Ist Traurigkeit messbar?
Das Universitätsklinikum Tübingen beteiligt sich an einem neuen Verbundprojekt, welches mit Fördermitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt untersucht, wie Technologien unser Verständnis von Traurigkeit, Angst und Schmerz verändern.
Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen ist Partnerin im interdisziplinären Verbundprojekt „ShiftAffect – Shifted Boundaries", das unter der Leitung des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln erforscht, welche Folgen der Einsatz von sogenannten „affektiven Technologien“ für Medizin, Gesellschaft und für den Umgang mit menschlichen Gefühlen hat. Das Projekt ist 2026 gestartet und wird über drei Jahre mit einer Gesamtsumme von 1.017.132 Euro gefördert.
Traurigkeit, Angst und Schmerz gehören zu den Erfahrungen, die uns am unmittelbarsten betreffen. Zunehmend kommen Technologien zum Einsatz, die solche affektiven Zustände erfassen, deuten und beeinflussen sollen. Darunter finden sich beispielsweise Anwendungen des Affective Computing, die aus Sprache, Mimik oder Körpersignalen auf Gefühlslagen schließen, Verfahren der Neuromodulation mit Hirnstimulationsverfahren oder Neurofeedback, sowie smartphonebasierte Anwendungen, die Stimmungen im Alltag protokollieren.
Wenn sich die Grenze zwischen normal und behandlungsbedürftig verschiebt
ShiftAffect geht von der Beobachtung aus, dass solche Technologien nicht nur dabei helfen können, Angst, Schmerz oder Traurigkeit zu lindern, sondern sie verändern zugleich, was wir unter diesen Zuständen verstehen und wo die Grenze zwischen einer „normalen“ Erfahrung und einem behandlungsbedürftigen Zustand verläuft. Wenn eine Anwendung Traurigkeit als messbares Muster darstellt oder ein System Angst ab einem bestimmten Schwellenwert als auffällig markiert, verschiebt sich nicht nur die Behandlung, sondern die Kategorie selbst.
Der Tübinger Beitrag: Perspektiven aus der klinischen Praxis
Am Standort Tübingen verantwortet Frau PD Dr. Sarah Kayser gemeinsam mit Herrn Professor Andreas J. Fallgatter, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, die Untersuchung affektiver Technologien in der Psychiatrie. Das Tübinger Team führt dazu eine qualitative Interviewstudie durch, in der sowohl Patientinnen und Patienten mit eigener Behandlungserfahrung als auch Behandelnde zu ihrer Wahrnehmung und Einschätzung dieser Verfahren befragt werden.
Ebenfalls in Tübingen ist Professorin Kerstin Ritter vom Hertie Institute for AI in Brain Health, die die Analyse der technologischen Umsetzung affektiver Technologien leitet. Neben der Projektleitung in Köln (Professorin Dr. Orsolya Friedrich und Dr. Sebastian Schleidgen) sind weitere Projektpartner die Universität Münster (Professorin Dr. Claudia Bozzaro) und das Karlsruher Institut für Technologie (Dipl.-Ing. Nora Weinberger).