zum Inhalt springen
Powered by

Science meets Business Day 2008 (Teil I)

Wissenschaft muss nicht trocken und staubig daherkommen, und Wirtschaft auch nicht. Spannend und unterhaltsam präsentierte sich die beiden Disziplinen den mehr als 230 Besuchern des Science meets Business Day 2008 im Freiburger Konzerthaus. Mit Pep und sehr verständlich präsentierten Wissenschaftlern und Unternehmensvertretern aus dem Bereich der Neurowissenschaften in diesem Jahr ihre erfolgreichen Kooperationen. Die einzigartige Vortragsreihe bildete zum dritten Mal den Abschluss einer Biovalley Life Science Week und lockte erneut nicht nur Fachleute, sondern auch viele Schüler und Schülerinnen, Studierende sowie interessierte Laien an.

Dr. Bernd Dallmann (Quelle: Technologiestiftung BioMed)
„Die Life Sciences und insbesondere das BioValley sind für die Entwicklung des Dreiländerecks von wachsender Bedeutung“, unterstrich Dr. Bernd Dallmann, Vorstand der Technologiestiftung BioMed Freiburg in seiner Begrüßungsrede. Viele Biotechnologieprojekte seien heute zwar nicht mehr so spektakulär wie in den Anfangsjahren, dafür sei die Disziplin inzwischen alltagstauglich geworden. „Heute schaffen wir nicht mehr vor allem Ideen, sondern reale Produkte und tatsächliche Gewinne“, sagte Dallmann. Der Wert des trinationalen Clusters für die Region könne mit vier renommierten Universitäten, 100 000 Studierenden, 15 000 Wissenschaftlern, 40 wissenschaftlichen Instituten, mehr als 280 Forschungsgruppen sowie 600 innovativen Unternehmen im Bereich der Life Sciences gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. „Um das auch einem breiten Publikum zu vermitteln, präsentieren wir mit dem Science meets Business Day einmal im Jahr die neuesten Entwicklungen in der Region“, erklärte der Vizepräsident des BioValley Zentralvereins.

Einmalige Strukturen auf dem Feld der Neurowissenschaften

Prof. Heinrich Reichert (Quelle: Technologiestiftung BioMed)
Von enormer Wichtigkeit für das BioValley sind die Neurowissenschaften ohne Zweifel. Mühelos gelang es Prof. Heinrich Reichert vom Biozentrum der Universität Basel ihren besonderen Wert für die Oberrheinregion in seinem Impulsvortrag „NEUREX - das europäische Exzellenznetzwerk der Neurowissenschaften“ herauszuarbeiten. Allein in Europa verursachen neurologische Erkrankungen pro Jahr Kosten in Höhe von astronomischen 139 Milliarden Euro. „Noch können wir keine einzige neurologische Erkrankung heilen und wir müssen damit rechnen, dass der Fortschritt langsam kommen wird“, erklärte Reichert.

„Wenn sich Institute, Firmen und Universitäten aber vernetzen, wie uns das die Nervenzellen im Gehirn vormachen, dann wird der Erfolg auch kommen“, lautete sein hoffnungsvoller Appell. Der ideale Ort dazu sei die Oberrheinregion. Die Strukturen auf dem Feld der Life Sciences seien hier einmalig und NEUREX wisse, das zu nutzen. „Unser Ziel ist klar. Wir bringen alle zusammen: Studierende, Wissenschaftler, klinische Forscher, Grundlagenforscher sowie Universitäten und die forschende Industrie. Ausbildung und Forschung machen wir damit leistungsfähiger und das wird uns Fortschritte im Verständnis und der Therapie neurologischer Erkrankungen bescheren“, betonte Reichert. In den vergangenen zehn Jahren hat NEUREX eine gemeinsame Doktorandenausbildung für Studierende der drei Partneruniversitäten - Basel, Freiburg und Straßburg - aufgebaut und viel Geld in Stipendien investiert. Die ersten Firmen, wie Santhera, wurden ausgegründet und seit wenigen Wochen wissen die Beteiligten, dass das Netzwerk vier weiter Jahre bestehen wird. Im Rahmen des Interreg IV Programms wurden die nötigen Mittel für NEUREX+ bewilligt.

Membranproteine – wichtige Ziele für Medikamente

Wie es in der Praxis aussieht, wenn Wissenschaftler und Unternehmen sich vernetzen und erfolgreich kooperieren, demonstrierten als erste an diesem Nachmittag Dr. Uwe Schulte, Geschäftsführer der Logopharm GmbH, aus March-Buchheim und Prof. Dr. Bernd Fakler vom Institut für Physiologie II an der Universität Freiburg. Vor wenigen Jahren noch glaubte man, man könne die Funktion eines Lebewesens verstehen, wenn man alle seine Gene kennt. Doch inzwischen weiß man, dass das fein abgestimmte Zusammenspiel von Proteinen für das Geheimnis funktionierender Organismen verantwortlich ist. Welch faszinierendes und wichtiges Feld hier auf Wissenschaft und Wirtschaft wartet, präsentierten Fakler und Schulte in ihrem Vortrag: „Entschlüsselung von Proteinkomplexen: Die Bedeutung für Physiologie und Arzneimittelentwicklung“.

Schulte verdeutlichte die besondere Kompetenz der Logopharm GmbH. Denn die Lösung, Aufreinigung und Charakterisierung von Membranproteinen ist eine höchst diffizile und anspruchsvolle Aufgabe, die viel Erfahrung und sehr spezielle Kenntnisse verlangt. Die Resultate, die Schulte und sein Team erarbeiten, sind vor allem für die pharmazeutische Industrie von großer Bedeutung, denn Medikamente wirken hauptsächlich an und über Membranproteine. Welche Bedeutung ihr detailliertes Verständnis in der Medizin haben kann, erklärte Fakler. Als Beispiel wählte er einen Membranrezeptor, der im Gehirn lokalisiert und Ziel eines Medikaments ist, das bei epileptischen Anfällen, muskulären Krämpfen und zur Milderung der Begleiterscheinung in der Suchttherapie eingesetzt wird. Da der pharmazeutische Wirkstoff sehr unspezifisch auf den Rezeptor wirkt, verursacht es auch viele Nebenwirkungen.

Neue Wirkstoffe zu finden ist kein Kinderspiel

Deshalb wollte Fakler ergründen, an welcher der verschiedenen Proteinuntereinheiten, aus denen der Rezeptor aufgebaut ist, das Medikament, welche Wirkungen erzielt. „Wir mussten die Grundlagen verstehen: Wie sieht der Rezeptor genau aus und mit wem tritt er in Wechselwirkungen?“, erklärte der Physiologe. „Dabei haben wir eine völlig unbekannte Familie von Proteinen entdeckt, die Signale des Rezeptors auf ganz unterschiedliche Weisen modulieren.“ Diese Erkenntnisse will man nun nutzen, um neue Medikamente zu entwickeln, die gezielter angreifen und weniger Nebenwirkungen hervorrufen.
Dass die Suche nach neuen Medikamenten wahrlich kein Kinderspiel ist, zeigte auch der Vortrag von Prof. Dr. Rudolf Korinthenberg, dem Direktor der Klinik für Neuropädiatrie und Muskelerkrankungen am Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg, und Dr. Stefanie Possekel von Santhera Pharmaceuticals (Schwitzerland) Ltd., Liestal. „Entwicklung neuer Medikamente für seltene neuromuskuläre Erkrankungen: von der Idee zum Patienten“ lautete der Titel ihres Vortrags. Menschen, die an seltenen Erkrankungen leiden, sind in mehrerlei Hinsicht in einer sehr unglücklichen Lage. „Was selten ist, sehen die Ärzte auch selten. Deshalb wird häufig erst sehr spät erkannt, woran die Patienten leiden“, erklärte Korinthenberg. Außerdem fehlen oftmals wirksame Medikamente.

Nach jeder Schlappe wieder neu hoffen

Sehr eindringlich beschrieb der Pädiater den grausamen Verlauf der Muskeldystrophie Duchenne, die im jungen Erwachsenenalter zum Tod führt. Korinthenberg selbst hat gerade eine aufwendige, große Studie geleitet, in der Hoffnung, dass eine neue Medikamentenkombination Lebensqualität und Lebenszeit seiner jungen Patienten vielleicht verbessern könnte. Nur liegen die Ergebnisse vor: „Das getestete Medikament hilft überhaupt nichts. Das ist der Riesenfrust“, sagte Korinthenberg. Trotzdem gibt der Pädiater nicht auf. Einer der Partner ist die Santhera Pharmaceuticals. Das Unternehmen hat für die ebenfalls seltene und zu den neuromuskulären Erkrankungen gehörende Friedreich Ataxie den Wirkstoff Ibedenone (SNT MC17) entwickelt. Da das Unternehmen gemeinsam mit der amerikanischen National Institute of Health eine Studie erfolgreich abschließen konnte, ist der neue Wirkstoff in Kanada vor wenigen Monaten zur Behandlung der Friedreich Ataxie zugelassen worden. „Ibedenone erhöht den Elektronenfluss in der Atmungskette und verbessert die Situation der Patienten tatsächlich“, erläuterte Possekel. Der EU und den USA genügen diese Ergebnisse allerdings noch nicht für eine Zulassung, weshalb das Medikament in zwei weiteren Studien noch genauer geprüft wird. Einer der Partner ist Korinthenbergs Team. Bei Santhera ist man zuversichtlich, dass die Ergebnisse überzeugend ausfallen. Das Unternehmen plant sogar schon weiter. Ibedenone soll demnächst in Patienten mit Muskeldystrophie Duchenne getestet werden und auch hier werden die Freiburger Pädiater beteiligt sein.


kb-11.12.2008 (P)
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/science-meets-business-day-2008-teil-i