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IBAM GbR - Enzyme, Neurotransmitter und Griechischer Bergtee

Pharmafirmen wollen gestörte Körperabläufe bekämpfen. Dazu müssen sie wissen, wie Enzyme, Neurotransmitter oder Hormone wirken und in ihrer Wirkung beeinflusst werden können. Unterstützung können sie bei dem Unternehmen IBAM GbR aus Denzlingen bei Freiburg bekommen. Die aus der Universität Freiburg heraus gegründete Gesellschaft bürgerlichen Rechts hilft ihren Industriekunden, die biochemischen Angriffspunkte von potenziellen Arzneistoffen oder die Wirkungsmechanismen von Enzymen und Botenstoffen im Zentralen Nervensystem und anderen Geweben aufzuklären. In den letzten Jahren haben sich Geschäftsführer Dr. Rainer Knörle und Mitgesellschafter Dr. Peter Schnierle zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft zusätzlich auf ein eher volkstümliches Gebiet spezialisiert: Mit Hilfe von modernen biochemischen Methoden untersuchen sie die pharmazeutische Wirkung von Extrakten aus traditionellen Heilpflanzen wie Johanneskraut, Passionsfrucht oder Griechischem Bergtee.

Der Körper ist ein komplexes System aus Molekülen, die in biochemischen Netzwerken verschaltet sind. Krankheiten resultieren aus Fehlern in diesen Netzwerken. Deshalb versuchen Pharmafirmen Substanzen zu finden, die diese Fehler beheben. Dabei forschen sie oft „blind“ – sie stoßen auf ein Molekül, das zum Beispiel die Funktionsweise von geschädigten Synapsen wiederherstellt, ohne zu wissen, auf welche Weise es das tut. Um das aufzuklären und damit zum Beispiel mögliche Nebenwirkung der potenziellen Arznei ausschalten zu können, braucht es Spezialisten, die Methoden der Enzym-,Rezeptor- oder Botenstoffanalytik beherrschen. Solche Experten sind Dr. Rainer Knörle und Dr. Peter Schnierle vom "Institut für biochemische Analysen und Methodenentwicklung" (IBAM GbR) aus Denzlingen bei Freiburg. „Ich komme aus dem universitären Umfeld und habe schon in den späten 90ern Aufträge aus der Pharmaindustrie entgegengenommen“, sagt Knörle, der im Gründungsjahr der Firma 1996 Postdoc in der Sektion für Neuropharmakologie von Prof. Dr. Thomas Feuerstein an der Universitätsklinik Freiburg war. „Wir haben dann einfach die Firma ausgegliedert, die bis heute im Prinzip genau das Gleiche macht.“

Neuer Schwerpunkt im grünen Bereich

Genau das Gleiche und noch mehr. Die Gründungsgesellschafter waren Dr. Peter-Andreas Löschmann aus der Humanmedizin, Prof. Dr. Thomas Feuerstein aus der Neuropharmakologie, Dr. Norbert Limberger aus der Pharmazie und Dr. Rainer Knörle mit Wurzeln in der Physikalischen Biochemie. Aufträge kommen auch von Firmen wie Novartis oder Bayer. „Die Kunden haben zum Beispiel eine Substanz, die im Nervensystem wirkt und das Schmerzempfinden herabsenkt“, sagt Knörle. „Wir sollen herausfinden, was der molekulare Mechanismus hinter dieser Wirkung ist und auf welche Weise mögliche Nebenwirkungen ausgelöst werden.“ Für solche Analysen sind Methoden der Enzymbiochemie nötig, um die Aktivität von Neurotransmittern im synaptischen Spalt oder die dynamische Aktivität von Rezeptoren an den Nervenzellmembranen zu messen. Das ZNS war von vornherein einer der Schwerpunkte von IBAM.

Der Firmensitz der IBAM GbR in Denzlingen, unter dem Dach der Vivacell Deutschland © IBAM GbR

1999 schied Löschmann aus dem Unternehmen aus, stattdessen stieß Dr. Peter Schnierle vom Institut für Anorganische und Analytische Chemie der Universität Basel als neuer vollzeitiger Gesellschafter dazu. Er trug maßgeblich zur Neuetablierung der quantitativen Analytik von Aminosäuren und biogenen Aminen bei, zu denen viele Neurotransmitter gehören. Öffentliche Auftraggeber wie die Universitäten München, Leipzig, Straßburg und Freiburg nutzten IBAM jetzt zum qualifizierten Outsourcing dieser anspruchsvollen Analytik. Wissenschaftliche Kooperationen mit den Universitäten Freiburg und Straßburg führten zu gemeinsamen wissenschaftlichen Publikationen in renommierten Fachjournalen und trugen dazu bei, das Wissen über Grundlagen der Antiepileptika- und Demenz-Forschung zu erweitern.

2001 kam dann ein neuer Schwerpunkt hinzu: Zusammen mit dem Biotech-Unternehmen Vivacell Deutschland begann IBAM, die Neuropharmakologie von Phytopharmaka zu untersuchen. Die Freiburger Firma setzt sich seitdem mit volkstümlichen Heilpflanzen, aber auch mit neuen grünen Kandidaten auseinander, in denen mögliche natürliche Arzneistoffe schlummern.

Interessante Zukunftsperspektiven

Für namhafte Phytopharma-Unternehmen wurden in diesem Zusammenhang zum Beispiel erste Untersuchungen an Extrakten aus Hypericum (Johanneskraut) in Kombination mit Valeriana (Baldrian) und Passiflora (Passionsblume) durchgeführt. Ein Extrakt-Cocktail aus diesen Gewächsen hilft, den Abbau bestimmter Neurotransmitter im Gehirn zu bremsen und erhöht damit ihre Wirkdauer. Das kann bei Störungen wie Depression, Demenz oder ADHS von Vorteil sein. Jüngst sind Knörle und Schnierle, die in diesem Bereich auch Grundlagenforschung betreiben, auf den Griechischen Bergtee gestoßen. Dabei handelt es sich um ein Getränk aus Pflanzen der Gattung Sideritis, das in Ländern wie Griechenland oder Türkei eingenommen wird. Es soll vor allem bei Erkältungen oder Störungen des Magen-Darm-Trakts lindernd wirken. IBAM konnte zeigen, dass durch verschiedene Wirkstoffe in dem Gebräu die Verweildauer der Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im synaptischen Spalt verlängert wird. Weil die Botenmoleküle nach reizinduzierter Ausschüttung nicht sofort wieder in die Zellen zurückgeholt werden, können sie länger auf die Rezeptoren einwirken und erhöhen so die Aktivität verschiedener Neuronentypen im Gehirn.

Die Pflanzen aus der Gattung Sideritis, die in verschiedenen Mittelmeerländern als „Griechischer Bergtee“ serviert werden, haben heilende Wirkungen auf das ZNS. © IBAM GbR

„Wir haben Extrakte aus Sideritis entwickelt, die erfolgreich bei depressiven Verstimmungen, Angststörungen oder zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) eingesetzt werden können“, sagt Knörle. Klinische Studien müssten jetzt zeigen, ob man aus den Extrakten wirksame und nebenwirkungsarme Medikamente herstellen kann. Hierzu ist IBAM allerdings zu klein und sucht deshalb interessierte Partner. Der Markt für Phytopharmaka ist jedenfalls groß und IBAM hat hier gut Fuß gefasst.

2001 zog das Unternehmen von Freiburg nach Denzlingen, unter das Dach des Kooperationspartners Vivacell Deutschland. Die Umsätze sind seit Längerem stabil, die Zukunftsaussichten positiv. Ab August diesen Jahres plant IBAM, sich auch im Bereich der bioaktiven Lebensmittel zu engagieren. In einem Verbundprojekt mit dem Netzwerk NEMO unter der Koordination der Steinbeis Innovation gGmbH aus Stuttgart wollen Knörle und Schnierle Nahrungsmittel untersuchen, die Gesundheit und Wohlbefinden fördern. „Welche Moleküle und welche Wirkmechanismen sind dafür zuständig?“, fragt Knörle. IBAM hat sich in den letzten vierzehn Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. So soll es auch in Zukunft bleiben, weswegen die zwei Gesellschafter stets offen für neue Bereiche sind.

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