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Neurodegenerative Krankheiten

Nach Schätzungen gibt es zur Zeit in Deutschland etwa 1,2 Millionen Demenzkranke, und jährlich erkranken 200.000 Menschen neu. Bis zum Jahr 2050 wird jeder Dritte in Deutschland über 60 Jahre alt sein. Die Zahl der altersbedingten Krankheiten, besonders der Demenzkrankheiten, für die es bisher keine wirksame Therapie oder Heilung gibt, wird stark ansteigen. Angesichts der enormen Fallzahlen suchen viele Pharma-Unternehmen mit Hochdruck nach neuen Wirkstoffen zur Therapie von neurogenerativen Erkrankungen.

Prof. Dr. Konrad Beyreuther, Heidelberg, ist einer der führenden Alzheimer-Experten. Er ist Gründungsdirektor des Netzwerk Alternsforschung (NAR) in Heidelberg. © ZMBH
Deutschlands Bevölkerung wird immer älter und das zieht so manche Risiken mit sich. Denn je älter man wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit an einer Demenz zu erkranken. Neurodegenerative Erkrankungen gehen mit dem Abbau bestimmter Nervenzellpopulationen im Zentralnervensystem einher. Meist treten sie bei Menschen höheren Alters auf, doch nicht alle neurodegenerativen Erkrankungen sind altersbedingt. Eins haben sie jedoch gemeinsam: Sie sind alle noch nicht heilbar.

Derzeit gibt weltweit etwa 35 Millionen Erkrankte. Die Auswirkungen sind vielfältig und reichen von psychischen und kognitiven bis zu motorischen Störungen. In Deutschland beträgt die mittlere Lebenserwartung bis zum Jahr 2050 für Männer 81 und für Frauen 87 Jahre. Die Anzahl der über 80-jährigen in Deutschland wird sich verdreifachen - über ein Drittel der Deutschen wird über 60 Jahre alt sein. Bei einem so großen Wachstum der älteren Bevölkerung schätzt man ein Ansteigen von neurodegenerativen Erkrankungen auf 115 Millionen Betroffene weltweit.

Die häufigsten Formen sind sogenannte Demenzen (dt. Verstandesverlust) wie beispielsweise die Alzheimer-Krankheit. Neben den Demenzen gibt es noch eine weitere häufig vorkommende Form der neurodegenerativen Erkrankungen, die motorische Störungen hervorruft. Dazu gehört beispielsweise der Morbus Parkinson, bei dem Nervenzellen im Mittelhirn absterben. Dadurch kommt es zu Muskelzittern oder -lähmungen.

Alzheimer-Krankheit

Im Gehirn von Alzheimer-Patienten klumpt das Protein Amyloid-beta zu unlöslichen Ablagerungen zusammen. Die giftigen Verklumpungen (hier braun angefärbt) lassen Nervenzellen absterben, bis das Hirn nicht mehr funktionstüchtig ist. © Universitätsklinikum Tübingen / Mathias Jucker

Die bekannteste und häufigste Demenzerkrankung ist die Alzheimer-Krankheit. In Deutschland sind fast eine Million Menschen davon betroffen, bei den über 80-jährigen sind es bereits 20 Prozent. Häufig leiden die Angehörigen am meisten unter den Symptomen. Erinnerungen gehen verloren, das Kurzzeitgedächtnis ist gestört, die Menschen werden antriebslos und bettlägerig. Die Persönlichkeit der Patienten verändert sich häufig, sie können depressiv, aggressiv, apathisch oder orientierungslos werden.

Das Deutsche Kompetenznetz Demenzen, gefördert vom BMBF, versucht durch Koordination der Medikamenten-Forschung Therapiemöglichkeiten zu verbessern, die das Voranschreiten der Krankheit verzögern sollen. So soll nicht nur den Patienten, sondern auch deren Angehörigen geholfen werden.

Ein Heilmittel für Alzheimer gibt es bis jetzt noch nicht, und auch die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Genetische Prädispositionen wurden bereits entdeckt, und auch verdächtige Amyloid-Ablagerungen im Gehirn der Patienten sind bekannt. Durch den Abbau von Nervenzellen kommt es im Verlauf der Krankheit zu Acetylcholin-Mangel im Gehirn. Acetylcholin ist ein Botenstoff zur Signalweiterleitung. Der Mangel ist eine Ursache für verschlechterte Hirnfunktionen. Neurotransmitter werden von Nervenzellen ausgeschüttet und nach Signalweiterleitung wieder abgebaut. Der Krankheitsverlauf von Demenzen wie Alzheimer lässt sich bisher durch sogenannte Antidementiva verzögern. Dies sind häufig Acetylcholinesterase-Hemmstoffe, die den Acetylcholinabbau verhindern.

Außerdem arbeiten Forscher an der Entwicklung eines Impfstoffs. Neben Cholesterin- und Entzündungshemmern, die noch zu viele Nebenwirkungen hervorrufen, wird auch an völlig neuen Medikamenten geforscht.

Forschung und Entwicklung

Angesichts der enorm wachsenden Fallzahlen hat eine intensive Suche nach neuen Therapien und Diagnosemöglichkeiten eingesetzt. Ursachenforschung ist der Grundstein für neue Therapieansätze. Das ist der Forschungsbereich des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung in Tübingen.
 
Doch ohne die richtige Diagnose, kann kein Medikament Heilung bringen. Diagnostik ist somit ein weiterer wichtiger Bereich, in dem noch geforscht wird. Klassische Methoden, wie einfache Tests der Gedächtnisleistung führen nicht immer zu einer eindeutigen Diagnose. Neuere Methoden, wie biologische Marker in der Hirnflüssigkeit oder genetische Tests sind viel versprechender, werden aber seltener angewandt und müssen noch weiter entwickelt werden.
 
Neben Medikamenten die Krankheitsverläufe verzögern, soll es zukünftig auch Nervenprothesen geben, die Nervenzellen zum Wachstum animieren. Solch eine Neuromikrosonde soll die motorischen Störungen bei neurodegenerativen Erkrankungen lindern und zur Nervenregeneration beitragen. Gefördert wird die Entwicklung vom BMBF im Verbundprojekt „Neuromikrosonde“. Implantate, die als „künstliche Synapsen“ fungieren, sind ebenfalls in der Entwicklung. Sie sollen Nervenendigungen ersetzen und Botenstoffe aussenden.
 
Auch sogenannte Orphan Drugs sollen zukünftig besser erforscht werden. Orphan Drugs sind Medikamente zur Behandlung seltener Krankheiten. Je geringer die Nachfrage, desto weniger lohnt sich die Erforschung solcher unwirtschaftlichen Medikamente und desto mehr Unterstützung – vor allem auf EU-Ebene – brauchen Unternehmen und Forscher hierfür. Genau diese Unterstützung nutzen nun auch Ulmer Neurologen. Zu den seltenen neurodegenerative Erkrankungen gehören beispielsweise die amyotrophe Lateralsklerose und die Friedreich-Ataxie, aber auch seltene Formen der Parkinson-Krankheit oder der multiplen Sklerose.

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Mit Kompetenz im biologischen Sinn ist die Eigenschaft eines Bakteriums gemeint, DNA von außen aufnehmen zu können.
  • Mit einem Gentest können durch die Analyse der DNA Rückschlüsse auf verschiedene Merkmale eines Individuums gezogen werden. Ein Gentest kann zur Aufklärung medizinisch-diagnostischer Fragen wie der genetischen Ursache einer Krankheit oder der Untersuchung von Krankheitsanfälligkeiten dienen. DNA-Analysen werden auch durchgeführt, um einen sogenannten Genetischen Fingerabdruck zu erstellen, mit dem Identitäts- und Verwandtschaftsfragen geklärt werden können.
  • Unter Degeneration verstehet man in einem medizinisch-biologischen Sinn die Rückbildung und den Verfall von Zellen, Geweben oder Organen.
  • Die Neurologie ist ein Teilgebiet der Medizin und befasst sich mit den Erkrankungen des Nervensystems.
  • Synapsen sind die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen untereinander bzw. Nervenzellen und anderen Zellen (z.B. Muskelzellen). In chemischen Synapsen wird ein ankommender elektrischer Impuls der Nervenzelle in ein chemisches Signal umgewandelt: Es werden sogenannte Neurotransmitter ausgeschüttet, die wiederum die Zielzelle zur Erzeugung eines elektrischen Impulses anregen.
  • Neurotransmitter sind biochemische Botenstoffe, die an der Synapse, der Kontaktstelle zwischen Nervenzelle und Zielzelle, ausgeschüttet werden und so für die Signalweiterleitung sorgen. Die Ausschüttung der Transmittermoleküle wird durch ankommende elektrische Impulse (Aktionspotenziale) in der Nervenzelle veranlasst. Die Neurotransmitter binden nach der Ausschüttung an spezifische Rezeptoren in der Membran der nachgeschalteten Zielzelle und lösen dadurch wiederum ein Aktionspotenzial aus.
  • Demenz ist eine neuronale Erkrankung, bei der es zu einer fortschreitenden Einschränkung der Leistungsfähigkeit des Gehirns kommt. Betroffen sind vor allem das Kurzzeitgedächtnis, das Denkvermögen, die Sprache und die Motorik. Nur bei einigen Formen verändert sich auch die Persönlichkeitsstruktur.
  • Die Alzheimer-Krankheit (auch Morbus Alzheimer genannt) ist eine langsam fortschreitende Demenz-Erkrankung, die sich in einer immer stärkeren Abnahme der Hirnfunktionen äußert. Sie tritt vor allem im Alter auf. Die Hauptursache von Alzheimer sind intrazelluläre Ablagerungen eines Fragments des Amyloid-Vorläufer-Proteins (APP), wodurch es zu einem zunehmenden Verlust von Nervenzellen und damit der Gehirnmasse kommt. Die Betroffenen zeigen anfangs nur eine geringfügigen Vergesslichkeit. In späteren Stadien sind vor allem die Sprache, das Denkvermögen und das Gedächtnis beeinträchtigt. Im Endstadium der Krankheit kommt es schließlich zu einem vollständigen Verlust des Verstandes sowie der Persönlichkeit der betroffenen Personen.
  • Die Parkinson-Krankheit (auch: Morbus Parkinson) ist eine langsam fortschreitende degenerative Erkrankung des Gehirns. Ausgelöst wird sie durch das Absterben von Dopamin ausschüttenden Nervenzellen im Gehirn. Dadurch kommt es zu einem Mangel an Dopamin und zu einer verminderten Aktivität der sog. Basalganglien, die wichtig für die Kontrolle der Motorik sind. Die fortschreitende Störung der Motorik äußert sich in den typischen Parkinson-Symptomen Muskelstarre, Muskelzittern Bewegungsarmut, sowie Haltungsinstabilität.
  • Neurodegenerative Erkrankungen sind Erkrankungen des Nervensystems, die auf dem fortschreitenden Verlust von Nervenzellen beruhen. Oft sind diese Krankheiten erblich bedingt oder haben zumindest eine erbliche Komponente. Beispiele sind: Alzheimer, Parkinson, Chorea Huntington oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS).
  • Acetylcholin ist ein wichtiger Neurotransmitter (Botenstoff der Nervenzellen), der auf nachgeschaltete Nerven oder Muskeln erregend wirkt. Er spielt vor allem eine Rolle bei der Kontraktion der Muskulatur, ist aber auch ein wichtiger Botenstoff im Gehirn.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/dossier/neurodegenerative-krankheiten/