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Heinrich Planck: gelebte Interdisziplinarität

Nur wenige Forscher bringen so konsequent und virtuos ganz unterschiedliche Fächer zusammen wie Prof. Dr.-Ing. Heinrich Planck, der Leiter des ITV Denkendorf. Er verbindet Maschinenbau, Textil- und Medizintechnik auf wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene und er ist ein engagierter Netzwerker.

Der Zufall legte den Grundstein für seine Vielseitigkeit. Heinrich Planck aus Rottenburg am Neckar machte ausgerechnet 1967 sein Abitur. In diesem Jahr wurde der Schuljahresbeginn von Ostern auf Herbst verlegt, dadurch kam es zu zwei Kurzschuljahren und es strömten zwei Jahrgänge zugleich an die Universitäten. Das führte zu einem Anstieg des Numerus clausus und Planck konnte keinen Studienplatz in seinem Wunschfach Medizin ergattern. Er entschied sich für Maschinenbau, bei dem die NC-Lage etwas entspannter war. Eine gewisse thematische Affinität war ihm bereits in die Wiege gelegt worden: Plancks Eltern besaßen ein Unternehmen des Textilmaschinenbaus.

Während des Studiums an der Uni Stuttgart ließ sein Faible für die Medizin jedoch nicht nach. Planck spezialisierte sich schließlich auf Technische Textilien insbesondere der Medizintechnik und promovierte 1979 auf diesem Gebiet. Sein Thema war die Entwicklung von kleinlumigen Gefäßprothesen im Rahmen eines BMBF-Projektes. „Es war eines der ersten Projekte, die das BMBF im Bereich Medizintechnik förderte“, erinnert sich Planck. Die Arbeiten führte er am Institut für Textil- und Verfahrenstechnik durch, das damals noch in Reutlingen beheimatet war. Planck etablierte hier den interdisziplinären Forschungsbereich Biomedizintechnik und Flechttechnik/Faserverbundwerkstoffe.
Prof. Dr. Heinrich Planck ist ein engagierter Netzwerker. (Foto: ITV)
Das alte Gebäude des ITV Denkendorf glänzt mit neuer Fassade. (Foto:ITV)
Nach der Promotion blieb er den Themen treu und trug wesentlich dazu bei, das ITV Denkendorf zu einem international führenden Institut zu machen. „Zu Anfang war die Biomedizintechnik hier eine One-Man-Show, aus der schließlich ein Bereich mit rund 70 Mitarbeitern entstand, den ich aufbaute und leitete. Unsere Projekte wurden aus öffentlichen Mitteln gefördert, hauptsächlich vom BMBF und der DFG. Von Anfang an saßen aber auch Industriepartner mit im Boot, Braun Melsungen zum Beispiel war und ist die ganzen Jahre über aktiv dabei“, sagt Planck. Einer der wichtigsten Meilensteine war die Entwicklung von künstlichem Hautersatz auf Polymerbasis zusammen mit dem Marienhospital Stuttgart und heute dem Hersteller PolyMedics Innovations GmbH. Als „Suprathel®“ ist die resorbierbare, heilungsfördernde Wundabdeckung seit 2005 auf dem Markt.

1996 war wieder ein Jahr, in dem der Zufall für Planck eine große Rolle spielte. Unter seiner Federführung entstand des BMOZ, das Deutsche Zentrum für Biomaterialien und Organersatz e. V. „Das BMOZ ist tatsächlich ein Zufallsprodukt. Wir haben sehr spät von der Ausschreibung zu Kompetenzzentren erfahren und innerhalb einer Rekordzeit von sechs Wochen einen Antrag geschrieben. Wir haben Ingenieure, Techniker, Chemiker, Biologen, Mediziner und viele mehr zusammengebracht, um eine Plattform zu schaffen, an der die Industrie offensichtlich Bedarf hatte. Das BMOZ war damals das größte Zentrum dieser Art in Deutschland“, sagt Planck.

Pionierleistung: Plancks Arbeit prägt das ITV Denkendorf

59 Jahre alter Patient. Ein Tag nach der Lichtbogenverletzung und oberflächlichem Débridement. Eine 2b-gradige Verbrennung.
Gleicher Patient 8 Monate nach dem Trauma. Es ist ohne Spalthauttransplantationen zu einer stabilen und narbenarmen Epithelisierung bei freier Funktion gekommen. (Fotos: PMI gmbH)
Da sich auch andere Zentren in Baden-Württemberg inzwischen stark auf dem Sektor Biomaterialien engagieren, ist es um das BMOZ heute etwas ruhiger geworden. Aber Planck denkt schon weiter: an eine übergeordnete Organisationsstruktur. Das BMOZ bildet immer noch den Rahmen für innovative Verbundprojekte wie die Entwicklung von Nervenfaserleitschienen. Das Projekt wird zusammen mit dem NMI Reutlingen und der BG-Unfallklinik in Tübingen bearbeitet und es ist für Planck auch ein persönliches Highlight seiner wissenschaftlichen Karriere: „Wir wollen damit erreichen, dass Nerven zielgerichtet wieder zusammen wachsen. Der Ansatz ist sehr komplex und die Anforderungen sind hoch. Es ist eine große Herausforderung, hierfür die richtigen Strukturen und Materialien zu entwickeln.“

Das Lehrpaket: Textiltechnik, Textilmaschinenbau und Medizinische Verfahrenstechnik

1996 war noch in anderer Hinsicht entscheidend für Planck: Er wurde zum Honorarprofessor für das Vertiefungsfach Biomedizinische Verfahrenstechnik an die Uni Stuttgart berufen. Seit 1998 hat Planck zusätzlich den Lehrstuhl für Textiltechnik/Textilmaschinenbau inne. Die Ressourcen des ITV Denkendorf nutzt er ganz gezielt für seine Lehrtätigkeit. „Eine praxisorientierte Ausbildung ist für mich das Wichtigste in der Lehre“, betont Planck und erklärt weiter: „Die Vorlesungen finden als Blockveranstaltung hier in Denkendorf statt. Das hat den großen Vorteil, dass wir sie mit Vor-Ort-Betrachtungen kombinieren können. Die Studenten nehmen die Maschinen hier direkt in Augenschein.“

Da Planck seit 1998 Direktor des gesamten ITV Denkendorf mit rund 200 Mitarbeitern ist, hat er sowohl in der Lehre als auch in der Forschung heute einen Gestaltungsspielraum, in dem er fachübergreifende Konzepte gut umsetzen kann. „Das ITV ist nicht nur das älteste deutsche und das größte europäische Textilforschungsinstitut. Es ist auch das einzige, das vom Rohmaterial bis zum Produkt alle Forschungs- und Entwicklungsschritte abdeckt“, so Planck.

Vom Rohstoff bis zum Endprodukt: „Nur gemeinsam sind wir stark“

Eines der spannendsten Zukunftsfelder sieht Planck in der Entwicklung von „SMART-Textiles“, Textilien mit integrierten Sensoren, die Vitalparameter messen. „Daraus ist eine ganze Palette von Projekten entstanden, wir entwickeln zum Beispiel Schutzbekleidung für verschiedene Berufsgruppen wie die Feuerwehr“, sagt Planck. Auch zur Überwachung von Herzkranken eignen sich solche Textilien. Die Sensoren geben Alarm, wenn bestimmte Werte außerhalb der Toleranz liegen.

Die Teamgeist-Karte spielt Planck auch außerhalb seines Instituts, er arbeitet in zahlreichen Gremien, Vereinen und Gesellschaften dafür, Gräben zwischen Fachrichtungen zu überwinden und Synergien besser zu nutzen. Der jüngste Spross interdisziplinären Engagements in Lehre und Forschung ist das IZST, das Interdisziplinäre Zentrum für medizinische Technologien Stuttgart - Tübingen. Planck hat sich schon in der Planungsphase maßgeblich dafür eingesetzt und leitet das IZST jetzt gemeinsam mit seinem Tübinger Kollegen Prof. Dr. Claus Claussen.

Menschen und Fächer zusammenführen

Um die vielen Ämter und Aufgaben zu bewältigen, folgt Planck seinem ganz persönlichen Erfolgsrezept. „Zuhören, analysieren, reagieren“, bringt er es auf den Punkt und ergänzt: „Zeit ist immer eine Frage der Einteilung und des Delegierens. Ich arbeite gerne strukturiert und bringe außerdem gerne Leute zusammen.“ Die Energie für seine beruflichen Aktivitäten holt er sich beim Wandern und Reisen. „Mich interessiert die Welt, ich liebe es, fremde Kulturen kennenzulernen“, so Planck. Ganz ohne Medizintechnik geht es aber auch in seiner Freizeit nicht, die Wochenenden verbringt Planck häufig damit, Ideen zu entwickeln und Doktorarbeiten zu korrigieren. Auf die Familie wirkt Plancks Begeisterung offensichtlich ansteckend, seine Tochter studiert Medizin, sein Sohn widmet sich der Betriebswirtschaft - mit dem Schwerpunkt Pharma/Biomedizin.

Die Begeisterung von Planck wird durch ein gewisses Manko getrübt: die Finanzierung im politischen Umfeld. „Es gibt viele Möglichkeiten, gute Ideen gefördert zu bekommen, aber es fehlt bei den anwendungsnahen Forschungsinstituten an der Finanzierung der Ausstattung. Wer A sagt muss auch B sagen! Das heißt, es muss auch hier eine Infrastruktur geschaffen werden, die den baden-württembergischen Anspruch auf Spitzenforschung auch in Zukunft ermöglicht. Es kann nicht sein, dass Gebäudesanierungen und größere Anlagenbeschaffungen aus Forschungsüberschüssen finanziert werden müssen, die bei öffentlichen Forschungsprojekten nicht vorhanden sind“, so Planck. Auch bei der Auftragsforschung durch die Industrie sind diese Mittel nicht erwirtschaftbar. Deshalb appelliert Planck an die Entscheidungsträger für mehr Nachhaltigkeit.

leh - 02.02.2008
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
Weitere Informationen:
ITV Denkendorf
Prof. Dr.-Ing. Heinrich Planck
Körschtalstraße 26
73770 Denkendorf
Tel.: 07 11 93 40-2 16
Fax: 07 11 93 40-2 61
E-Mail: itv@itv-denkendorf.de

Glossar

  • Mit Kompetenz im biologischen Sinn ist die Eigenschaft eines Bakteriums gemeint, DNA von außen aufnehmen zu können.
  • Ein Polymer ist eine aus gleichartigen Einheiten aufgebaute kettenartige oder verzweigte chemische Verbindung. Die meisten Kunststoffe sind Polymere auf Kohlenstoffbasis.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/heinrich-planck-gelebte-interdisziplinaritaet/