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Regine Peschka-Süss will gentherapeutische Arzneimittel in Zellen lotsen

Einige Wissenschaftler wissen genau, auf welche Karriere sie am Ende hinauswollen – nicht so Prof. Dr. Regine Peschka-Süss von der Universität Freiburg. Immer wieder tritt die Pharmazeutin einen Schritt aus ihrem Tagesgeschäft heraus und prüft, ob sie auf dem richtigen Weg ist. Dass sie heute mit ihrer Arbeitsgruppe versucht, Träger für gentherapeutische Arzneimittel medizinisch und industriell zu optimieren, ist für sie genau richtig, sonst wäre sie nicht da, wo sie heute ist. Und was würde sie machen, wenn sie plötzlich an einer anderen Universität einen eigenen Lehrstuhl angeboten bekäme?

Prof. Dr. Regine Peschka-Süss (Foto: privat)
Ursprünglich wollte die 1965 in Fulda geborene Prof. Dr. Regine Peschka-Süss vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Freiburg Lehrerin werden. Aber nach dem Abitur 1984 reiste und jobbte sie ein halbes Jahr lang und dachte über ihre Zukunft nach. Schließlich entschied sie sich für ein Pharmaziestudium in Mainz, weil diese Disziplin - wie keine andere - Fächer wie Chemie, Biologie, Technologie und Medizin vereint. „Schon komisch, dass ich heute dann doch wieder Vorlesungen halte“, lacht die Wissenschaftlerin. Überhaupt lacht sie viel und unbekümmert, sie scheint zufrieden mit ihrer Lebenssituation. Es ist alles so gelaufen, dass es immer vorwärts ging. Und etwas anderes hätte sie wohl auch nicht zugelassen. „Ich lege immer wieder eine „schöpferische Pause“ ein und prüfe, was ich gerade tue und was auf mich zukommt“, sagt sie. „Ich bin niemand, der von Anfang an weiß, wie das Ziel auszusehen hat, ich wäge gerne ab, bevor ich mich entscheide.“

Fruchtbare Lehrjahre

Während ihres Studiums legte sie ein Auslandsemester in Buffalo im US-Staat New York ein und hängte daran eine Pause an, in der sie mit Freunden in einem Wohnmobil durch Amerika reiste und ihr Leben reflektierte. Sie war zufrieden. 1991 machte sie ihr Staatsexamen in Mainz und leistete ihr praktisches Jahr zunächst in einer Apotheke ab, danach in der Firma Merz & Co. in Frankfurt. Und hier fing sie Feuer für das wissenschaftliche Arbeiten. „Es war das erste Mal, dass ich selbstständig forschen konnte“, schwärmt die Pharmazeutin. „Es war so, wie man sich Forschung vorstellt, mit Ausprobieren und Herumdoktern.“ Die Firma Merz & Co. stellte damals schon wichtige Arzneimittel gegen Parkinson und Alzheimer her. Peschka-Süss untersuchte, wie man Wirkstoffe mit Hilfe von Lipidvesikeln (Liposomen) effizienter bei Hauterkrankungen einsetzen kann. Lipidvesikel sind Membranbläschen aus fettlöslichen Substanzen, die einen wässrigen Kern besitzen. Fettlösliche Medikamente lassen sich in den Membranen, wasserlösliche im Inneren deponieren. Wirkstoffe werden in den Vesikeln geschützt und können z.B. auch nach Injektion in die Blutbahn mit weniger Nebenwirkungen an den Zielort transportiert werden. „Es war damals ein innovatives Gebiet, kaum jemand in Deutschland hatte damit schon Erfahrung“, sagt Peschka-Süss.

Kaum jemand außer Prof. Dr. Rolf Schubert, damals Privatdozent an der Universität Tübingen und heute Peschka-Süss' Vorgesetzter am Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie in Freiburg. Prof. Schubert wurde 1992 der Promotionsbetreuer der Pharmazeutin, denn die Firma Merz & Co. bot ihr ein Promotionsstipendium an. In nur zweieinhalb Jahren schloss sie die Doktorarbeit im Labor von Merz & Co. ab und lernte dabei, worauf es in der Industrie wirklich ankommt. „Es nützt nichts, wenn man eine Methode oder Technologie entwickelt, mit der man am Ende nur einen Milliliter einer Präparation herstellen kann oder die nur im Labormaßstab funktioniert“, erklärt sie. „Außerdem ist es wichtig, die Richtlinien und Qualitätsstandards der „guten Arzneimittelherstellung und -kontrolle“ einzuhalten, sonst hat man am Ende kein registrierungs- bzw. vermarktungsfähiges Produkt.“ Diese Einsichten waren dann auch sehr hilfreich, als Peschka-Süss nach der Promotion 1994 Prof. Schubert nach Freiburg folgte, um dort eine eigene Arbeitsgruppe aufzubauen und sich zu habilitieren. „In Freiburg habe ich viel Zeit investiert, bis ich das richtige Thema gefunden hatte“, erklärt die heute 43-Jährige. „Ich habe gründlich recherchiert, was neu und viel versprechend sein könnte und was die Industrie interessieren würde, denn das ist für die finanzielle Unterstützung sehr wichtig.“

Lipidbläschen in der Krebsforschung

Solche Bläschen mit Lipidmembran werden als Liposomen bezeichnet und können zum Transport von Arzneistoffen, Genen oder Hemmstoffen für defektes Erbgut dienen (Abbildung: Prof. Dr. Regine Peschka-Süss)
Schließlich hatte sie ihr Thema: Gentherapie. Und hier kam ihr wieder das Know-how zugute, das sie sich während der Promotion erschlossen hatte. In der Gentherapie versuchen Wissenschaftler entweder, intaktes Erbgut in Zellen einzuführen, bei denen bestimmte Gene defekt sind, oder fälschlich aktive Gene mit Hilfe von eingeschleusten komplementären Sequenzen zu blockieren. So hoffen sie, Krankheiten wie Krebs, bei denen die genetischen Vorgänge gestört sind, zu beeinflussen. Beim Einschleusen der DNA können nun genau solche Arzneimittelträger helfen, wie sie Peschka-Süss bereits untersucht hatte: Vesikel aus Lipiden und/bzw. Polymeren. Deshalb forscht sie seit 1994 in Zusammenarbeit mit Polymerforschern, Medizinern und der Industrie, wie man solche Vesikel optimieren kann, damit das Blut sie zum richtigen Ort transportiert anstatt sie abzubauen und damit Tumorzellen sie aufnehmen und sie nicht gleich verdauen. Außerdem sucht sie nach Methoden, die Technologie auch in industriell verwertbaren Größenordnungen nutzbar zu machen.
Als Peschka-Süss' Habilitation 2001 abgeschlossen war, setzte ihr Vorgesetzter sich sehr stark dafür ein, dass sie eine feste Stelle am Freiburger Institut bekam. Und die Universität Freiburg bot ihr schließlich eine außerplanmäßige Professur an, also eine Anstellung ohne eigenen Lehrstuhl. Würde sie Freiburg verlassen, wenn eine andere Universität ihr einen eigenen Lehrstuhl offeriert? „Ich bin offen für Veränderungen, aber ich frage mich vor solchen Entscheidungen auch, ob das Neue das ist, was mich weiterbringt“, antwortet Peschka-Süss. „Ich konnte hier sehr viel aufbauen, eine gute Arbeitsgruppe, interessante interdisziplinäre Kooperationen, viele Drittmittelprojekte einwerben, und ich habe sehr nette und kompetente Kolleginnen und Kollegen. Das gebe ich nicht einfach auf für irgendeinen x-beliebigen Lehrstuhl. Außer Lametta auf der Schulter wäre da vielleicht nichts gewonnen.“ Es ist immer gut, eine Pause einzulegen und zu prüfen, wohin der Weg geht. Regine Peschka-Süss reist in ihrer Freizeit noch immer gerne. Außerdem geht sie gerne nach draußen und macht Sport. Das macht den Kopf frei, und so besinnt sie sich auf die Dinge, die wirklich wichtig sind.

mn – 01.09.08
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH

Weitere Informationen zum Beitrag:
Prof. Dr. Regine Peschka-Süss
Institut für Pharmazeutische Wissenschaften
Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie und
Biopharmazie
Sonnenstr. 5
79104 Freiburg
Tel.: +49 (0)761/203-6327
Fax:
+49 (0)761/203-6326
E-Mail: regine.peschka-suess@pharmazie.uni-freiburg.de



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