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Rückblick: MedicalMountains Innovationsforum 2012

Wo finden Medizintechnik-Unternehmen neue Marktchancen? Welche Technologien bieten das Potenzial für Produkte, die morgen gefragt sind? Hinweise lieferte das vierte Innovationsforum Medizintechnik, das die IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg Ende Oktober gemeinsam mit der Clusterorganisation MedicalMountains AG in Tuttlingen veranstaltete.

Mit 150 Teilnehmern war das MedicalMountains Innovationsforum wieder sehr gut besucht. © Michael Kienzler

"Die personalisierte Medizin ist eines unserer wichtigsten Zukunftsthemen", sagte Prof. Dr. Thomas Schmitz-Rode von der RWTH Aachen gleich zu Beginn des Forums und wies die 150 Teilnehmer auf eine Reihe entsprechender Marktchancen hin. Wichtig seien Entwicklungen, die dazu beitragen, individueller auf Bedürfnisse von Patienten eingehen zu können. Das funktioniere nur mit neuen Technologien. So benötige man miniaturisierte Analysesysteme, um schnell, kostengünstig und überall Diagnosen vornehmen zu können. Der Markt für solche Geräte sei bereits 2 Mrd. Euro groß und wachse weiter. Weitere Potenziale sieht er in der Telemedizin zur Fernüberwachung von Patienten, in Rettungsassistenzsystemen, Bioimplantaten oder in bildgebenden Verfahren, mit denen man in die Körperzellen schauen kann.

Trotz aller Kostendiskussionen räumten die Referenten neuen Ideen für die klinische Medizin gute Chancen ein. So berichtete Prof. Dr. Erwin Kleeve von der Berliner Charité über den Einsatz von Robotern im OP-Saal, die präzisere Röntgenaufnahmen ermöglichen. Dr. Oliver Schwarz vom Fraunhofer IPA in Stuttgart zeigte, wie sich die Kraftübertragung an chirurgischen Instrumenten mit Hilfe von Tricks aus der Natur verbessern lässt. Er berichtete über die Entwicklung einer Knochenstanze, die den Schluckmechanismus der Anacondaschlange imitiert. Diese Innovation reduziert den Kraftaufwand bei der Entnahme von Knochen- und Knorpelmaterial um 40 Prozent und beschleunigt die Arbeit des Chirurgen.

Die Innovationskraft der Medizintechnik

Bessere Oberflächen und Beschichtungen sind ebenfalls ein Zukunftsthema mit Wachstumspotenzial. Carlotta N. Dietel von Diener electronic aus Ebhausen stellte ein Niederdruckplasmaverfahren vor, das haltbare hydrophile Schichten auf Kunststoff erzeugt. Mit dieser Technik ließen sich zum Beispiel die Messstreifen innovativer Blutgerinnungsmessgeräte präparieren. Ergebnis: Die Patienten müssen nur noch einen kleinen Tropfen Blut auf den Messstreifen geben.

Berichtete über bioaktive Beschichtungen für Biomaterialien und Implantate - Rumen Krastev vom NMI Reutlingen © Michael Kienzler

Hartmut F. Jundt von Ritzi Lackiertechnik aus Tuningen berichtete über neuartige Funktionsbeschichtungen. Auf Metalloberflächen könnten sie dauerhaft 99,99 Prozent aller Bakterien abtöten - ein erheblicher Sicherheitsgewinn für Hersteller und Anwender von Medizintechnik. Gebündeltes Know-how in Sachen antibakterielle Oberflächen kann die Medizintechnikbranche beim Kunststoff-Institut Südwest in Villingen-Schwenningen abrufen. Dipl.-Ing. Siegfried Kaiser berichtete über den Aufbau einer entsprechenden Wissensdatenbank und wies darauf hin, wie akut die Forderung nach Keimfreiheit in Kliniken ist.

Dr.-Ing. Joachim Schulz vom Vorstand der Tuttlinger Aesculap AG nahm die Branche in seinem Eröffnungsreferat in Schutz: "Wir haben bereits ein hohes Innovationspotenzial." Die Medizintechnik sei ein Motor der Gesundheitswirtschaft und stehe vielleicht sogar am Beginn einer Revolution. Sie sei die Branche mit den meisten Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt. "Der Landkreis Tuttlingen ist ein Riese, wenn man die Innovationskraft und die Bedeutung der Medizintechnik anschaut", betonte auch der Tuttlinger Landrat Stefan Bär in seiner Begrüßung. Joachim Schulz wies allerdings auch darauf hin, dass die Medizintechnik immer komplexer werde. Der Aufwand für den Schutz von Erfindungen und für Zulassungsverfahren steige. Das hemme die Innovationskraft, so Joachim Schulz, und steigere die Risiken für mittelständische Unternehmen.
Informierten über das Angebot der MedicalMountains AG: Olivia Ostronkovic und Ulrike Viertel © Michael Kienzler

Trotzdem sollte die Medizintechnikbranche weiter intensiv forschen und neue Produkte entwickeln, riet Frederik Wouters von der belgischen Beratungsgesellschaft Verhaert. Allerdings sollten die Unternehmen die Art und Weise ändern, wie sie Innovationen hervorbringen. Sie sollten sich nicht länger auf Kliniken, deren Einkäufer und auf alte Geschäftsmodelle konzentrieren. Die Branche könnte im Alltag der Verbraucher nach neuen Anwendungsmöglichkeiten medizintechnischer Produkte suchen. Dort seien erhebliche Wertschöpfungspotenziale zu entdecken. Er empfahl, das Innovationstempo zu steigern. Man brauche im Durchschnitt 1500 Ideen, um ein neues Produkt erfolgreich auf den Markt zu bringen.

Um neue und schnellere Wege zu Innovationen ging es auch bei der Präsentation des von der EU geförderten OpenAlps Projekts, bei dem die IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg federführend ist. "Ideen haben keine Grenzen", lautet das Motto des Projekts, bei dem mittelständische Unternehmen lernen, wie sie externe Ideen und Erfindungen für ihre eigene Produktentwicklung nutzen. Zu den Partnern des Innovationsforums zählten darüber hinaus das BioValley Alsace, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft BIOPRO Baden-Württemberg, das Naturwissenschaftliche und Medizinische Institut an der Universität Tübingen (NMI) aus Reutlingen und die Hochschule Furtwangen (HFU). Die EU förderte das Forum über das Enterprise Europe Network und das Alpine Space Program.

Auf einen Blick - der Medizintechnik-Atlas für Baden-Württemberg

Emil Buschle (Erster Bürgermeister Stadt Tuttlingen), Yvonne Glienke (Clustermanagerin MedicalMountains AG), Thomas Albiez (Hauptgeschäftsführer IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg), Stefan Bär (Landrat des Landkreises Tuttlingen) v.l.n.r. © Michael Kienzler

Das Potenzial der regionalen Medizintechnikbranche dokumentiert der neue Atlas Medical Technology in Baden-Württemberg, den die Clusterorganisation MedicalMountains AG druckfrisch präsentierte. MedicalMountains-Managerin Yvonne Glienke kündigte an: "Damit wird unsere Branche weltweit bekannt gemacht. Wir versenden den Katalog an Kliniken, Einkaufsverbünde und große Praxen und verteilen ihn auf Fachmessen." Jedes fünfte Medizintechnikunternehmen aus dem Südwesten hat sich in die Erstausgabe des Katalogs eintragen lassen. Weiter Ausgaben sollen folgen. "Mit dem Medizintechnik-Atlas, Weiterbildungsangeboten, Messebeteiligungen und Experttables engagieren wir uns als Partner der Medizintechnikunternehmen. Wir bieten Leistungen zur Stärkung des Standortes, die der Markt bisher so nicht zur Verfügung stellt oder die von den Unternehmen nur in größeren Kooperationen darstellbar sind", erklärte IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Albiez die Arbeit der vor einem Jahr gegründeten Clusterorganisation MedicalMountains AG.

Landrat Stefan Bär und Tuttlingens Erster Bürgermeister Emil Buschle riefen die regionale Medizintechnikbranche anlässlich des Forums zur Kooperation auf. Die Unternehmen könnten nur profitieren, wenn sie ihr Know-how austauschen, so Stefan Bär. Emil Buschle betonte, dass es für die heimische Industrie besonders wichtig sei, auf Veranstaltungen wie dem MedicalMountains Forum Inspirationen zu sammeln: "Wie kaum eine andere Branche ist die Medizintechnik auf Innovationen angewiesen."

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/rueckblick-medicalmountains-innovationsforum-2012