der Medizintechnik nehme der Einsatz von Kunststoffen und Werkstoffkombinationen aus Kunststoff und Metall zu. Der Expertenkreis werde sich daher mit Materialanforderungen, Produktionsverfahren, Design, medizinischen Prüfungen und ähnlichen Fragen befassen.

Auch die Oberflächentechnologie kann der Medizintechnikbranche noch Ideen für neue Produkte und Marktchancen liefern, betonte Prof. Dr. Volker Bucher vom Campus Tuttlingen der Hochschule Furtwangen. Beispielsweise könne der Expertenkreis nach antiallergenen Beschichtungen suchen, nach Verkapselungstechniken für intelligente Implantate oder nach Innovationen, die das Einwachsen von Stents ins Körpergewebe erleichtern. Für den Expertenkreis Intelligente Instrumente schlug Dr. Stephan Messner vom HSG-IMIT vor, gemeinsam neue Forschungsvorhaben zu verfolgen, aus denen sich nützliche Innovationen für die Tuttlinger Industrie ableiten lassen.

„Die Expert Tables sind für uns ein notwendiger Schritt“, bestätigten Teilnehmer der Eröffnungsveranstaltung. Gerade die kleinen Unternehmen der Medizintechnikbranche könnten in diesen Arbeitskreisen lernen, über ihren Horizont hinauszuschauen. „Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass man in der Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen, mit Experten aus anderen Branchen oder mit Netzwerken sehr schnell Fortschritte erzielen kann“, berichtete ein Unternehmer. Ein Implantathersteller betonte jedoch: „Es ist sicher notwendig, sich gemeinsam um neue Technologien zu kümmern. Die traditionelle Wettbewerbssituation hier vor Ort setzt uns aber enge Grenzen.“ Man werde sich die Teilnehmer der Expertenkreise genau anschauen müssen, bevor man sich engagiere.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/medicalmountains-gruendet-expertentreffen-fuer-die-medizintechnikbranche