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Myrcludex B: Erster Vertreter einer neuen Arzneimittelklasse gegen Hepatitis B und D

Wissenschaftler am Universitätsklinikum Heidelberg entwickeln einen Virusblocker gegen Hepatitis B und D, der nun in zwei Studien mit Erfolg getestet werden konnte / Gemeinsame Pressemeldung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung und des Universitätsklinikums Heidelberg.

Etwa 350 Millionen Menschen leiden an chronischen Infektionen mit Hepatitis B-Viren, 25 Millionen Menschen an Hepatitis D, das nur gemeinsam mit Hepatitis B auftritt. Zugelassene Therapien für Hepatitis B führen in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht zur Ausheilung und für Hepatitis D gibt es bisher überhaupt keine spezifische Therapie. Neuartige therapeutische Strategien sind daher von großem Wert. Am Universitätsklinikum Heidelberg konnte das Team um Professor Stephan Urban mit Myrcludex B einen Wirkstoff entwickeln, der in vitro und in Tierversuchen den Eintritt von Hepatitis B- und D-Viren in die Leberzelle blockiert. In zwei klinischen Studien konnten die Wissenschaftler nun zeigen, dass der Wirkstoff vom Menschen sehr gut vertragen wird und er tatsächlich auch im Menschen einen Effekt auf Hepatitis-D-Viren hat. Seit April 2014 hat der Heidelberger Virusexperte Stephan Urban die erste Professur für "Translationale Virologie" am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) inne. Das DZIF ist eines von sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, in denen Wissenschaftler aus ganz Deutschland vernetzt an neuen Strategien gegen die großen Volkskrankheiten wie Infektions-, Krebs- oder Herz-Kreislauferkrankungen arbeiten. Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg sind an fünf Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung beteiligt.

"Myrcludex B ist der erste Vertreter einer neuen Therapieklasse für Hepatitis B und D", erklärt Prof. Walter E. Haefeli, Ärztlicher Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie, der die Phase-I-Studie gemeinsam mit Dr. Antje Blank am Universitätsklinikum Heidelberg durchführte. "Zum ersten Mal konnte die Substanz erfolgreich und mit sehr guter Verträglichkeit an Menschen verabreicht werden. Dies ist ein Meilenstein in der Entwicklung jedes Medikaments", erklärt der Wissenschaftler. "Myrcludex B wurde bis zur höchsten Dosierung sehr gut vertragen und wir wissen nun für die weiteren Studien, wie sich das Medikament im Menschen verhält", freut sich Blank, die Erstautorin der veröffentlichten Studienergebnisse. (Blank et al. 2016)

In der noch laufenden zweiten Studie, die am Moscow Regional Research Clinical Institute in Russland durchgeführt wird, konnte die Annahme bestätigt werden, dass Myrcludex B tatsächlich einen Effekt auf Hepatitis D-Viren hat. 24 Patienten mit chronischer Hepatitis D haben an dieser Pilotstudie teilgenommen und erhielten entweder den neuen Wirkstoff oder Interferon alpha oder eine Kombination aus beidem. "Die Zwischenergebnisse dieser Studie zeigten, dass Myrcludex B nach einem halben Jahr die Last an Ribonukleinsäuren des Hepatitis-D-Virus in einem Teil der Patienten bei guter Verträglichkeit deutlich senkte und zu einer Normalisierung der Leberwerte führte", fasst Urban die Ergebnisse zusammen. Da es für Hepatitis-D-Infektionen, die aggressivste Form viraler Leberentzündungen, das erste spezifisch wirkende Mittel wäre, sehen die Forscher gute Chancen für eine schnelle Weiterentwicklung und hoffen, dass sich diese Effekte in größeren Therapiestudien, die gerade anlaufen, bestätigen. (Bogomolov et al. 2016)

Glossar

  • Interferone sind drei Arten eng verwandter Proteine (a, b- und g-Interferon), die bei einer Virusinfektion von unterschiedlichen Zellen ausgeschüttet werden. Sie verhindern die Virusvermehrung. Interferone werden auch bei der Behandlung bestimmter Krebsarten eingesetzt.
  • Translation im biologischen Sinn ist der Prozess, bei dem die Basensequenz der mRNA in die Aminosäuresequenz des Proteins übersetzt (translatiert) wird. Dieser Vorgang findet an den Ribosomen statt. Nach der Vorlage eines einzigen mRNA-Moleküls können zahlreiche Proteinmoleküle synthetisiert werde
  • Ein Virus ist ein infektiöses Partikel (keine Zelle!), das aus einer Proteinhülle und aus einem Genom (DNA oder RNA) besteht. Um sich vermehren zu können, ist es vollständig auf die Stoffwechsel der lebenden Zellen des Wirtsorganismus angewiesen (z.B. Bakterien bei Phagen, Leberzellen beim Hepatitis-A-Virus).
  • Die Pharmakologie ist eine Wissenschaft, die sich mit der Wechselwirkung zwischen Arzneimitteln und Organismen befasst. Dabei gibt es zwei Verfahren zur Beurteilung: Die Pharmakokinetik beschreibt die Aufnahme, Verteilung, Verstoffwechselung und Ausscheidung des Wirkstoffs, die Pharmakodynamik beschreibt die Wirkung des Arzneimittels im Organismus.
  • Eine Hepatitis ist eine Entzündung des Lebergewebes mit nachfolgender Zellschädigung. Sie macht sich zunächst durch grippale Erscheinungen bemerkbar, wie Glieder- und Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Druck in der Magen- und Lebergegend und Fieber, später gehört die Gelbsucht zur Symptomatik. Verantwortlich dafür können Viren, Bakterien oder Parasiten sein, ebenso wie Autoimmunerkrankungen, Medikamente, Alkohol oder Chemikalien. Häufigste Ursache sind jedoch Viren, wobei man fünf Virustypen unterscheidet, die mit den Buchstaben A, B, C, D und E bezeichnet werden.

Publikaton

Blank A, Markert C, Hohmann N, Carls A, Mikus G, Lehr T, Alexandrov A, Haag M, Schwab M, Urban S, Haefeli WE. First-in-human application of the first-in-class hepatitis B and hepatitis D virus entry inhibitor myrcludex B. J Hepatol 2016, April 27. doi: 10.1016/j.jhep.2016.04.013

Bogomolov P, Alexandrov A, Voronkova N, Macievich M, Kokina K, Petrachenkova M, Lehr T, Lempp FA, Wedemeyer H, Haag M, Schwab M, Haefeli WE, Blank A, Urban S. Treatment of chronic hepatitis D with the entry inhibitor myrcludex B - first results of a Phase Ib/IIa study. J Hepatol 2016, April 27. doi: 10.1016/j.jhep.2016.04.016.

 

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