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"Wir wollten die Welt verändern" - Die Erfolgsgeschichte der Firma Genzyme

Wie aus einer jungen Firma, die "keinen Plan" hat, ein weltweit erfolgreiches Unternehmen wurde, das heute 11.000 Mitarbeiter aus 40 Ländern beschäftigt, erklärt der CEO der Firma Genzyme Henri Termeer im Gespräch: „Am erfolgreichsten sind die Ideen, für die einen die anderen für verrückt erklären.“ In Konstanz beschäftigt eine Vertriebsniederlassung des Unternehmens 27 Mitarbeiter.

Henri Termeer, CEO von Genzyme und Dr. Ute Stölzle, Geschäftsführerin der Konstanzer Niederlassung des Unternehmens © Michael Statnik

Henri Termeer muss schmunzeln, wenn er an den Anfang des heute so erfolgreichen Biotechnologie-Konzerns Genzyme denkt. Ein Head Hunter rief mich an und sagte: "Es gibt da diese Firma. Aber sie hat überhaupt keinen Plan. Doch die Umgebung ist schön. Ihr Arbeitsplatz wäre in Boston.“

Termeer, gebürtiger Niederländer, aber damals nach einem mehrjährigen Einsatz in München gerade als Manager in den USA beschäftigt, ließ sich schließlich überreden. In der jungen Firma arbeiteten 70 Mitarbeiter, darunter acht Professoren aus der Umgebung des berühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) – Chemiker, Biologen und andere Naturwissenschaftler. Das Kapital stammte von drei Venture Capital Unternehmen. Termeer reizte die Ansammlung von Sachverstand. „Wegen der Erfolge des Biotech-Pioniers Genentech herrschte große Aufregung um diese junge Branche. Man hoffte, alle Probleme der Menschheit mit dieser neuen Technologie lösen zu können. Und junge Leute wie ich wollten die Welt verändern.“

Aller Anfang ist schwer

Der Start war allerdings ernüchternd. Termeers Büro lag im 50. Stock eines Hochhauses im Rotlicht-Viertel von Boston. Und es gab tatsächlich keine konkrete Vorstellung, was genau das junge Unternehmen eigentlich tun sollte. „Aber in dieser ganzen verrückten Situation gab es einen interessanten Punkt: Die beteiligten Wissenschaftler kannten sich hervorragend aus auf dem Gebiet der Enzym-Produktion.“

Monatelang verbrachten Termeer und die Naturwissenschaftler die Wochenenden damit, gemeinsam über eine Strategie nachzudenken. Schließlich entschieden sie sich für zwei zentrale Punkte: Sie würden keine Projekte beginnen, die sich das kleine Unternehmen nicht leisten konnte. Denn man wollte unter keinen Umständen von anderen finanziell abhängig werden. Außerdem wollte Genzyme Arbeitsgebiete ausfindig machen, auf denen kein anderes Unternehmen tätig war. „Wir wollten etwas machen, was nur wir können“, sagt Termeer. Auf der Grundlage dieser Strategie kristallisierte sich heraus, dass die Herstellung von Enzymen, mit denen sich seltene Krankheiten behandeln lassen, ein tragfähiges Geschäftsmodell sein könnte. Besonders aussichtsreich schien der Kampf gegen die Stoffwechselkrankheit Morbus Gaucher.

Doch die Herstellung des wichtigen Enzyms, das diesen Patienten fehlt, war aufwändig. Um einen Patienten zu behandeln, wurde der Mutterkuchen von 22.000 Frauen benötigt. „Wir hatten ein kleines Auto, damit klapperten wir die Krankenhäuser ab und sammelten Plazentas“, erzählt Termeer. Im Labor isolierten die Forscher in einem aufwändigen Prozess das Enzym. „Wir hatten zwei Zentrifugen. Wenn die bei uns im 50. Stock liefen, vibrierte das ganze Haus.“

Die ersten Erfolge und Rückschläge

1985 testeten die Forscher das Enzym erstmals an einem Patienten. Es war der vierjährige Robin. Er litt an einer besonders aggressiven Form von Morbus Gaucher. Der Junge war für sein Alter zu klein, apathisch, aufgedunsen. „Er hatte die Form eines Basketballs“, erinnert sich Termeer. „Ein solches Kind, das langsam degeneriert, ist ein schrecklicher Anblick. Wer so etwas sieht, will es ändern.“

Robins Mutter war selbst Ärztin und sie bat die Forscher von Genzyme inständig: „Geben Sie meinem Kind eine Chance, versuchen Sie es mit dem Enzym!“ Schließlich erhielt der kleine Junge die Infusion. Die Wirkung trat unglaublich schnell ein. Schon nach drei, vier Infusionen ging es Robin viel besser. Er war aktiv und fühlte sich wohl. „Dieser schnell sichtbare Erfolg hat mich stark beeinflusst. Das wirkt bis heute“, sagt Termeer.

Dem großen Erfolg waren harte Jahre vorausgegangen. Dank der Arbeit des amerikanischen Forschers Roscoe Brady waren die Grundzüge der Enzymersatztherapie zwar bekannt, doch die großtechnische Produktion des Enzyms und seine praktische Anwendung waren Neuland. Anfangs gelang den Wissenschaftlern zwar die Herstellung des Enzyms, doch der menschliche Körper konnte es nicht verwenden. Man musste das Enzym so verändern, dass es an den Zellen im Körper „andocken“ konnte. Und nachdem die Forscher dieses Problem gelöst und die ersten durchschlagenden Heilerfolge erreicht hatten, blieb bei anderen Patienten die Wirkung aus. Später zeigte sich, dass die Dosierung nicht richtig war. Dann wurde das Geld für die weitere Forschung und Erprobung knapp. Doch mitten im Börsencrash 1987 konnte Termeer Investoren gewinnen.

Nach vielen Hochs und Tiefs erhielt Genzyme 1991 schließlich die Zulassung für sein Enzym zur Behandlung von Morbus Gaucher („Cerezyme“). Gleichzeitig gelang auch die biotechnologische Produktion des Enzyms mit dem in der Branche inzwischen gängigen Verfahren: Die Eierstockzellen chinesischer Hamster erzeugen mit Hilfe manipulierter DNA das benötigte Enzym in Bio-Reaktoren.

Von Verantwortung und Zukunft

Im Rückblick sagt Termeer: „Am erfolgreichsten sind die Ideen, für die einen die anderen für verrückt erklären.“ Über den Erfolg hat er die gesellschaftliche Verantwortung nie aus dem Auge verloren. „Es zählt nicht die Entdeckung einer neuen Therapie, sondern der Zugang zu ihr.“ Ein Pharmazeutikum, das den Kranken verwehrt bleibt, sei sinnlos. Daher habe Genzyme von Anfang an entschieden, seine Produkte überall zum gleichen Preis zu verkaufen – oder kostenlos abzugeben. „Wenn ein Patient in einer Umgebung lebt, die ihm keinen Zugang zu unseren Therapien ermöglicht, behandeln wir ihn gratis.“ So hat Genzyme über eine eigene Stiftung vielen Menschen in Ägypten, Sri Lanka oder Russland geholfen. Dennoch wird das Unternehmen mitunter heftig kritisiert, weil die lebensrettenden Behandlungen zigtausende Dollars kosten.

Als Bestandteil der gesellschaftlichen Verantwortung betrachtet es Termeer, neue Erkenntnisse bestmöglich zu verwerten. „Wenn wir bei unserer Forschung eine Entdeckung machen, die Erfolg verspricht, handelt es sich nicht mehr um eine Chance, sondern um eine Verantwortung. Wir müssen dann entscheiden: Können wir die Weiterentwicklung selbst leisten? Wenn nicht, müssen wir die Entwicklung an ein anderes Unternehmen abgeben.“ Auf keinen Fall dürften die Forscher eine solche Erkenntnis für eventuelle spätere Weiterarbeit einfach in die Schublade legen.
Die Erfolgsgeschichte von Genzyme ist beeindruckend. Kein Wunder, dass Termeer von den Chancen der Biotechnologie schwärmt: „Es ist ein wundervolles Gebiet.“ Bei einem Vortrag an der Universität Konstanz sagte er kürzlich: „Ich lade Sie alle ein, sich in diesem Gebiet zu betätigen. Es ist einfach phantastisch.“

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