zum Inhalt springen
Powered by

Wissenschaftskommunikation – Warum Wissenschaft immer öffentlicher wird

Wissenschaft braucht Öffentlichkeit. Öffentlich finanzierte Wissenschaft muss Rechenschaft ablegen - nach innen wie nach außen. Früher geschah das in höfischen Zirkeln oder Akademien, heute in Fachzeitschriften. Diese interne Kommunikation erreicht selten die Öffentlichkeit, die externe sucht die große (Laien-)Öffentlichkeit - aus vielen Gründen.

Wo steht die Wissenschaft in der Gesellschaft? Wie ist es um das wechselseitige Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit bestellt? Wissenschaft spielt in unserer post-industriellen (Ersten) Welt eine immer wichtigere Rolle. Soziologen (Weingart, Beck, Giddens) sprechen von einer „Verwissenschaftlichung“ der Gesellschaft: Kaum ein Lebensbereich, der nicht von systematischer und kontrollierter Reflexion durchdrungen wäre.

Am meisten investiert die Wirtschaft

Die Wirtschaft investiert immer mehr in FuE. (Foto: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft)
Wissenschaft beschränkt sich nicht mehr auf das Wissen über Naturgesetze und deren Erforschung. Sie findet längst auch außerhalb der Mauern ehrwürdiger Universitäten statt, in einer Vielzahl von Instituten, Firmen oder Nicht-Regierungs-Organisationen. Obwohl nur ein Viertel der wissenschaftlichen Fachliteratur von Autoren aus der Wirtschaft stammt – der nichtakademische Bereich steckt in Deutschland mehr als doppelt so viel Geld in Forschung und Entwicklung, überwiegend in Produkterneuerungen und Patente.

Auszug aus dem Elfenbeinturm

Schüler sind eine bevorzugte Zielgruppe der Wissenschaftskommunikation. (Foto: Uni Ulm) © Uni Ulm
Wissenschaft hat die vormals klaren Grenzen der Disziplinen überschritten. Interdisziplinarität wurde zum wissenschaftspolitischen Schlagwort. Damit einhergegangen ist ein fundamentaler Funktionswandel der Wissenschaft. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Öffentlichkeit der Wissenschaft nur von der Scientific Community selbst hergestellt wurde und der Forscher nach langen Jahren im abgeschiedenen Labor ins grelle Licht der Öffentlichkeit trat. Eine jüngst veröffentlichte Studie (DOI:10.1126/science.1157780) fördert das Gegenteil zutage: Viele leitende Forscher haben ihre Berührungsängste zu Massenmedien überwunden.

Wissenschaft wird sozialisiert

Heute bildet die Gesellschaft als Ganze die Öffentlichkeit und ihre Erwartung an die Wissenschaft ist beträchtlich: Die Politik will Beratung, Arbeitsplätze (Innovation) und Sicherung zukünftigen Wohlstandes und sonnt sich gerne im Glanz geförderter Forschung. Wissen wird für viele Bereiche der Wirtschaft zum begehrenswerten, patentierbaren Objekt. Wo Wissenschaft ständig angeführt wird, gerät diese selbst immer öfter ins Blickfeld der Medien. Wissenschaft wird gewissermaßen vergesellschaftet.

Immer schneller, größer und …unübersichtlicher

Wissenschaft wächst im Vergleich zu anderen Teilbereichen der Gesellschaft am schnellsten, verdoppelt grob alle 15 Jahre ihr Wissen. Das ändert ihre Identität und beeinflusst auch ihre Umwelt (Weingart, 30f.). Wissenschaft wird immer unübersichtlicher: Die DFG unterscheidet 201 Fächer, der Science Citation Index nennt 250 Kategorien und rund 7.500 Zeitschriften. Wissenschaft spezialisiert sich nach innen, schafft neue Bereiche. Die Einheit der Disziplinen zerfällt; in den dynamischen Biowissenschaften wird diese Aufsplitterung an den -omics-Suffixen augenfällig.

Fern und doch allgegenwärtig

Mit ihrer wachsenden Spezialisierung entfernt sich die Wissenschaft einerseits immer mehr von der Erfahrungswelt der Laienöffentlichkeit - die Distanz zu ihr nimmt zu. Andererseits führt das, was Soziologen „Verwissenschaftlichung der Gesellschaft“ nennen, dazu, dass immer mehr Bereiche der Gesellschaft wissenschaftlich analysiert werden, was die Distanz der Wissenschaft zur Gesellschaft wieder verringert. Als Paradebeispiele lassen sich die Umweltwissenschaften, die Klima- oder Risikoforschung nennen.

Eingebunden oder instrumentalisiert?

Immer mehr wird die Wissenschaft im öffentlichen politischen Diskurs als Legitimationsquelle in Dienst genommen. Niemand überschaut mehr die wissenschaftlichen Beratergremien, Kommissionen, Technikfolgenabschätzungsakademien oder Thinktanks. Das Muster der Auseinandersetzung hat hierzulande spätestens mit der Diskussion um die Folgen der Atomkraft eine Kultur von Experten und „Gegenexperten“ hervorgebracht.

Mehr Wissen bedeutet mehr Nichtwissen

Das hat einerseits das Wissens demokratisiert, andererseits das Maß der Unsicherheit erhöht, weil die Legitimation der Wissenschaft im Experten-Streit wieder zu verloren gehen droht. Auch die ungeheure Wissensproduktion und daraus entwickelte neue Technologien haben ihre Kehrseite: Sie vergrößern das Nichtwissen, die Unsicherheit und Risiken, an denen die Grenzen des Expertentums, der Wissenschaft deutlich werden. Ohne biomedizinischen Fortschritt wäre wohl kaum die Diskussion darüber entbrannt, wann genau ein menschliches Leben beginnt.

Europäische Umfragen (Special Eurobarometer 224, 2005) zum Verhältnis der Bevölkerung zu Nutzen und Risiken der Wissenschaft haben ergeben, dass Wissensgesellschaften ein aufgeklärt kritisches Verhältnis zu ihr entwickelt haben. Die Öffentlichkeit als Betroffene von Risiken neuen Wissens und neuer Technologien will selbst an den Entscheidungen beteiligt sein.

Werbung um Vertrauen und Zustimmung

Daraus folgt für die Wissenschaft, dass sie das Vertrauen und die Zustimmung der Öffentlichkeit gewinnen muss. Das begann in den USA mit Kampagnen wie des „Public Understanding of Science“, wurde in Deutschland mit der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ weiterentwickelt und auf europäischer Ebene mit Richtlinien zur Expertenbefragung (White Paper on Democratic Governance) fortgeführt. Darüber hinaus wurden „runde Tische“ und Konsensuskonferenzen entwickelt. All diesen Foren fehlt jedoch die demokratische Legitimation. Sie erscheinen eher als öffentliche Inszenierung des Dialogs zwischen Fachleuten und Laien, bemängeln nicht nur Wissenschaftssoziologen.

An den Medien führt kein Weg vorbei

Eine entscheidende, wenn nicht die entscheidende Bedeutung haben die Medien für die um Aufmerksamkeit buhlende Wissenschaft erhalten. Für die Wissenschaft birgt diese vermittelte Kommunikation nicht nur die Vorteile einer schnellen und massenhaften Verbreitung von Informationen. Aus Sicht der Wissenschaft ist dieser Kommunikationsweg nicht risikofrei, bedeutet er doch den Verlust der Deutungshoheit, wenn Wissenschaftsjournalisten das tun, was sie immer tun sollten: kritisch sichten, sich gar nicht erst die rosarote PR-Brille der Wissenschaftseinrichtung aufsetzen, den Blick fürs Ganze haben, die Wissenschaft als interessegeleiteten Teil der Gesellschaft verstehen und zuallererst fragen „cui bono“.
Eines jedenfalls scheint klar: Die Wissenschaft hat in diesem Prozess ihren gesellschaftlichen Sonderstatus verloren.
Wissenschaftskommunikation will Themen aus Forschung und Lehre einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Darüber wird sie selbst zum Objekt der Grundlagenforschung (DFG-Schwerpunktprogramm 1409: Wissenschaft und Öffentlichkeit: Das Verständnis fragiler und konfligierender wissenschaftlicher Evidenz).
Dies geschieht, wenn sich (außer-)universitäre Einrichtungen an die (Teil-)Öffentlichkeit wenden über ihre PR-Stellen, die vom Wissenschaftsfernsehen (z. B. DFG Science TV) bis zur Pressemitteilung auf das immer breiter gefächerte Angebot der Öffentlichkeitsarbeit zurückgreifen.

„Events“ inszenieren Wissenschaft

Unis gehen an die Öffentlichkeit, hier Summer Science Camp an der Ulmer Uni. (Foto: Uni Ulm)
Wissenschaft wird von ihren Akteuren zusehends auch in aufwändigen Veranstaltungen inszeniert. Dies geschieht über Forschungsschiffe, Biotech-Trucks, Science Center, „Kinder-Unis“ oder Wissenschaftssommer. Man denke auch an die PUSH-Initiative des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, die 1999 ins Leben gerufen wurde, um den Dialog zwischen Gesellschaft und Wissenschaft zu intensivieren. Aus dieser Initiative ging das Programm „Wissenschaft im Dialog“ hervor.

Wettbewerb um Ressourcen und Aufmerksamkeit

„It’s the economy, stupid“, lautete der erfolgreiche Slogan des Wahlkämpfers Bill Clinton 1992. Ähnlich könnte man eine Entwicklung der letzten Jahre zuspitzen: Eine von der Politik maßgeblich betriebene Ökonomisierung weiter Teile der Gesellschaft, die auch vor dem Wissenschaftssystem nicht Halt gemacht hat. Für die Wissenschaft hat das zur Folge, dass sie sich neben einer genuin wissenschaftsimmanenten Logik (Erkenntnisfortschritt; gute Lehre) zusehends wissenschaftsfremden Gesetzen ausgesetzt sieht. Ein Wettbewerb um Ressourcen und Aufmerksamkeit hat eingesetzt, der mehr und mehr dem Fetisch „Anwendung“ huldigt, die Grundlagenforschung und alles nicht wirtschaftlich Verwertbare ins Abseits zu drängen scheint.

Literaturhinweis:
Hettwer, Holger; Lehmkuhl, Markus et al. (Hrsg.), WissensWelten. Wissenschaftsjournalismus in Theorie und Praxis, Verlag Bertelsmann Stiftung Gütersloh 2008, darin u.a.: Peter Weingart, Wissen ist Macht? – Facetten der Wissensgesellschaft, S. 25 ff.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/dossier/wissenschaftskommunikation-warum-wissenschaft-immer-oeffentlicher-wird