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HealthOn – Bessere Orientierung für die Nutzer von Health-Apps

HealthOn ist eine Informations- und Bewertungsplattform für Gesundheits- und Medizin-Apps in Deutschland. Die Pharmazeutin Dr. Ursula Kramer bloggt auf www.healthon.de seit 2011 über Gesundheits- und Medizin-Apps. Die Expertin für Gesundheitskommunikation möchte Verbrauchern und Patienten, aber auch Ärzten und Apothekern helfen, sich im Dschungel der Apps zu orientieren. Mittlerweile hat sie mit ihrem Team schon weit über 6.000 Apps analysiert. Auf HealthOn bietet sie Zugang zu unabhängigen Testberichten von über 450 Gesundheits-Apps. Im Gespräch mit Dr. Ariane Pott für die BIOPRO Baden-Württemberg erklärt Dr. Ursula Kramer, worauf Verbraucher bei der Nutzung einer App achten sollten und wie man die Hersteller in die Pflicht nehmen kann.

Glossar

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) wird durch einen Mangel an Insulin hervorgerufen. Man unterscheidet zwei Typen. Bei Typ 1 (Jugenddiabetes) handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit, bei der körpereigene Immunzellen die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produzieren, zerstören. Typ 2 (Altersdiabetes) ist dagegen durch eine Insulinrestistenz (verminderte Insulinempfindlichkeit der Zielzellen) und eine verzögerte Insulinausschüttung gekennzeichnet.
  • Screening kommt aus dem Englischen und bedeutet Durchsiebung, Rasterung. Man versteht darunter ein systematisches Testverfahren, das eingesetzt wird, um innerhalb einer großen Anzahl von Proben oder Personen bestimmte Eigenschaften zu identifizieren. In der Molekularbiologie lässt sich so z.B. ein gewünschter Klon aus einer genomischen Bank herausfiltern.
  • Die Zelldifferenzierung bezeichnet die Spezialisierung von Zellen in Bezug auf ihre Funktion und ihre Struktur. So entstehen aus undifferenzierte Stammzellen verschiedene Zelltypen wie Herzmuskel-, Nerven- oder Leberzellen, die ganz unterschiedlich ausssehen und verschiedene Aufgaben erfüllen.

Wie kam es zur Gründung der Bewertungsplattform HealthOn?

Dr. Ursula Kramer bloggt auf healthon.de. © healthon.de

Bei der Entwicklung der ersten, eigenen Gesundheits-App haben wir geschaut, wer eigentlich überprüft, ob eine App inhaltlich das bringt, was sie verspricht, und dann festgestellt, dass es keinerlei Kontrolle oder inhaltliche Prüfung zur Verbraucherorientierung gibt. Auf Basis der weltweit akzeptierten Kriterien der HON-Stiftung (Health On the Net), die für Webseiten mit vertrauensvollen Gesundheitsinformationen den sogenannten HON-Code vergibt, haben wir dann 2012 den HealthOn-Ehrenkodex entwickelt. Der Ehrenkodex umfasst insgesamt sieben Kriterien, mit denen auch Verbraucher recht einfach einschätzen können, ob eine App vertrauenswürdig ist. Wir entwickelten einen entsprechenden Online-Test, mit dem unter anderem diese Kriterien abgefragt werden, um festzustellen, ob der Anbieter es „ehrlich“ mit den Nutzern meint.

Was wird mit dem HealthOn-Ehrenkodex abgefragt?

Es sind formale Basisangaben, die Aufschluss geben über die Sinnhaftigkeit eines App-Konzeptes und die Fundiertheit der gesundheitsbezogenen Informationen. Wenn eine App zum Beispiel gesundheitsbezogene Tipps vermittelt, dann sollte sie auch darüber aufklären, von wem die Infos stammen, also ob der Autor über die entsprechende Sachverständigkeit verfügt. Auch die Frage der Finanzierung ist sensibel: 90 Prozent der Apps werden kostenlos angeboten. Deshalb ist es legitim zu fragen, warum ein bestimmter Anbieter eine App finanziert. Auch eine Erklärung zur Werbepolitik ist wichtig, damit Nutzer sicher sein können, dass Gesundheitsinformationen frei sind von werbe- oder produktbezogenen Aussagen. Es ist nicht schlimm, wenn in einer App Werbung gezeigt wird, aber es ist wichtig, dass diese Werbung vom Inhalt klar getrennt ist. Weitere Punkte sind Impressum, Kontaktangaben und Datenschutzerklärung. Wenn ein Anbieter komplett undercover bleibt und keinerlei Angaben zum Datenschutz macht, dann muss ich mich als Nutzer natürlich fragen, ob ich dieser App personenbezogene Gesundheitsdaten von mir anvertraue. Anbieter von Gesundheits-Apps, die ihre besondere Verantwortung ernst nehmen, informieren ihre Nutzer umfassend. Fehlen in einer Gesundheits-App viele dieser Angaben, sollten Verbraucher weitersuchen nach einer App, die ihr Sicherheitsbedürfnis ernster nimmt.

Wie erfolgt die Analyse der Apps?

Die Homepage der Bewertungsplattform healthon.de. © healthon.de

Die Online-Tests mit den Fragekatalogen sind direkt auf unserer Website. Wir unterscheiden zwischen einem Fragenkatalog für Hersteller von Apps und einem Online-Test für Verbraucher bzw. Patienten. Wenn man also als Nutzer eine Gesundheits-App gut findet und möchte, dass diese App in der HealthOn-Datenbank aufgeführt wird, kann man das Formular nutzen. Wenn Sie als Entwickler oder Anbieter Ihre App testen, wird auch abgefragt, ob Sie aus der Technik stammen oder einen medizinischen oder wissenschaftlichen Hintergrund haben. Wenn der Test abgeschickt wird, checken wir den Test auf Plausibilität und prüfen, ob wir zum selben Ergebnis kommen. Im kurzen Testbericht erscheinen dann die Anwendungsgebiete der App, die Unterstützungsfunktionen, die die App bietet, und ob und wenn ja welche Qualitäts- und Transparenzkriterien sie offenlegt. Über farbige Symbole, sogenannte Icons, kann man schnell sehen, welche Kriterien erfüllt werden und welche nicht. Die Testberichte aller Gesundheits-Apps können Verbraucher auf der Suche nach einer geeigneten App dann mit Stichworten oder verschiedenen Filtern durchsuchen.

Wie wählen Sie die Apps aus, die Sie testen?

Wir untersuchen nicht Einzel-Apps, sondern in der Regel Indikationsgruppen, z. B. Schmerz-Apps oder Diabetes-Apps. Wo der Bedarf besonders hoch ist aufgrund der großen Public-Health-Relevanz, das heißt der hohen Krankheitslast und der großen Bedeutung verhaltensbedingter Risikofaktoren, versuchen wir den Markt umfassend zu screenen. Das bedeutet, wir schauen, welche Apps tatsächlich für deutschsprachige Verbraucher verfügbar sind, gehen dabei so vor wie Verbraucher, die mit Suchbegriffen in den App-Stores nach Apps suchen. Wir testen nur Apps, die frei verfügbar sind und ohne Zugangskontrolle, wie Anfangsgebühren, genutzt werden können. Die Methodik unseres Vorgehens legen wir offen, und so kann jeder sehen, warum wir eine bestimmte App getestet haben und eine andere nicht.

Worauf muss der Verbraucher also achten, wenn er eine App im Store sucht?

Es ist für Verbraucher mühsam, eine Gesundheits-App zu finden, die sie bei der Erreichung spezieller Gesundheitsziele unterstützt und die gewünschten Funktionen bietet. Man muss sich hier richtig durchwühlen, um zu finden, was wirklich zu einem passt und dann auch tatsächlich genutzt werden kann. Wenn man zum Beispiel nach einer App für Vorsorgeuntersuchungen schaut, dann muss der Nutzer wissen, gilt das hier tatsächlich auch für mich? Oder ist die App zwar deutschsprachig, aber bezieht sich auf Empfehlungen aus einem anderen Land, wie zum Beispiel der Schweiz oder Österreich, oder ist nur ins Deutsche übersetzt und gilt im Endeffekt für die USA.

Wie hat sich in den letzten Jahren das Angebot an Gesundheits- und Medizin-Apps entwickelt?

Das HealthOn-Siegel markiert Apps, die in allen Qualitätskriterien dem HealthOn-App-Ehrenkodex für vertrauensvolle Gesundheitsinformationen in Apps entsprechen. © healthon.de

Das Angebot wächst weiter stark und bedient die große Nachfrage von Nutzerseite. So überbieten sich Storebetreiber und App-Entwickler mit Zahlen zwischen 100.000 und 400.000. Wir schauen ein wenig differenzierter auf das Angebot, das hier in Deutschland Verbrauchern und Patienten zur Verfügung steht. In den beiden Kategorien „Gesundheit & Fitness“ und „Medizin“ umfasst dieses Angebot derzeit ca. 8.000 Apps. Von diesen ist ein winzig kleiner Teil als Medizinprodukt zugelassen: Im März 2016 waren es bei Google Play 10 Apps. Zum Vergleich: 196 Apps haben derzeit eine Zulassung der FDA, der amerikanischen Zulassungsbehörde.

Qualitativ sehen wir eine Veränderung der Funktionen. Die werden individualisierter und bieten einen komplexeren Unterstützungsbedarf. Vor Jahren waren es hauptsächlich Apps, mit denen zum Beispiel Adressen von Ärzten oder Kliniken gesucht werden konnten.

Wie sehen Sie den Regulierungsbedarf im App-Markt?

Eine App, die zum Beispiel mit einem Messgerät gekoppelt ist, braucht eine Zulassung – das ist unstrittig. Wenn man sich die meisten Apps anschaut, die Gesundheitsverhalten aufzeichnen, auswerten und daraus Tipps zur Verhaltensänderung anstoßen, so ist der Schutz der persönlichen Gesundheitsdaten besonders wichtig. Hier sind noch viele Fragen offen: zum Beispiel, ob Nutzer dann von ihrer Krankenkasse belohnt werden sollen, und wenn ja, wie? Der Ansatz, den wir vertreten, ist die Stärkung des Verbrauchers und seiner Fähigkeiten, mit neuen, digitalen Unterstützungshilfen verantwortlich und selbstbestimmt umgehen zu können. Wir schaffen Transparenz, damit sich Verbraucher besser orientieren können. Weil der Markt global ist – nur etwa acht Prozent aller Gesundheits-Apps werden hier in Deutschland als deutschsprachige Apps vertrieben –, wird eine nationale Regulierung von staatlicher Seite wenig bewirken können, andererseits für die Anbieter hier in Deutschland mit Wettbewerbsnachteilen verbunden sein.

Was schlagen Sie daher vor?

Wir müssen uns intelligentere Systeme überlegen, um Verbraucher zu schützen – ähnlich wie das mit der Alterseinschätzung bei Spiele-Apps funktioniert. Vor der Veröffentlichung einer Spiele-App muss der Hersteller einen Fragenkatalog beantworten. Aus diesem Fragenkatalog ergibt sich dann, für welches Alter das Spiel geeignet ist. Das sieht der Verbraucher im Store an einem Icon bei der App. Und so ähnlich könnte ich es mir bei den Medizin- und Gesundheits-Apps vorstellen. Der Hersteller muss zu diesen oben erwähnten Basiskriterien informieren und der Verbraucher erkennt an einem Symbol, wie umfassend der App-Anbieter dies tut. Damit nimmt man die Anbieter stärker in die Verantwortung ohne die Dynamik abzustoppen, zum Beispiel durch eine Behörde, die jede App prüft, oder durch Zulassungsprozesse, die nationale Anbieter benachteiligen. Zudem wird auch der Verbraucher in die Pflicht genommen hinzuschauen.

Wie entwickelt sich Ihrer Meinung nach der eHealth-Markt in Deutschland?

Im Moment werden Health-Apps noch als Stand-alone-Lösung genutzt: Der Patient macht es mit sich selber aus, wenn er zum Beispiel eine Diabetes-App nutzt. Er kann die Daten aus digitalen Tagebüchern oder Fitness-Trackern zwar schon heute mit dem Arzt teilen. Aber genau dort haben wir dann unsere Probleme, denn der Arzt weiß nicht, wie er mit den Daten umgehen soll. Kann der Arzt den Daten überhaupt vertrauen, sie in die Therapieentscheidungen mit einbeziehen, wie valide sind sie? Wie ist es mit der Haftung bei der Nutzung dieser Daten? Man muss die Rahmenbedingungen so gestalten, dass es auch eine Sicherheit für die Leistungserbringer gibt und dass auch die Fragen der Honorierung geklärt sind. Erst wenn die erforderlichen Rahmenbedingungen geschaffen sind und klar ist, wie welche Daten genutzt werden können und sollen, schaffen es Health-Apps als neue Bausteine in die Regelversorgung. Bis dahin werden auch die Methoden entwickelt sein, mit denen Wirksamkeit und Nutzen nachgewiesen werden können. Denn das ist die Voraussetzung, wenn man an Apps auf Rezept denkt.

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