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TeleDerm: Schnelle Hilfe vom Hautarzt per Telekonsil

Fachärzte sind in manchen Gegenden rar. Und wenn man einen Termin ergattert hat, muss man mitunter lange darauf warten oder weite Wege in Kauf nehmen. Nun wurde an der Universität Tübingen eine Studie gestartet, die Abhilfe schaffen soll: Im Projekt TeleDerm beurteilen Dermatologen Hauterkrankungen telemedizinisch mithilfe von Bildern aus der Hausarztpraxis. Der Befund liegt nach spätestens zwei Tagen vor. Zunächst richtet sich das Angebot nur an AOK-Mitglieder in bestimmten Regionen, soll aber im Erfolgsfall ausgeweitet werden.

Lange Wartezeiten auf Termine und größere Entfernungen zur nächsten Praxis müssen viele Patienten auf sich nehmen, deren Erkrankung einer Abklärung beim Spezialisten bedarf. Hier könnte zukünftig die Telemedizin Abhilfe schaffen, denn Patientendaten und Befunde werden elektronisch von Arzt zu Arzt übermittelt, um dabei die räumliche oder auch zeitliche Distanz vom Patienten zum Spezialisten zu überbrücken. Auf diese Weise wird in vielen Fällen lediglich eine Vorstellung beim Hausarzt nötig.

Besonders unterversorgt sind manche Regionen mit Dermatologen, was vielerorts zu Problemen führt. Denn Erkrankungen der Haut sind heutzutage relativ häufig. Dabei könnte gerade für dermatologische Erkrankungen häufig schon der Hausarzt erster Ansprechpartner für die Betroffenen sein: „Statistisch gesehen kommen 7 bis 10 Prozent der Patienten mit Hautproblemen zum Hausarzt, der dann neun von zehn auch tatsächlich selbst behandeln kann; in den übrigen Fällen ist eine Überweisung nötig“, berichtet Andreas Polanc, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen.

Glossar

  • kb ist die Abkürzung für Kilobase. Diese Einheit für die Länge von DNA- oder RNA-Molekülen entspricht 1.000 Basen bzw. Basenpaaren der Nukleinsäure.
  • Die Dermatologie ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit Hauterkrankungen sowie mit gut- und bösartigen Tumoren der Haut befasst.

Rasche wohnortnahe Versorgung für Hauterkrankungen

Dies brachte die Mediziner an dem Tübinger Institut vor rund zwei Jahren auf die Idee, auf einer Informationsveranstaltung bei Ärzten den Bedarf an telemedizinischen Konzepten für Hauterkrankungen abzufragen: „Wir wussten von guten Erfahrungen in den Niederlanden, wo die Telemedizin schon seit vielen Jahren praktiziert wird. So luden wir den Gründer von KSYOS, dem größten Telemedizinischen Zentrum der Niederlande, der selbst Dermatologe ist, einige Ärzte und einen AOK-Vertreter ein und präsentierten unsere Idee zur Teledermatologie“, erzählt Polanc. „Diese ist gleich auf fruchtbaren Boden gefallen, und so wurde das Projekt TeleDerm angedacht, das die dermatologische Unterversorgung überbrücken und durch Telekonsile eine möglichst effiziente wohnortnahe Versorgung für Hauterkrankungen sicherstellen soll.“

Der Gesundheitswissenschaftler Andreas Polanc ist der Koordinator von TeleDerm, einem Projekt, in dem die Möglichkeit einer telemedizinischen Beurteilung von Hauterkrankungen getestet werden soll. © privat

Schon kurz darauf gründete sich ein Konsortium, das vom Tübinger Allgemeinmedizinischen Institut mit der Ärztlichen Direktorin Prof. Dr. Stefanie Joos geleitet wird. Neben der AOK Baden-Württemberg gehören dem Konsortium auch die KSYOS und mehrere Hochschulinstitute an. 2017 wurde das Projekt TeleDerm gestartet. Es wird mit zwei Millionen Euro vom Innovationsfonds des Bundes gefördert. Seit Ende 2017 werden nun Arztpraxen entsprechend technisch ausgestattet, Schulungen und Einführungen in die Studiendokumentation durchgeführt. „Diese Run-in-Phase soll bis Juni dieses Jahres abgeschlossen sein“, sagt Polanc, der auch der Projektkoordinator von TeleDerm ist. Am 1. Juli 2018 soll dann die offizielle Interventionsphase starten, die bis zum 30.06.2019 dauern wird. In diesem Zeitraum können sich volljährige Patienten, die am Hausarztmodell der AOK Baden-Württemberg teilnehmen, – ihre schriftliche Einwilligung vorausgesetzt – in 50 Hausarztpraxen in den Kreisen Calw, Böblingen, Zollern-Alb und Rottweil telemedizinisch behandeln lassen.

Der Befund ist schon nach zwei Tagen beim Hausarzt

Mit dem Dermatoskop erzeugt der Hausarzt hochauflösende Bilder der betroffenen Hautstelle, die dann über einen gesicherten Server zum Dermatologen übertragen werden. © Raphaela Weber

Bei einem teledermatologischen Konsil sucht der Patient seinen Hausarzt auf, der mit einem Dermatoskop Bilder der betroffenen Hautstelle macht. „Das Dermatoskop sieht aus wie ein sehr dicker Eddingstift“, erläutert der Tübinger Projektkoordinator das Verfahren. „Dieser wird einfach auf die Haut gehalten und erzeugt hochauflösendes Bildmaterial, das dann gemeinsam mit der Anamnese, Alter, Pseudonym und Geschlecht des Patienten per Praxisverwaltungssystem (PVS) über eine gesicherte Leitung zum Server in den Niederlanden übertragen wird.“

Über ein Randomisierungsverfahren werden die Daten einem der teilnehmenden Dermatologen zugewiesen – diese zufällige Auswahl dient der Qualitätssicherung. Sobald die Daten beim Dermatologen eingegangen sind, wird dieser per E-Mail benachrichtigt und kann seinen Befund erstellen. Er gibt dem Hausarzt eine entsprechende Empfehlung, wie das Hautproblem behandelt werden soll, bzw. entscheidet, ob der Patient nicht doch persönlich einem Spezialisten vorgestellt werden soll. In der Software ist auch eine Rückkopplungsschleife eingebaut, über die die beteiligten Ärzte bei Bedarf miteinander kommunizieren können. Der Befund soll innerhalb von zwei Werktagen beim Hausarzt vorliegen. „Eine besondere Herausforderung für die Telekonsile ist auch die IT-Seite, unter anderem, weil es rund 170 verschiedene PVS in Deutschland gibt“, berichtet Polanc. „Hierfür haben Experten für Medizininformatik der Hochschule Reutlingen besondere Schnittstellenlösungen erarbeitet. Denn wichtig ist ja, dass die Patientendaten entsprechend geschützt sind. Und dass das Verfahren später in der Regelversorgung praktiziert werden kann.“

Praktikabel bei grundsätzlich allen Hauterkrankungen

Die Dermatologin Ioanna Tampouri von der Hautklinik des Tübinger Universitätsklinikums wertet Bilder mit Hautveränderungen aus, die ihr der Hausarzt übermittelt hat. © Raphaela Weber

Die Informationen aus den Telekonsilen werden sowohl qualitativ als auch quantitativ ausgewertet: Beispielsweise werden teilnehmende Ärzte, Patienten und die medizinischen Fachangestellten nach Umsetzung im Praxisablauf, Machbarkeit oder Problemen und ihrer Zufriedenheit befragt. Zudem werden anonymisierte Sekundärdaten der AOK und Prozessdaten wie zum Beispiel die Anzahl der Überweisungen und der Rückfragen oder die Bearbeitungszeit analysiert. Zudem wird die LMU München eine gesundheitsökonomische Evaluation des Projektes durchführen.

Behandelt werden könnten grundsätzlich alle dermatologischen Beschwerden, sagt Polanc. Der Hausarzt würde aber grundsätzlich in jedem Fall zunächst abwägen, ob ein Telekonsil angebracht sei. Besondere technische Voraussetzungen brauche der Patient selbst nicht. „Das läuft alles über den Hausarzt“, sagt der Tübinger Gesundheitswissenschaftler. „Im Gegenteil, wenn der Patient schon im Vorfeld zu viel medizinische Informationen zur Verfügung hat, die er nicht richtig einordnen kann, würde er nur getriggert, und der Hausarzt soll entscheiden – quasi als eine Art Filterfunktion. Sonst würde dies vermutlich eher viel zu häufig in Anspruch genommen. Selbstverständlich erhält aber jeder Patient ausführliche Informationsbögen und wird nur mit seiner Einwilligung telemedizinisch behandelt. Prinzipiell sollen Telekonsile aber nach Abschluss von TeleDerm – vorausgesetzt einer positiven Evaluation – möglichst allen Patienten zur Verfügung stehen.“

Telemedizin senkt die Kosten fürs Gesundheitswesen

International sind die Erfahrungen mit der Telemedizin generell gut. Nach einer Studie der WHO1 existieren bereits in mehr als der Hälfte der Mitgliedsstaaten spezielle Programme. Dort, wo die Behandlungsform schon länger praktiziert wird, ist die Akzeptanz hoch, die Zahl der Überweisungen zum Spezialisten und die Kosten für das Gesundheitssystem sind deutlich gesunken. „Natürlich gebe es sowohl bei den Ärzten als auch den Patienten eine anfängliche Skepsis“, berichtet Polanc. „Aber wir wollen mit dem Projekt zeigen, dass diese unbegründet ist, und die Zeitersparnis für alle Seiten groß sein wird.“ Prinzipiell könnten Telekonsile zukünftig dann auch auf andere Beschwerden ausgeweitet werden: Denkbar sind beispielsweise Augen-, HNO-, Lungen- oder Herzerkrankungen. „Aber jetzt müssen wir erst einmal die Ergebnisse abwarten und sehen, wie das ganze System funktioniert “, sagt der Projektleiter. „Besonders die Interoperabilität ist eine Herausforderung für uns. Wir arbeiten im Projekt mit so vielen verschiedenen Akteuren – aber gerade das macht die Sache so interessant.“

Literatur

1 Global diffusion of eHealth: Making universal health coverage achievable. Report of the third global survey on eHealth. World Health Organization 2016.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/telederm-schnelle-hilfe-vom-hautarzt-per-telekonsil/