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Erste Gentherapie in Europa vor Zulassung

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat als erste Zulassungsstelle der westlichen Welt die Zulassung eines Gentherapie-Medikaments empfohlen. Hierbei handelt es sich um ein Gentherapeutikum, das basierend auf einem Adeno-assoziierten viralen Vektor das Gen für die Lipoproteinlipase (LPL) in denjenigen Patienten ersetzt, deren LPL nicht funktioniert.

LPL-Defizienz zählt zu den seltenen Erkrankungen und kommt damit per definition bei weniger als einer von 2.000 Personen in der Europäischen Union vor. Insgesamt gibt es in der EU sogar nur ca. 1.000 Patienten mit LPL-Defizienz. Menschen, denen das Enzym LPL fehlt, weisen permanent hohe Fettkonzentrationen im Blut auf. Einige von ihnen leiden trotz strenger fettfreier Diäten an schweren oder ständigen Bauchspeicheldrüsenentzündungen. Für diese Gruppe schwererkrankter Patienten wurde die Zulassung der Gentherapie nunmehr empfohlen, da für sie - basierend auf der Reduktion der Blutfettwerte – die Wirksamkeit des Gentherapeutikums gezeigt worden war. Die EMA empfiehlt eine Zulassung unter außergewöhnlichen Umständen, d. h. sie verlangt von der Firma zusätzliche klinische Daten sowie Informationen aus einem zu etablierenden Register, um weitere Nachweise für den Effekt des Gentherapeutikums bei den behandelten Patienten zu bekommen.

Im Unterschied zur herkömmlichen medikamentösen Therapie erfolgt bei der Gentherapie keine Verabreichung eines direkt wirkenden Arzneimittels. Stattdessen sollen die Körperzellen durch die Gabe entsprechender Gene dazu veranlasst werden, die fehlerhaften oder fehlenden Proteine selbst zu produzieren. Gentherapie in ihrer engsten Definition (= Genkorrektur) bedeutet die Reparatur eines defekten Genabschnitts in der Zelle, also einen gezielten Austausch der fehlerhaften Sequenz. Im weiteren Sinne umfasst Gentherapie den Ersatz defekter Gene durch intakte Kopien (= Genaddition), die Inaktivierung pathogener Genprodukte (= Anti-Gen-Therapie, Antisense-Therapie) oder auch die indirekte Heilung von Krankheiten durch therapeutische Gene.

Gentherapien sind meistens noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase

Die große Bedeutung der Gentherapie ergibt sich daraus, dass eine solche Therapie eine echte Kausaltherapie wäre. Derzeit befinden sich gentherapeutische Ansätze allerdings noch weitestgehend im Forschungs- und Entwicklungsstadium mit wenigen Ausnahmen in China, den Philippinen und Indien, wo es bereits zugelassene Gentherapiepräparate für vereinzelte Indikationen gibt. Bei den klinischen Studien am Menschen nehmen die USA eine weltweite Führungsposition ein. Deutschland liegt nach dem Vereinigten Königreich auf Platz drei. Insgesamt wurden bisher mehr als 1.700 klinische Gentherapieprüfungen durchgeführt oder laufen derzeit.

Die wichtigste Voraussetzung für die therapeutische Anwendung der somatischen Gentherapie sind effiziente und sichere Methoden, um die Gene – die im Vergleich zu bisherigen Pharma-Wirkstoffen Riesenmoleküle darstellen – gezielt in menschliche Zellen einzuschleusen, ohne schwerwiegende Nebenwirkungen auszulösen. Die gerade zur Zulassung empfohlene Gentherapie basiert auf einem modifizierten viralen Vektor, der so verändert wurde, dass er keine Kopien mehr von sich selbst im Menschen erzeugen kann und auch keine Infektionen im Menschen hervorrufen kann.

Nach diversen Rückschlägen auf dem Gebiet der Gentherapie wurden in den letzten Monaten vermehrt Erfolge aus diversen klinischen Studien der Öffentlichkeit präsentiert. So listete unlängst das renommierte Wissenschaftsjournal Science den Anteil der Patienten auf, der von einer Gentherapie im Rahmen einer klinischen Studie profitiert hat: Schwerer kombinierter Immundefekt (17 von 20 Patienten), Adenosindesaminasemangel (26 von 37 Patienten),
Adrenoleukodystrophie (2 von 4 Patienten, vorläufiges Ergebnis), Lebersche kongenitale Amaurose (28 von 30 Patienten), Wiskott-Aldrich-Syndrom (8 von 10 Patienten), Beta-Thalassämie (1 von 1 Patienten), Hämophilie (6 von 6 Patienten).

Die biopharmazeutische Forschung ist die Basis für diese medizinischen Fortschritte zum Nutzen von Patienten und hat die Grundlage für die Behandlung von Patienten mit verschiedenen Gendefekten geschaffen. Die vielfältigen derzeit laufenden Aktivitäten von akademischen Forschern und forschenden Pharma- und Biotech-Unternehmen werden die Anwendung der somatischen Gentherapie künftig weiter voran bringen und damit die Heilung oder zumindest Linderung bisher nicht oder nur schwer therapierbarer Erkrankungen inklusive bestimmter Erbkrankheiten ermöglichen.

Herausgeber:

Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V.
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Glossar

  • Enzyme sind Katalysatoren in der lebenden Zelle. Sie ermöglichen den Ablauf der chemischen Reaktionen des Stoffwechsels bei Körpertemperatur.
  • Ein Expressionsvektor ist eine Genfähre, mit der man ein Gen für ein bestimmtes Protein in eine Wirtszelle (z.B. E. coli, Hefezellen) einschleusen kann. Außerdem ermöglicht der Expressionsvektor die Umsetzung des Gens in das Protein in der Wirtszelle, da er alle nötigen Regulationselemente hierfür enthält.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Pathogenität ist die Fähigkeit, eine Krankheit zu verursachen. Man unterscheidet zwischen human-, tier- und pflanzenpathogenen Erregern, die eine Krankheit spezifisch bei Mensch, Tier oder Pflanze hervorrufen.
  • Proteine (oder auch Eiweiße) sind hochmolekulare Verbindung aus Aminosäuren. Sie übernehmen vielfältige Funktionen in der Zelle und stellen mehr als 50 % der organischen Masse.
  • Nukleotidsequenzen sind Abfolgen der Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin auf der DNA (bzw. Uracil statt Thymin bei RNA).
  • Die somatischen Gentherapie dient der Kompensation von Gendefekten. Dabei wird die korrekte Form des defekten Gen in Körperzellen eingeschleust.
  • Ein Virus ist ein infektiöses Partikel (keine Zelle!), das aus einer Proteinhülle und aus einem Genom (DNA oder RNA) besteht. Um sich vermehren zu können, ist es vollständig auf die Stoffwechsel der lebenden Zellen des Wirtsorganismus angewiesen (z.B. Bakterien bei Phagen, Leberzellen beim Hepatitis-A-Virus).
  • Der schwere kombinierte Immundefekt (SCID) ist eine aufgrund eines Mangels an T-Lymphozyten angeborene Störung der zellulären Immunantwort. SCID-erkrankte Kinder haben schon früh wiederholte schwere Infektionen; die Patienten müssen in totaler Isolierung leben, da schon relativ harmlose Ansteckungen tödlich verlaufen können. Geheilt werden kann SCID bisher nur durch Knochenmarkstransplantation. Versuche, die Erkrankung durch Gentherapie zu heilen scheiterten aufgrund der Entstehung akuter Leukämien.
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