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Rückblick: Pharma-Schwergewichte diskutieren bessere Patientenversorgung

Welche Herausforderungen und Potenziale ergeben sich für die IT im Bereich „Personalisierte Medizin“? Darüber diskutierten am 17. März 2011 bei Nycomed in Konstanz über 80 Forscher und Unternehmensvertreter auf Einladung der Netzwerke Baden-Württemberg: Connected (bwcon) und BioLAGO.

Über 80 Forscher und Unternehmensvertreter tauschten sich zum Zukunftsthema "Personalisierte Medizin" auf Einladung der Netzwerke BioLAGO und Baden-Württemberg: Connected (bwcon) beim Pharmaunternehmen Nycomed in Konstanz aus © BioLAGO

„One-Size fits all“ – nach diesem Motto wird bis heute vielfach bei einer Erkrankung bei jedem davon betroffenen Patienten das gleiche Medikament eingesetzt. Individuelle biologische Merkmale, bei deren Vorliegen ein Medikament gut, negativ oder gar nicht wirkt, finden nur selten Berücksichtigung. Ziel einer personalisierten Medizin ist es, das für einen bestimmten Patienten richtige Medikament zur richtigen Zeit in der richtigen Dosis einzusetzen, so die individuelle Wirksamkeit zu erhöhen und Nebenwirkungen möglichst zu vermeiden. Hierdurch entstehen zwar zusätzliche Kosten für die notwendigen diagnostischen Untersuchungen – gleichzeitig sinken aber die Folgekosten falscher Therapien entscheidend.

Die Erforschung und Entwicklung von sogenannten „Biomarkern“ weckt hier große Hoffnungen. Biomarker sind charakteristische biologische Merkmale, die auf einen normalen oder einen krankhaften Prozess im Körper hinweisen. Sie können unter anderem über genetische Informationen durch die Sequenzierung des menschlichen Genoms zugänglich gemacht werden und bilden die Basis für maßgeschneiderte, personalisierte Therapieformen. Außerdem zeigen arzneimittelbezogene Biomarker an, ob und wie ein Medikament bei einem ganz bestimmten Patienten voraussichtlich wirken wird.

Personalisierte Onkologie – Hoffnung für Schwerkranke

Das individuelle Genom eines Menschen enthält unter anderem auch den Schlüssel für die Beantwortung der Frage, warum eine gesunde Zelle eines Menschen zur Tumorzelle wird, und gibt auch Hinweise darauf, ob diese mit hoher Wahrscheinlichkeit Metastasen ausbilden wird. Durch die kostengünstige und schnelle Verfügbarkeit von individuellen genetischen Daten und deren Verknüpfung mit den physiologischen Vorgängen bei der Krankheitsentstehung und deren Therapie wächst das Wissen über diese Zusammenhänge explosionsartig. So erfordert die Sequenzierung eines menschlichen Genoms heute nur noch etwa einen Tag. Sie kostet zwar noch ca. 20.000 Euro – voraussichtlich wird der Preis bereits in den kommenden Jahren auf unter 1.000 Euro fallen. Die Genomsequenzierung und auch andere Verfahren (zum Beispiel proteinbasierte Biomarker) haben somit einen massiven Einfluss auf die Entwicklung neuer Medikamente, neuer Behandlungswege und auch die Zulassungsverfahren von neuen Medikamenten.

Immense Datenflut – das Recht am eigenen Genom

Die Vielzahl der Primärinformationen, die bei der Sequenzierung entstehen, zieht ein immenses Datenmanagementproblem nach sich. In immer kürzerer Zeit werden immer mehr Daten generiert. Die technische Leistungsfähigkeit, diese Daten zu verarbeiten und aufzuzeichnen, ist heute bereits verfügbar (Speicherplatz, schnelle Datenübertragung), doch mangelt es vielfach noch an geeigneten Systemen, um diese Daten für den klinischen Praktiker aufzubereiten und in verständlicher Form zu interpretieren und zu visualisieren.

Darüber hinaus stellen sich insbesondere datenschutzrechtliche und auch ethische Fragen: Wo und wie werden die gewonnenen Informationen gespeichert? Darf der Patient das sequenzierte Genom zum Beispiel auf einem Chip nach der Durchführung einer klinischen Studie oder Behandlung mit nach Hause nehmen? Welche weiteren ethischen und moralischen Aspekte müssen beachtet werden, damit die Informationen nicht durch Unbefugte missbraucht werden können? Hier sind ein gesamtgesellschaftlicher Kontext und der Gesetzgeber gefordert.

Biologie und IT - Zwei Welten wachsen zusammen

Zwischen den Vorträgen nutzten die Teilnehmer die Gelegenheit für Gespräche u.a. mit den Referenten wie zum Beispiel dem Keynote-Sprecher Prof. Christof von Kalle vom Deutschen Krebsforschungszentrum © BioLAGO

Die Biologie/Physiologie und die Informationstechnologie repräsentieren zwei völlig unterschiedliche Welten, die für eine weitere Verbesserung von Diagnose und Therapie zum Wohl der Patienten zusammengeführt werden müssen. Das gilt insbesondere für die Behandlung von Menschen mit komplexen Krankheitsbildern. Beide Welten verfügen über eine Vielzahl an Daten und Fakten, die verbunden durch das Verständnis der jeweiligen Anforderungen und Möglichkeiten und eingebunden in das medizinische Expertenwissen dazu beitragen können, moderne individuelle Therapien zu entwickeln und zu optimieren. Die Herausforderung besteht darin, eine Schnittstelle zwischen den vorhandenen Daten und dem Expertenwissen zu schaffen und dieses in den klinischen Alltag zu integrieren. Dazu sind spezielle Softwarelösungen nötig, die eine Analyse und Interpretation sowohl klassischer molekularbiologischer und genetischer Daten als auch der entsprechenden klinischen Parameter ermöglichen. Um die geeigneten Ansätze für die Softwareentwicklung festzulegen, ist eine frühe Zusammenarbeit zwischen Medizin und IT unbedingt erforderlich.

Neue Geschäftsmodelle für die IT

Um die dynamischen und komplexen Prozesse im Bereich der personalisierten Medizin wirkungsvoll zu unterstützen, wählen viele Pharmafirmen wie beispielsweise Nycomed heute in der präklinischen IT den Weg des „Outsourcing“ mit externen Partnern, die über spezielles Know-how verfügen. Durch neue Kooperationsmodelle wird in diesen Ansätzen internes Know-how gesichert und damit dem Verlust von Kernkompetenzen im Bereich Business-IT vorgebeugt. Zu diesen Ansätzen zählen unter anderem gemeinsam mit dem Auftragnehmer gegründete Projektgesellschaften, in denen auch Mitarbeiter der Pharmafirma arbeiten.

Vernetzung steht im Vordergrund – Fachforum als Wegbereiter

Die personalisierte Medizin eröffnet große Möglichkeiten und stellt uns zugleich vor große Herausforderungen, die eine enge, interdisziplinäre Vernetzung erfordern. Branchenübergreifende Netzwerke wie bwcon und BioLAGO führen verschiedene wissenschaftliche Strömungen, Technologien und potenzielle Partner zusammen und unterstützen damit auch länderübergreifend beim Aufbau innovativer Organisations- und Projektformen. Das Fachforum "Auf dem Weg zur personalisierten Medizin – Herausforderungen und Potenziale für die IT“ ist exemplarisch für einen neuen Geist, der Wissenschaftler und Industrievertreter unterschiedlichster Disziplinen und in einem weiteren Schritt auch die Vertreter der Patienten an einem Tisch zusammen bringt. Wie bei der Abschlussdiskussion in Konstanz deutlich wurde, sei es deshalb auch wichtig, neue Erkenntnisse der Forschung durch intensiven Austausch auch den behandelnden Hausärzten weiterzugeben. "Jeder Patient hat das Recht auf eine individuelle Behandlung", resümierte einer der Referenten.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/rueckblick-pharma-schwergewichte-diskutieren-bessere-patientenversorgung